Neuenrader Pfadfinder feiern 40-Jähriges: So fing alles an

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Ein Foto aus den Anfängen 1979/80 mit Andreas Hupprich (2. von rechts vorne) und Andreas Raphael (roter Kragen).

Neuenrade - „Wir waren sehr skeptisch“, gesteht Andreas Hupperich. Eigentlich seien sie dem Ganzen gegenüber sogar negativ eingestellt gewesen.

Hupperich gehörte zu den fünf damals 17-Jährigen, die sich im Frühjahr 1979 dann aber doch mit einem für sie vollkommen unbekannten Mann trafen – und das nicht nur einmal. „Es gab etliche Eisdielen-Treffen“, blickt Hupperich zurück. 

Der Unbekannte war Friedhelm Grewe. Der Sozialpädagoge leitete in Blintrop ein Kinderhaus. Gemeinsam mit Klemens Brockhagen, dem heutigen Generalvikar Klaus Pfeffer, Udo Vortanz und Thomas Wülle traf er sich mit den Heranwachsenden mit dem Ziel, in Neuenrade eine Pfadfinder-Gruppe zu gründen. 

Erster Versuch in den 50er-Jahren

„Die Pfadfinder hatte es schon einmal gegeben in Neuenrade. Das muss so in den 1950er-Jahren gewesen sein. Mein Onkel gehörte dazu“, weiß Hupperich. „Aber das war im Sande verlaufen.“ Hupperich schildert: „Ende der 70er gab es dann für ein, zwei Jahre die KJN – die Katholische Jugend Neuenrade.“ Bis eben Grewe – der spätere Diakon – kam. 

Am 9. Dezember 1979 wurden die Pfadfinder in Neuenrade ein zweites Mal aus der Taufe gehoben – mit einer Feierstunde im Hotel Kaisergarten. Am 1. März 1980 gaben die ersten Neuenrader Kinder ihr Pfadfinderversprechen in der Küntroper Schützenhalle ab. Hupperich schüttelt ungläubig den Kopf und räumt freimütig ein: „Ich hätte damals nicht gedacht, dass es die Gruppe 40 Jahre später immer noch gibt.“ Neben Hupperich gehörten auf einen Schlag 50 weitere Kinder und Jugendliche dazu. Hupperich blieb bis 1986. Zuletzt war er Gruppenleiter der Wölflinge, der Jüngsten bei den Pfadfindern. 

Entspannungsminister ist Gründungsmitglied

Einer derjenigen, der zwar nicht mit bei den „Eisdielen-Treffen“ dabei war, aber die Pfadfinder schließlich von Beginn an mit aufbaute, war der seinerzeit zehnjährige Andreas Raphael. Der heutige Musiker der Entspannungsminister blickt zurück: „Grewe war ein Mann mit Charisma.“ Der spätere „Minister“ stürzte sich mit Begeisterung in das neue Jugend-Angebot, mit einer klitzekleinen Ausnahme. „Beim ersten Zeltlager hatte ich Heimweh“, gesteht er. Doch er schiebt sogleich hinterher: „Aber nur beim ersten!“ 

Waren bei der KJN nur Jungen Mitglieder, blieb das zunächst auch bei den Pfadfindern so. Doch schon im Mai 1980 wurde eine eigene Mädchengruppe gegründet. Zu den ersten fünf Mädels gehörte die damals sechsjährige Simone Langhammer. „Nach der Gründung waren wir bald doppelt so viele“, erinnert diese sich. „Erst haben wir zusammen mit den Jungs eine Gruppe gebildet. Aber schnell merkte man, dass das nicht passt.“ Erst 1985 wurden die Geschlechter wieder zusammengeführt. 

Anwohner alarmieren die Polizei

Sie wundert sich selbst: „Heute sind nach Geschlechtern getrennte Gruppen gar kein Thema mehr.“ Das war zu Beginn in Neuenrade ganz anders, was zu einer Besonderheit führt. „Zeltlager werden traditionell nachts von Pfadfindern aus anderen Gemeinden überfallen. Bei uns waren das aber die Jungs aus der eigenen Stadt“, verrät die heutige Wölflings-Leiterin und Kuratin der Pfadfinder. 

Aber das war nicht immer so. 1986 zelteten die Neuenrader in Altenaffeln. Und wer die Nachtruhe störte, waren tatsächlich Pfadfinder einer anderen Stadt. Das taten diese aber so überzeugend, dass Anwohner die Polizei wegen einer Massenschlägerei verständigten. Langhammer erinnert sich: „Plötzlich stand ein Großaufgebot an Polizisten vor uns.“ 

Noch 40 bis 45 Aktive

Seit den Anfängen der Neuenrader Pfadfinder sind nun vier Jahrzehnte vergangen. Heute haben die Pfadfinder, so schätzt Langhammer, „noch 40 bis 45 Aktive“. Zur Hochphase – Anfang dieses neuen Jahrtausends – seien es bis zu 80 gewesen. Doch Zukunftssorgen macht Langhammer sich keine. „Es sind aktuell alle Altersstufen besetzt und die Kinder und Jugendlichen mit Herzblut dabei“, sagt sie. 

Raphael sagt: „Interessierte Kinder gibt es immer viele. Was fehlt, sind die Leiter.“ Mit dem Studium gingen die Pfadfinder weg aus Neuenrade. Auch er sei in dieser Zeit und bei einer anschließenden Babypause den Pfadis ferngeblieben. Heute ist er Leiter der Rovergruppe. Langhammer verdeutlicht das Dilemma: „Bei den Jüngsten – den Wölflingen – haben wir sogar eine Warteliste. Wir können gar nicht jeden aufnehmen“, bedauert sie. 

Eine besondere Zeit

Dabei sei die Zeit bei den Pfadfindern für jeden etwas Besonderes. Hupperich schwärmt von einer Fahrt nach Taizé, die ihn auch Jahre später merklich beeindruckt. In das französische Dorf mit gerade einmal 170 Einwohnern kommen jährlich an die 100 000 Menschen zu ökumenischen Jugendtreffen. „Das war ein Erlebnis“, sagt Hupperich. 

Ebenso in guter Erinnerung sind für ihn wie Raphael zwei Segeltörns auf dem Ijsselmeer in den Sommern 1983 und 1985. Auch die Fahrten nach Malta hätten Kultcharakter. Über das Funkgerät bekamen die Sauerländer 1987 Kontakt zu Jugendlichen auf Malta. Ein Jahr später trafen sie sich erstmals. 40 Jugendlich flogen auf die Insel. 2018 feierte diese Verbindung ihr 30-jähriges Bestehen. 

Im August geht es nach Dänemark

Auch heutige Pfadfinder werden einst solche Geschichten erzählen. Schon im August geht es für sie ins Ausland: In Dänemark treffen sich zehn Neuenrader Pfadfinder mit 1400 Jugendlichen aus aller Welt. Was sie dort erwartet, weiß Andreas Raphael: „Ich war mal bei einem solchen Treffen im Berliner Olympiastadion“, erzählt er. „Da haben Israelis neben Palästinensern gezeltet. Da habe ich gemerkt, was das Pfadfindertum bewirken kann.“ 

So schweiße die Zeit bei den Pfadfindern also zusammen. Raphael erzählt: „Meine alte Pfadi-Gruppe bildet heute noch meinen Freundeskreis.“ Langhammer pflichtet bei: „Für uns war damals jedes Pfingstlager ein Highlight.“ Das Pfadfindersein sei eine Lebenseinstellung, meint sie: „Einmal Pfadfinder – immer Pfadfinder!“ 

Bewusstsein für die Umwelt

Raphael geht ins Detail: „Mich hat die Zeit damals total geprägt. Ich habe bei den Pfadfindern gelernt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“ Hupperich ergänzt: „Man lernt, in einer Gruppe systematisch zu handeln.“ Langhammer sagt es mit ihren Worten: „Man wird weltoffen. Rechte Positionen sind den Pfadfindern fremd. Man bekommt ein Bewusstsein für die Umwelt."

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