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Freiwilliges Soziales Jahr gibt Lebens-Orientierung

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Von: Michael Koll

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Sophia Page an ihrem Arbeitsplatz auf Burg Altena: Die 18-jährige Neuenraderin leistet dort ein Freiwilliges Soziales Jahr, das sogar finanziell abgegolten wird.
Sophia Page an ihrem Arbeitsplatz auf Burg Altena: Die 18-jährige Neuenraderin leistet dort ein Freiwilliges Soziales Jahr, das sogar finanziell abgegolten wird. © Koll

Sophia Page steckte mitten in ihren Abitur-Prüfungen, da wurde der damals noch 17-Jährigen bewusst, „dass ich für ein Studium noch nicht bereit war - ich war ja noch total jung“, sagt sie heute, kaum acht Monate später. „Ich habe also überlegt, was ich stattdessen machen könnte.“ Die Schülerin surfte durchs Netz und stieß mehr oder weniger zufällig auf die Seite der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit Bildung Kultur (LAG). Die vermittelt Plätze für einjährige Freiwillige Soziale Jahre (FSJ).

Neuenrade – „Ich habe sowieso viel Freude an Kultur“, dachte sich die Neuenraderin und vertiefte sich in das Thema. „Zunächst war ich erschlagen von den vielen Einsatzorten, die es für ein FSJ gibt“, erinnert sie sich. Doch dann kam ihr die Burg Altena in den Sinn: „Sie ist ungeheuer nah zu meinem Wohnort. Ich kannte sie, war schon öfter dort.“

„Das Regionale und Heimatthemen lagen mir schon immer am Herzen. Und hey, wer kann schon von sich sagen: Mein Arbeitsplatz ist eine Burg?“, schloss sie ihre Überlegungen ab. So nahm sie Kontakt zu Museumspädagogin Bernadette Lange auf. In ihrer Bewerbung bei der LAG gab sie an, dass sie gerne in Altena eingesetzt werden würde.

Ihr Wunsch erfüllte sich. Am 1. September nahm Page ihre Tätigkeit dort auf. Als sechs Tage später die „Freunde der Burg Altena“, die die Hälfte der dortigen FSJ-Stelle finanzieren, ihre Jahreshauptversammlung durchführten, nahm die frischgebackene Abiturientin daran teil.

Damals sei sie noch extrem schüchtern gewesen, erzählt sei. Mitte November hat sich Pages Auftreten verändert. Sie spricht voller Euphorie von ihrem FSJ und stellt fest: „Die Entscheidung für dieses Jahr war definitiv richtig. Ich habe bei mir schon eine Entwicklung festgestellt, die so stark ausfällt, wie ich es mir vorher nicht hätte vorstellen können.“

Sie schildert offenherzig, wie ihre Persönlichkeitsentwicklung einen Riesensprung nach vorn gemacht habe: „Ich hatte immer große Probleme damit, auf fremde Menschen zuzugehen. Statt jemand Unbekanntes anzurufen, habe ich immer lieber eine E-Mail geschrieben.“

Page zählt Beispiele auf: „Momentan bereite ich einen Vortrag vor, den ich vor der Q2-Klasse des Burggymnasiums, also vor Oberstufenschülern, die kaum jünger sind als ich, über mein Freiwilliges Soziales Jahr halten werde.“ Sie lächelt, gar nicht schüchtern, sondern glücklich, diesen Weg eingeschlagen zu haben: „Ich bin selbst total beeindruckt, wie ich gewachsen bin in dieser kurzen Zeit.“ Noch etwas freut sie an ihrem FSJ: „Ich kann jetzt schon einmal in die Arbeitswelt hineinschnuppern.“

Nach ihrem Engagement auf der Burg Altena will sie erst einmal ein Studium angehen: „Ich möchte Geschichte studieren – am liebsten in Mainz“, hat sie ein ganz klares Bild ihrer näheren Zukunft. „In Mainz kann ich zudem noch mein zweites Wunschfach, englische Literatur, belegen.“

Ihre Chefin Bernadette Lange freut sich mit der FSJ’lerin: „Sie hat sich gut entwickelt, ist nicht nur viel offener geworden. Sie fragt zum Beispiel auch von sich aus nach, wenn sie Arbeitsaufträge einmal nicht auf Anhieb versteht.“ Das Berufsleben unterscheidet sich eben stark von der im 45-Minuten-Rhythmus getakteten Schulzeit. „Hier auf der Burg“, weiß Page mittlerweile, „denkst Du in einem Moment, dass alles typisch und in Routinen abläuft – und im nächsten Augenblick passiert etwas, auf das Du ganz spontan reagieren musst.“ Page schreibt Texte für die Homepage der „Freunde der Burg“ oder für die sozialen Medien, dann liest sie Texte für die nächste Sonderausstellung Korrektur oder sie verfasst eine Pressemitteilung.

Doch auch ganz andere Dinge bestimmen derzeit ihren Arbeitsalltag. Mal begleitet sie eine Maus-Klasse, also Fünftklässler des Burggymnasiums, die im Beisein eines Fernsehteams durch die Burg gehen. Dann verteilt sie an Halloween in Balve Flugblätter. Oder sie sitzt bei Aufführungen eines Puppentheaters an der Kasse. Mehrfach war sie auch schon im Kreisarchiv: „Dort habe ich historische Karten und Pläne inventarisiert“, erzählt sie.

Die Arbeit in einem Archiv sei auch etwas, was sie sich nach ihrem Studium als Job vorstellen könne. „Das FSJ ist auch hilfreich, um sich beruflich zu orientieren“, wirbt sie für diese Lebensphase, zu dem sie jedem nur raten könne. Zeitverschwendung sei ein Soziales Jahr ganz und gar nicht. „Eigentlich wollte ich mich nur nach der Schule noch ein wenig nützlich machen, ich hatte ja keine Ahnung, wie viel mir das FSJ geben würde“, so ihre Erkenntnis. Die Arbeit in einem Museum sei gar nicht so staubtrocken, wie es manche meinen würden.

Und auch das FSJ ist ganz anders, als viele es sich vorstellten. „Als ich erzählte, dass ich das machen möchte“, gesteht Sophia Page, „war die erste Reaktion: ‘Wieso? Da verdienst Du doch gar kein Geld?’“

Das stimmt übrigens nicht. Je nach Einsatzort bekommt ein FSJ’ler mindestens 340 Euro im Monat. Page bekommt sogar etwas mehr „und für mich reicht das total“, ist sie auch finanziell glücklich. „Andere haben mich gefragt, warum ich nicht gleich studieren gehe. Die verstehen mich mittlerweile aber und beglückwünschen mich nun doch zu meiner Entscheidung“, fährt sie fort.

FSJ Burg Altena

Im Januar startet wieder die Bewerbungsfrist für FSJ-Stellen. Interessenten schreiben bis März zunächst eine formlose, knappe Bewerbung, die vielmehr lediglich ein Motivationsschreiben ist, unter www.freiwilligendienste-kultur-bildung.de – oder sie rufen bei Museumspädagogin Bernadette Lange auf der Burg an, Tel. 0 23 52 / 9 66 70 21.

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