Hauptausschuss beschließt, Geld in Haushalt einzustellen

Neuenrade kämpft mit 10.000-Euro-Prämie gegen Arzt-Mangel in der Stadt

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In ihrer Sitzung im Neuenrader Rathaus haben sich die Mitglieder des Hauptausschusses für eine Vermittlungsprämie für die Anwerbung eines Arztes ausgesprochen.

Neuenrade - Bürgermeister Antonius Wiesemann klang fast schon ein wenig hilflos: „Wir sind für alles offen“. Damit meinte er Ideen, um Ärzte nach Neuenrade zu holen.

Die Ärzteschaft in der Hönnestadt nähert sich dem Rentenalter oder ist schon jenseits der 65. Und es mangelt offenbar an Nachfolgern und Interessenten, die sich in Neuenrade niederlassen wollen. Die Stadt steht gemeinsam mit Werdohl, Altena, Gütersloh oder Halle auf einer Liste „zur Sicherung der ambulanten Versorgung“ im Hausarztbereich.

Das alles hat die Kommunalpolitiker auf den Plan gerufen. Die CDU-Fraktion beschreitet dabei einen ungewöhnlichen Weg. Sie will Prämien an diejenigen vergeben, welche einen Arzt nach Neuenrade vermitteln.

5000 Euro gibts für den Vermittler bei Eröffnung der Praxis und noch einmal 5000, wenn denn der Arzt nach drei Jahren immer noch vor Ort praktiziert. Eine Idee, die aus der freien Wirtschaft kommt und von Daniel Wingen, Geschäftsführer beim Drahtwerk Elisental, gekommen ist.

Der CDU-Antrag hat Charme

Am Mittwoch beschloss der Hauptausschuss, dem CDU-Antrag zu folgen und das Geld in den Haushalt einzustellen. Die Sache hat Charme: Denn die insgesamt 10.000 Euro werden ja nur dann fällig, wenn die Vermittlung gelingt. Gleichwohl votierten nicht alle Fraktionen dafür. Die FWG enthielt sich.

Zuvor hatte FWG-Fraktionschef Bernhard Peters gesagt, dass er den CDU-Ansatz für akzeptabel halte, er aber lieber die 10.000 Euro dem Arzt geben würde. Fraktionskollege Detlef Stägert sagte, dass er nicht glaube, dass der CDU-Antrag greife. Er würde sich aber freuen, wenn er zum Erfolg führe.

Die FWG hatte eigene Ideen

Zudem hatte die FWG jüngst eigene Anträge gestellt, in denen sie eine Werbeoffensive um neue Ärzte fordert. Kritische Anmerkungen gab es seitens der SPD: Der Antrag sei gut, dokumentiere aber auch, dass der große Frauenanteil bei der jungen Ärzteschaft nicht berücksichtigt werde, die hätten in der Regel einen anderen Lebensentwurf, wollten zunächst nicht Vollzeit arbeiten.

Die CDU-Vertreter vermochten nicht ganz der Kritik zu folgen. Mark Hantelmann sagte, dass die CDU mit diesem Antrag Köpfe nach Neuenrade holen wolle, eben einen Schritt weiter kommen. Daniel Wingen wies die SPD-Kritik zurück.

Auch halbe Stellen sind möglich

Der Antrag gehe sehr wohl auf Ärztinnen ein und verwies auf die ersten Sätze des Antrages. Dort steht ausdrücklich, dass die Prämie auch anteilig gezahlt werden könne, also auch für halbe Kassensitze und damit anderen Lebensentwürfen entgegen komme.

SPD-Fraktionschef Thomas Wette brachte dann noch einmal das Modell ins Spiel, Ärzte oder Ärztinnen einzustellen, vielleicht könne man ja in der Richtung eine Lösung finden. CDU-Fraktionschef Hantelmann zeigte sich aufgeschlossen. Wer Ideen habe, könne die gerne einbringen. FWG-Fraktionschef Bernhard Peters nannte als Stichwort „Ärztehaus“.

Und Bürgermeister Antonius Wiesemann betonte eben: „Wir sind für alles offen“. Offenbar wurde auch, dass der Bürgermeister hinter den Kulissen offenbar schon jede Menge in Sachen Ärztesuche unternommen hat.

 

Kommentar

 

Von Peter von der Beck

 

Zehn Stunden in der Praxis, plus vier Stunden Hausbesuche, vielleicht noch einmal nachts über düstere Kreisstraßen zum Notfall raus, Leid ertragen, Seelentröster sein, Fortbildungen machen, von Patienten anmeckern lassen, Risiken tragen, aber auch vielen, vielen Menschen helfen: Wahrlich, Landarzt sein ist nicht einfach, es ist eine Berufung. Glücklich können sich die Bürger schätzen, die so einen Arzt vor ihrer Tür haben. Und gerade deshalb sollten die verantwortlichen Neuenrader politisches Geplänkel sein lassen und sich doppelt ins Zeug legen, um für die Neuenrader Ärzte Nachfolger zu finden.

Denn: Um die medizinische Versorgung in Neuenrade ist es mittelfristig nicht gut bestellt. Ärzte werden fehlen. Und jene, die Verantwortung für die Neuenrader Bürger und den Standort tragen, werden langsam nervös. Das Wuseln und Strippenziehen, das Verteilen von Broschüren, all die Hintergrundgespräche ohne Öffentlichkeit fruchten offensichtlich nichts. Wenn es um die medizinische Versorgung in Neuenrade geht, sollten die Kommunalpolitiker und der Bürgermeister ein einheitliches Konzept auf die Beine stellen und dann handeln.

Dass es pressiert, da besteht ja offensichtlich bei den Fraktionen von CDU, SPD, FWG und den Ratsmitgliedern von FDP und Bündnisgrünen Konsens. Und es gibt Ideen und Vorstellungen, die eben von Kopfprämie bis hin zu einem wie auch immer gearteten Ärztehaus reichen. Das muss jemand aufgreifen, daraus einen nachhaltig wirkenden Plan erarbeiten und in eine Form gießen. Das ist der Job des Bürgermeisters. Wenn das alles gelingt, wird es auch möglich sein, junge Mediziner für die Hönnestadt zu begeistern – da bin ich mir sicher.

Es gibt sie, jene Ärzte, welche sich eine Existenz als Landarzt vorstellen können. Vielleicht müssen hier auch seitens der Kassenärztlichen Vereinigung neue Konzepte und flexiblere Modelle her, um einfach die Arbeitsbedingungen für Landärzte zu verbessern. Bürokratieabbau zum Beispiel, mehr Freiheiten für die Mediziner.

 

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