Kultgaststätte Altstadt feiert 35. Geburtstag

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Für viele ein vertrauter Anblick – der Thekenbereich der Altstadt.

Neuenrade - Eine „Musik-Kneipe“ hat Geburtstag, die nicht nur in Neuenrade Geschichte geschrieben hat. Am Sonntag wird die Altstadt 35 Jahre alt. Der 9. November ist sowieso ein geschichtsträchtiges Datum, denn genau am 10. Geburtstag der „Altstadt“ fiel die Mauer und ein Volk war wieder vereint. „Vielen sind bei der Nachricht im Morgengrauen vor Glück die Tränen an der Backe herunter gelaufen“, erinnert sich Heinz Friedriszik, Gründer und Betreiber der Altstadt.

Insgesamt drei Jahre Kampf hatte Friedriszik demnach hinter sich, als 1979 die Altstadt vor der Vollendung stand. Die Schwierigkeit, ohne eigenes Geld Kapital für das Projekt zu bekommen hatte er gemeistert, hinzu kamen kritische Behörden, Bürger und Bürgervertreter, die dem graduierten Betriebswirt skeptisch gegenüber standen.

Indes: Weniger skeptisch seien eben die jungen Leute gewesen, welche der Jung-Gastronom damals mit seinem neuen Konzept angesprochen hatte. Weit über die Grenzen hinaus wurde die „Altstadt“ bekannt, lockte Besucher aus der Region. Eine Tanzfläche mit moderner lichttechnischer Ausstattung und gleichzeitig die Möglichkeit, sich mit Freunden zusammensetzen zu können, gute Leute am Plattenteller und immer wieder Live-Auftritte von Bands und Interpreten – das traf den Geschmack des Publikums.

„Allerdings nicht immer den der Nachbarn und der heimischen Kommunalpolitik“, erinnert sich Friederiszik. Um der Besucherschar Herr zu werden, wurde in der gesamten Altstadt ein Kurzzeitparken von 20 bis 22 Uhr eingeführt. Für die Gäste, die im damaligen Restaurant im Obergeschoss waren, und für die Kegelfreunde ein Grauen.

Kurzerhand entschloss sich Friedriszik, die „Knöllchen“ zu übernehmen und zusätzlich mit diesen noch eine Verlosung durchzuführen. „Da diese Aktion auch noch von der heimischen Presse aufgenommen wurde, hat dann die Politik die Unsinnigkeit dieser Maßnahme eingesehen und die Parkregelung wurde wieder abgeschafft“, so erinnert sich der Gastronom.

Trotzdem sah er sich damals ob der Ungewissheit, was aus der Altstadt werden würde, gezwungen zu expandieren. Er investierte in Balve, schuf sich unter anderem mit der Tenne ein zweites Standbein. Es folgten weitere Objekte: Das Bistro „Zur Mühle“, das Hotel Wilhelmshöhe und der Gasthof „Im Kohl“.

Heinz Friederiszik Ende der 70er Jahre.

Nun aber feiert erst einmal „die Mutter Friedriszik-Gaststätten“, so Friederiszik, Geburtstag. Los geht es am Freitag, 7. November los, mit einem Preiskegeln ab 17 Uhr bis 24 Uhr. Der erste Preis beträgt 150 Euro, weitere vier Preise sind entsprechend abgestaffelt. Geworfen werden vier Wurf in die Vollen. Stechen ist ab 24 Uhr. Am Samstag geht es dann ab 22 Uhr weiter. Und wenn dann die Musik aus vier Jahrzehnten vom DJ aufgelegt wird und die Band „U-Musiker“ (Mitglieder der Entspannungsminister) aufspielt, können die Stammgäste und „Ehemalige“ der vergangenen Jahrzehnte zusammen mit Altstadt-Wirt Heinz Friedriszik den „neueren“ Gästen Geschichten erzählen: zum Beispiel vom ersten „Gertrüdchen“ 1979, wo die Gäste durch tiefen Schnee über eine Holzbrücke die Baugrube überwinden mussten und in den nassen Rohbau kamen. Das Wasser tropfte von der Decke, der Boden war mit Schaltafeln über dem Wasser ausgelegt, die Band „The Look“ hatte einen ihrer ersten Auftritte und die Thekenmannschaft stand mit dem Rücken zur Wand und stützte die provisorische Theke mit den Füßen ab, während ein Gasgebläse versuchte, die Räume zu erwärmen.

Regional bekannte Bands spielten auf: Friederiszik erinnert an „Conexxion“ (Weihnachten 1979), im März 1980 noch einmal „Look“ und zu den bekannten Größen zählt sicher Zoff, die im Oktober 1980 am Anfang ihrer Karriere standen und natürlich das „Sauerlandlied“ intonierten. Seit 35 Jahren gibt es zudem zu Weihnachten auch immer das „Ehemaligentreffen“ am 24. Dezember zum Frühschoppen.

Es gibt jede Menge „Altstadt-Geschichten“, die alle einen Ursprung haben und abendfüllend sind. Friederiszik: „Früher war es noch Face to Face und nicht ‘Facebook’.“ Alle, die diese Zeiten in den ersten fünf Jahren mitbekommen haben, als täglich ab 17 Uhr geöffnet wurde und die Gäste schon vor der Tür warteten, könnten sich glücklich schätzen. „Ich weiß nicht, wie viele Beziehungen hier entstanden oder verloren gegangen sind“, resümiert Heinz Friedriszik. Stammgäste erinnern sich aber auch gern an spätere Zeiten zurück: „Komm wir gehen in den Keller, sagte man. Und auch Herbert Moch, ein Angestellter, ist vielen ein Begriff. Der Lastenaufzug als Pizza-Transporter vom Restaurant zur Disco ist vielen noch in guter Erinnerung. Wie dem auch sei, Friederiszik blickt mit Stolz und Wehmut zurück: Die „Altstadt“ sei wohl die am längsten vom selben Inhaber und Besitzer geführte Erlebnisgastronomie weit über den Märkischen Kreis hinaus. Oft habe man versucht die Altstadt zu kopieren. Doch, dieser „Dino“ sei stark gefährdet, betont der Gastronom: Konsumzurückhaltung, das Rauchverbot und die Konkurrenz durch andere Veranstaltungsformen, veränderte Lebensgewohnheiten, neue Unterhaltungsformen, neue Medien und der demografische Wandel mit viel weniger Jugendlichen und einem hohen Migrantenanteil. Das neue verschärfte Rauchverbot wirke dazu wie ein Brandbeschleuniger. Friederiszik sagt: „So lange, wie wir (& Söhne), noch keine Verluste fahren, die nicht tragbar sind, wird die Altstadt weiter bestehen bleiben. Ohne Altstadt würden wir in Neuenrade und Umgebung wieder in die alten Zeiten zurückversetzt: Nur Kneipen oder Discos, die nur in Industriegebieten von größeren Städten liegen. Man werde mit Ideen, neuen Konzepten, Kreativität und Engagement diesen Entwicklungen entgegenwirken.

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