„Genug richtige Musik“

Kathrin Christians an der Querflöte und Gitarrist Thomas Kirchhoff wussten im Laufe des Konzertabends in der Villa am Wall immer wieder zu überraschen.

NEUENRADE ▪ Die Saiten surren, ziepen, knartschen und heulen verzückt auf. Der Höhepunkt des Klassik-Konzertes am späten Samstagnachmittag wurde mit zwei Tischtennisbällen erzeugt. Von Michael Koll

Gute anderhalb Stunden zuvor hatte das Duo Syrinx die Bühne in der Villa am Wall betreten. Und zunächst forderten sie ihr Publikum nicht allzu sehr heraus. Geboten wurde, was erwartet war.

Los ging es mit einem Stück von Niccolò Paganini. Gitarrist Kirchhoff hielt sich zurück. Er gibt lediglich den Rhythmus vor – mal sanft, mal treiben, oft jazzig, jedoch nie sich und sein Instrument in der Vordergrund spielend.

Seine Partnerin Kathrin Christians griff zur Querflöte. Damit imitierte sie Naturgeräusche. Da war ein Vogeltirilieren zu hören, später das Blätterrauschen im Wind. Dann schien ihr Instrument ein Nüsse sammelndes, rasantes Eichhörnchen auf Schritt und Tritt zu verfolgen.

Vor dem nächsten Stück warnte Kirchhoff die Zuhörer: „Bei Jan Truhlar aus Tschechien wird es modern. Aber keine Angst, Sie müssen nicht nach Hause gehen.“ In der Tat, der Kompinist ist erst vor vier Jahren verstorben. Seine Noten hätte er aber auch schon vor Urzeiten geschrieben haben können. Als nächster stand Johann Sebastian Bach auf dem Programm. Christians ließ in den Köpfen der Zuschauer Bilder von tanzenden Menschen aus längst vergangenen Jahrhunderten entstehen.

Manch einem in der Villa am Wall fiel es schwer, still sitzen zu bleiben. Einige rutschten tänzelnd auf den extrem unbequemen Stühlen hin und her. Andere ließen ihrer Begeisterung freien Lauf: Sie riefen, auch während der Stücke: „Schön“, „hervorragend“ und „sagenhaft“.

Wo ein zierliches Persönchen wie Christians, deren Taille kaum größer als der Durchmesser ihrer Flöte ist, dieses Lungenvolumen hernimmt, so zu spielen, blieb ein Rätsel.

Nach der Pause wurde es mit zunächst mit Georg Friedrich Händel romantischer, weniger verspielt. Dann kam der große Auftritt des Gitarristen. Sein Solo „Pongue“ hat der noch lebende US-Amerikaner Stephan Funk-Pearson geschrieben.

Kirchhoff kündigte an: „Jetzt haben Sie genug richtige Musik gehört. Nun wird es experimentell.“ Und schon griff er zu den beiden Tischtennnisbällen. Was folgte erinnerte an den Avantgarde-Pionier Syd Barrett (Pink Floyd). Das Publikum gab mitten im Stück mehrfach donnernden Applaus. Mehrere Zugaben forderten die Neuenrader – zu Recht.

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