Lebensqualität aus der eigenen Werkstatt

Familie baut Spezial-Rollator - und meldet ihn gleich zum Patent an

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Silke Wolf führt den Ewo life quality vor: Sie kann das Gerät schieben, sich darauf setzen oder auf ein Trittbrett stellen.

„Anfangs ging es mir und meiner Familie nur darum, mir persönlich ein Stück Mobilität zurückzugeben“, stellt Silke Wolf fest.

Küntrop - Dass aus diesem Antrieb heraus ein besonderer E-Rollator entstand, den die Familie in Eigenregie erfolgreich baut und vertreibt, ahnte die Küntroperin zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung noch nicht. 

Im Jahr 2014 erlitt Silke Wolf einen Schlaganfall. „So kam meine MS-Erkrankung zum Vorschein“, berichtet die 49-Jährige, die bis zu diesem Zeitpunkt oft und gerne zu Fuß unterwegs war. „Von heute auf morgen ging das dann aber nicht mehr.“ Zwar konnte die Küntroperin langsam ein Stückchen spazieren gehen, allerdings: „Wenn meine Beine plötzlich nicht mehr mitmachen, ist es vorbei; dann hilft mir auch eine längere Pause nicht und ich komme nicht mehr zurück.“ Mit einem handelsüblichen Rollator konnte sich Silke Wolf nicht anfreunden, auch kam sie nicht gut damit zurecht. „Die Haltung, die man beim Schieben einnimmt, ist für mich als MS-Patientin denkbar ungünstig.“ 

Suche im Netz bringt keinen Erfolg

Zunächst durchforstete sie das Internet auf der Suche nach einem Gerät, das ihr ein Stück Mobilität zurückgeben konnte. Als sie nicht fündig wurde, bat sie ihren Mann Gerhard – einen gelernten Werkzeugmacher – und ihren Sohn Carsten, der als Elektromeister in einem Plettenberger Unternehmen arbeitete, um Hilfe. Gemeinsam tüftelten sie herum, hatten nach etwa zwei Monaten ein erstes Gerät zusammengebaut. „Und nach einem Jahr war etwas wirklich Brauchbares herausgekommen“, erinnert sich Silke Wolf. 

In der kleinen Werkstatt am Gevener Weg baut Carsten Wolf einen Ewo life quality zusammen. Die Einzelteile für den Spezial-Rollator werden größtenteils von Unternehmen aus der Region geliefert.

Mit ihrem neuen Gerät war sie wieder regelmäßig unterwegs, denn schon der erste E-Rollator Marke Eigenbau musste nicht unbedingt geschoben werden. „Man konnte und kann sich auch darauf setzen oder stellen“, erzählt Silke Wolf. Nach jeder Testfahrt hatte sie neue Verbesserungsvorschläge für ihren Mann und ihren Sohn parat – und so entstand schließlich der heutige Ewo life quality (Lebensqualität). 

Unterwegs oft angesprochen worden

„Wenn ich mit meinem E-Rollator unterwegs war, bin ich öfters angesprochen worden“, erzählt Silke Wolf – so sei schließlich der Gedanke entstanden, „auch anderen Menschen mit unserer Erfindung zu helfen“. Anfangs startete die Produktion im Gebäude der Firma RiTec Riss-Prüftechnik GmbH an der Scharnhorststraße in Plettenberg, deren Inhaberin Silke Wolf ist. Doch der Standort in der Nachbarstadt sei nicht ideal gewesen: „Wer einen Ewo life quality kaufen möchte, soll das Gerät in Ruhe testen können. Dazu war am Standort in Plettenberg einfach zu viel Verkehr“, beschreibt die Küntroperin. 

Im Herbst des vergangenen Jahres erfolgte der Umzug an den Gevener Weg, der die Möglichkeit zu ungestörten Probefahrten bietet. „Alles lief sehr gut an, wir wollten voll durchstarten, doch die Corona-Krise hat uns ausgebremst“, stellt Carsten Wolf fest. 

Nachfrage steigt wieder

Inzwischen sei die Nachfrage aber wieder gestiegen: Carsten und Gerhard Wolf sind in ganz Deutschland unterwegs, um Interessenten Testfahrten zu ermöglichen und ihre Erfindung – der Ewo life quality ist zum Patent angemeldet – auszuliefern. Unterstützt werden sie von Silke Wolf und ihrer Tochter Lucy Päßler. Auch in den Niederlanden, in der Schweiz und in Frankreich hat die Familie bereits einige Kunden. Zusammengebaut werden die Geräte in der Werkstatt am Gevener Weg von Gerhard und Carsten Wolf. „In Handarbeit. Die Einzelteile beziehen wir fast ausschließlich von Firmen aus der Region“, stellt Carsten Wolf fest. Auch zwei 3D-Drucker hat die Familie für die Produktion im Einsatz. Mithilfe der Geräte werden die kleinen Schutzbleche für die Bereifung angefertigt. „Die Fertigung im 3D-Drucker bietet uns die Möglichkeit, bei Bedarf noch etwas zu verändern“, erklärt der Elektromeister. 

Ein echtes Familienunternehmen: Silke Wolf mit ihrem Mann Gerhard, dessen Tochter Lucy Päßler und Sohn Carsten Wolf.

Wer einen Spezial-Rollator erwerben möchte, zahlt dafür knapp 3000 Euro. Von den Krankenkassen gibt es in der Regel keinen Zuschuss, denn der Ewo life quality wird nicht im Heilmittelkatalog geführt. „Wenn wir das vorantreiben würden, müssten wir mit Kosten in Höhe von circa 40 000 Euro rechnen. Diese Summe auf unsere Kunden umzulegen, wäre aber undenkbar“, stellt Carsten Wolf fest. Er unterstreicht: „Für uns ist das Wichtigste, dass wir helfen können und die Menschen mit unserem Produkt wirklich zufrieden sind.“ 

Rollator wird auf Bedürfnisse der Kunden angepasst

Deshalb werde der spezielle E-Rollator auf die Bedürfnisse der Kunden angepasst: Verschiedene Lenkermodelle stehen zur Auswahl, auf Wunsch könne beispielsweise auch das Trittbrett tiefergelegt werden. „Wir versuchen, alles möglich zu machen“, sagt Carsten Wolf. Er erzählt von einer Kundin, die nach Jahren mit dem Spezial-Rollator aus Küntrop erstmals habe wieder das Haus verlassen können: „Sie hat vor Freude geweint.“ 

Silke Wolf weiß aus eigener Erfahrung wie wichtig es ist, trotz einer chronischen Erkrankung mobil zu bleiben. „Für mich war und ist der Ewo life quality auch ein Trainingsgerät. Er hilft mir, meine Muskulatur zu trainieren und hält mich fit. Er gibt mir Sicherheit und ein Stück Freiheit.“

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