Die Neuenrader Wurzeln des Heinrich Lummer

+
Der Spiegel berichtete 1989 über Heinrich Lummer. Koko Kohlhage hat viel über den Neuenrader archiviert.

Berlin/Neuenrade – Ein Nachmittag in Berlin zu Beginn der 1980er-Jahre: Ein dumpfes Grummeln ist zu vernehmen, es wird lauter, kommt näher. Eine große Menge überwiegend schwarz gekleideter Menschen marschiert die Straße hinauf.

Währenddessen vernageln Einzelhändler und Geschäftsleute so gleichmütig, als wappneten sie sich gegen eine Naturgewalt, die Fensterfronten und Glastüren ihrer Geschäfte mit Spanplatten. 

Fußgänger sind weitestgehend von der Straße verschwunden, in den Seitenstraßen warten vergitterte Polizeifahrzeuge, zuweilen stehen martialisch anzusehende Polizisten in Schutzkleidung daneben. 

Kämpfer aus einer anderen Zeit

Das Grummeln wird lauter, einzelne Stimmen und Geschrei ist zu unterscheiden. Die Masse der Schwarzgekleideten mit ihren zackigen hochtoupierten Haaren wird von einem Cabrio angeführt, in dem wiederum viele ebenso schwarz gekleidete Menschen sitzen. Sie wirken archaisch, nicht wie protestierende Bürger, sondern eher wie Kämpfer aus einer anderen Zeit. 

Das Cabrio wird angehalten, das Grummeln erstirbt, dann wird Gas gegeben und mit einem lauten, vielstimmigen Schrei rennen die schwarz gekleideten Demonstranten vorwärts, die Nackenhaare sträuben sich, erste Polizisten lassen sich auf der Straße blicken und ein Wasserwerfer geht in Stellung. Zuschauer verschwinden hastig. 

Pflastersteine und Glassplitter

Später ist das Ergebnis dieser Demo oder vielleicht Inszenierung zu sehen: Einzelne Pflastersteine verteilen sich auf dem Trottoir, Glassplitter liegen herum. Die dunklen Gestalten und die Polizisten sind verschwunden. Es war eine grundsätzliche Demonstration: Wir gegen die Staatsgewalt. Grund war eigentlich ein Jahrestag. Das Thema: der Todestag eines Hausbesetzers. 

Die Single von Heinrich Lummer.

Klaus-Jürgen Rattay hieß der junge Mann, der am 22. September 1981, also ziemlich genau vor 37 Jahren, bei einer Zwangsräumung besetzter Häuser auf der Flucht vor den Bus lief und starb. Der Mann, dem der Tod des jungen Mannes quasi angelastet wurde, war ein ehemaliger Neuenrader: Heinrich Lummer. 

Taz: Lummer ein „rechtes Arschloch“

Der Innensenator Berlins (bis 1986, ehe er im Zuge eines Bauskandals mit drei anderen Kabinettsmitgliedern zurücktrat) hatte die Polizei dorthin geschickt. Und dass sich der ehemalige Neuenrader Lummer zu einer Hassfigur der Linken im Berlin der 1980er-Jahre entwickelte, wer hätte das im Sauerland gedacht. Innensenator Heinrich Lummer war damals Gegner all jener, die zu dieser Hausbesetzerszene gehörten – und noch zwei Jahre nach der Räumung wurde demonstriert. Als Lummer Jahrzehnte später, am 15. Juni 2019 starb, stand wenig später in der Taz ein Nachruf zu seinem Tode. „(...) Heinrich Jodokus Lummer war nicht unbedingt unsympathisch, aber ein rechtes Arschloch“, heißt es dort wenig pietätvoll, fast 30 Jahre nach seiner Innensenator-Zeit. 

„Arschloch“ nimmt in Neuenrade im Zusammenhang mit Heinrich Lummer niemand in den Mund. Dass er allerdings „ein Rechter“ war, wie auch immer man dieses Wort definiert, das verneint auch der ehemalige Bürgermeister Klaus Peter Sasse nicht, der den ehemaligen Neuenrader zuweilen in Berlin besuchte. Er besitzt sogar eine Wahlkampf-Single von Lummer. So etwas war damals en vogue, als es noch kein Internet und so einen Schnickschnack gab. Dass Lummer feiern konnte, davon zeugt auch eben jene Single, auf der er mit sonorer angenehmer Stimme deutsches Liedgut zum Besten gibt und Berlin besingt. Sasse berichtet, dass Lummer morgens um 9 Uhr auch schon mal Wodka kostete – auch das gehörte wohl dazu. 

"Sturzbetrunken" in Neuenrade

Nicht nur Klaus Peter Sasse weiß von Heinrich Lummer zu berichten. Auch Koko Kohlhage kannte ihn persönlich – „recht gut“, wie das 87-jährige Neuenrader Urgestein heute sagt. Und er hat ihn sogar manchmal „sturzbetrunken“ in Neuenrade erlebt. Auch Kohlhage ließ durchblicken, dass Lummer bei seinen Heimatbesuchen vor allem eines konnte: Feiern. Der Zug durch die Gemeine habe dann „in Volltrunkenheit“ geendet. Und auch dessen politische Gesinnung verortet Koco Kohlhage ebenfalls weit rechts. Dabei seien Lummers Parteifreunde in der Bundeshaupt recht angetan gewesen von ihm. „In Berlin waren alle voll des Lobes.“ 

Als Stellvertreter von Richard von Weizsäcker (von Juni 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin) und als Innensenator „habe er dort ja aufgeräumt“. Auch sei Lummer „Ehrenmitglied der Deutsch-Konservativen“ gewesen. Lummer, der einst wohl Priester werden wollte, soll ein umtriebiges Nachtleben gehabt haben, Zudem hatte er laut Spiegel sogar ein Verhältnis mit einem weiblichen Stasi-Spitzel, hatte sich angeblich Geheimnisse entlocken lassen, widerstand aber Erpressungsversuchen. „Der Politiker und die Sex-Agentin: Spionagefall Heinrich Lummer“ – so titelte gar der Spiegel 1989 nur wenige Wochen vor dem 9. November. All das hat Koko Kohlhage archiviert. 

Lehre bei Schniewindt

Lummer war ein Selfmademan. Als Junge kam er wohl mit seiner Mutter aus Essen nach Neuenrade, wohnte mit ihr in einer kleinen Baracke. Zunächst ging Lummer in die Volksschule, dann in die Mittelschule. Bei Schniewindt hat er „eine Elektroniker-Lehre“ gemacht. Doch Lummer wollte mehr, wie sich Kohlhage erinnert. Anschließend habe er mit Hilfe der Katholischen Kirche Abitur gemacht, zunächst Theologie studiert, erinnert sich Kohlhage, der Lummer zudem aus Fußballerzeiten kannte. Lummer habe in der 1. Jugendmannschaft in Neuenrade Mittelstürmer gespielt, sei wendig und durchsetzungsstark gewesen. Kohlhage betont zuden: „Er war ein intelligenter Bursche.“ 

Die Berichterstattung über den bekannten Neuenrader im Süderländer Volksfreund: All diese Dokumente hat Koko Kohlhage über Jahrzehnte aufbewahrt.

Obwohl in Berlin erfolgreich, hat Lummer seine Heimat nie vergessen. Hier hatte er auch den einen oder anderen politischen Auftritt. Hervorragend im Süderländer dokumentiert ist eine Veranstaltung aus dem Jahr 1992 in Werdohl. Die Junge Union Neuenrade-Werdohl hatte Lummer damals eingeladen. Unter anderem war Asylpolitik Thema. Lummer war dabei offensichtlich ein Freund populistischer Formulierungen: „Multikulturelle Gesellschaft ist gleichbedeutend mit multikrimineller Gesellschaft“, so wird er da zitiert; oder auch: „Deutschland darf nicht das Reserve-Asylland der Welt sein.“ 

"Nicht das Reserve-Asylland der Welt"

An anderer Stelle heißt es auf die Frage nach der besonderen Verantwortung Deutschlands, dass das „40 Jahre nach Ende des Krieges kein Thema“ sei. Ein interessantes Stück Zeitgeschichte, das Argumente, Debatten und eine Geisteshaltung dokumentiert, die teilweise auch heute noch verbreitet ist. 

Dass Lummer gerne im Sauerland war, lässt sich sicher auch daran ablesen, dass sowohl seine Geschiedene als auch die Frau, die er danach heiratete, beide aus Neuenrade stammen. 

Kontakt zu PKK-Führer?

Der Lebensabend von Lummer war unschön. Er erlitt Anfang der 2000er-Jahre einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder so recht erholen sollte. „Er war zuletzt schwer gezeichnet, hatte kaum noch Sprachvermögen und wurde pflegebedürftig. Seinen Lebensabend verbrachte er in einer Pflegeeinrichtung im Berliner Ortsteil Zehlendorf,“ heißt es bei Wikipedia. Heinrich Lummer wurde 86 Jahre alt. 

Man könnte Bücher über den Mann und seine Entwicklung schreiben. Diverse Quellen berichten, dass er in den 1990ern Kontakt zum PKK-führer Abdullah Öcalan hielt. Zudem werden Lummer Kontakte zur rechtsextremen Szene nachgesagt. Lummer schrieb unter anderem das Buch „Deutschland soll deutsch bleiben: kein Einwanderungsland, kein Doppelpass, kein Bodenrecht“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare