Interview mit Antonius Wiesemann

Windkraft, Moschee, Gertrüdchen, Corona: Bürgermeister bezieht Stellung

Bürgermeister Antonius Wiesemann:  „Ein Ersatz-Gertrüdchen kann und wird es nicht geben.“
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Bürgermeister Antonius Wiesemann: „Ein Ersatz-Gertrüdchen kann und wird es nicht geben.“

Im Interview zum Jahreswechsel hat sich Neuenrades Bürgermeister Antonius Wiesemann über Themen geäußert, die die Menschen in seiner Stadt bewegten und bewegen.

Neuenrade – Ein ungewöhnliches Jahr ist vorüber. Die Corona-Pandemie, die damit verbundenen Einschränkungen und die Existenzängste, mit denen auch Neuenrader kämpfen müssen, haben viele andere Themen in den Hintergrund gedrängt. Im Gespräch mit Bürgermeister Antonius Wiesemann beleuchtet Carla Witt einige der Planungen und Entwicklungen, die dennoch sehr bedeutsam für die Hönnestadt sind. Auch ein Ausblick auf das Jahr 2021 fehlt nicht.

Von den Gegnern des Moschee-Neubaus war lange nichts mehr zu hören. Haben Sie Hoffnung, dass es keine weiteren Proteste mehr geben könnte?
Der Neubau der Moschee ist ein wichtiges Thema für die Stadtentwicklung. Ich bin überzeugt, dass die richtige Entscheidung getroffen wurde. Die Park- und Verkehrssituation am bisherigen Moschee-Standort ist auf Dauer nicht tragbar. Der neue Standort, für den sich die gesamte Kommunalpolitik ausgesprochen hat, ist richtig, schon allein mit Blick auf die Parkmöglichkeiten. Die Einwände, die die Moscheegegner ins Feld führen, sind keine Themen für uns in Neuenrade. Ich kann nicht einschätzen, ob im kommenden Jahr noch Gegenwind zu erwarten ist. Allerdings habe ich die Hoffnung, dass die Neuenrader, die sich gegen den Bau der Moschee gestellt haben, doch noch Verständnis aufbringen. Die türkisch-islamische Gemeinde lebt seit 30 Jahren hier, ist gewachsen und eine Lösung musste gefunden werden. Die Größe des Neubaus ist natürlich immer wieder ein Thema. Doch jeder, der sich umorientiert und neu baut, wird bemüht sein, seine Möglichkeiten optimal auszunutzen.
Thema Windkraft: Auf dem Kohlberg herrscht Stillstand. Hoffen Sie, dass sich dort im neuen Jahr die Rotoren drehen könnten?
Ich würde mich freuen, wenn ab dem kommenden Jahr dort umweltfreundlicher Strom erzeugt würde. Es ist einfach notwendig, dass unsere Generation die Verantwortung für die folgenden Generationen übernimmt. Das Schlimme ist, dass uns die Optik stört, dabei sollte das Wohl unserer Nachkommen doch wichtiger sein als das persönliche Empfinden. Für die Neuenrade ist das Projekt eine Win-win-Situation: Auf der einen Seite steht der Klimaschutz, auf der anderen Seite ist es der Stadt möglich, durch die zusätzlichen Einnahmen weiterhin freiwillige Leistungen zu gewähren. Die Bürger von Neuenrade profitieren so natürlich mehr von dem Projekt als die Dahler. Allerdings hat der Projektor angekündigt, dass durch die Gründung einer Stiftung auch soziale Einrichtungen in der Region profitieren sollen. So käme der Betrieb der Anlagen auch den Dahlern zugute. Und bei allem Verständnis für anders lautende Meinungen: Die persönlichen Anfeindungen, mit denen ich konfrontiert worden bin, haben mich tief getroffen.
Welche Hoffnungen setzen Sie auf die Rückkehr des Discounters Aldi? Glauben Sie, dass Aldi auch außerhalb des eigenen Geschäftes an der Niederheide Kaufkraft nach Neuenrade zurückbringt?
Früher habe ich bei jeder Geburtstagsfeier die Frage gehört, wann der Aldi-Markt wohl nach Neuenrade zurückkommt. Das Interesse der Neuenrader war und ist groß, deshalb bin ich überzeugt, dass wieder mehr Kaufkraft in der Stadt bleibt. Ich glaube zudem, dass zumindest einige Bewohner der Ortsteile wieder vermehrt in Neuenrade einkaufen, und so auch andere Geschäfte in der Stadt von der Rückkehr des Discounters profitieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir eine optimale Verbindung für Fußgänger und Fahrradfahrer vom Mühlendorf zur Niederheide schaffen. Auf keinen Fall darf der Autoverkehr in diesem Bereich zunehmen. Deshalb ist es wichtig, dass wir die vorhandene Verkehrsstruktur dort und auch Am Wall komplett überplanen.
Sie haben angedeutet, dass es im Sommer 2021 eine Art Gertrüdchen-Ersatz geben könnte – falls es das Pandemie-Geschehen zulässt. Können Sie diese Überlegungen konkretisieren?
Ein Ersatz-Gertrüdchen kann und wird es nicht geben. Unser Neuenrader Fest ist einmalig und kann nicht einfach nachgeholt werden. Allerdings ist mir sehr wohl bewusst, dass Schausteller und Händler große Probleme haben. Für sie – und natürlich für die Neuenrader Bevölkerung – würde ich mir eine Festveranstaltung im Sommer wünschen. Allerdings ist es jetzt noch viel zu früh, um zu planen. Wir müssen abwarten, wie sich die Lage – auch angesichts der gerade begonnen Impfungen – entwickelt. Ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken und nichts versprechen, was ich vielleicht nicht halten kann.
Ein Rückblick auf die vergangenen, außergewöhnlichen Monate: Wie haben die Neuenrader die Corona-Krise bisher überstanden? Was hätten Sie persönlich als Stadtoberhaupt in diesem Zusammenhang gerne anders geregelt als es die Vorgaben zugelassen haben?
Bis jetzt haben sich die Neuenrader sehr gut und diszipliniert verhalten. Es gab nur einige überschaubare Ausreißer, und zunächst mussten sich ja alle auf die Einschränkungen einstellen. Dabei muss man sagen, dass wir es hier im ländlichen Bereich gut getroffen haben. Wir haben die Natur vor der Tür, können draußen Sport treiben, auch wenn die Vereinsaktivitäten ruhen. In einer 60-Quadratmeter-Stadtwohnung ohne Balkon, von der aus man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln noch fünf Minuten bis zum nächsten Park fahren muss, sieht das ganz anders aus. Zudem haben wir uns bemüht, im Sommer alles Machbare zu ermöglichen. Bücherei- und Zelius waren geöffnet, ebenso das Freibad. Aber für uns als Verwaltung war es nicht gut, dass wir nicht zeitnah über die Entscheidungen der Landesregierung informiert worden. Oft wusste die Presse mehr als wir. Im Herbst haben die Entscheidungsträger dann meines Erachtens zu lange mit dem Erlass neuer Einschränkungen gezögert. Hätte man früher reagiert, hätte sich das Virus nicht so weit verbreiten können. Da sich schon Bürger im Rathaus erkundigt haben: Die Reihenfolge, in der jetzt geimpft wird, ist gut und sinnvoll. Dass jetzt zunächst Senioren und medizinisches Fachpersonal geschützt wird, ist absolut richtig. Allerdings hat die Stadt Neuenrade keinen Einfluss darauf. Die Kreisgesundheitsämter und die Kassenärztliche Vereinigung legen die Reihenfolge fest.
Ein Ausblick auf 2021: Worauf können Sich die Menschen in Neuenrade und in den Ortsteilen freuen?
Darauf, dass zumindest halbwegs Normalität eintreten wird. Und bis es soweit ist, möchte ich jeden Einzelnen bitten, auf seine Mitmenschen zu achten, damit das Wir-Gefühl noch gestärkt wird und niemand unter Einsamkeit leidet. Freuen können wir uns außerdem auf die vielen guten Entwicklungen, die wir angestoßen haben und die weiter vorangetrieben werden. Stichwörter sind hier zum Beispiel die medizinische Versorgung, die Digitalisierung, auch in den Schulen, und natürlich die Stadtentwicklung. In Neuenrade werden wir eine neue Kita bekommen. Auch in den Ortsteilen haben wir vieles angestoßen. Es ist gerade in dieser Zeit ganz wichtig, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen. Wir haben gute Ansätze dazu. Wir dürfen nicht über Landflucht schimpfen, wenn wir unser Neuenrade nicht attraktiver machen. Insbesondere für Familien mit Kindern. Denn wenn wir die Zukunft gestalten wollen, brauchen wir die Jugend.

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