Besuch in Neuenrade

Nach langer Corona-Pause: Rollendes Modehaus wieder im Altenheim

Klare Sache, dass Modeberaterin Susanne Heinrich beim Anprobieren der Schuhe behilflich ist. „Das geht ja wie bei Aschenputtel, passt.“
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Klare Sache, dass Modeberaterin Susanne Heinrich beim Anprobieren der Schuhe behilflich ist. „Das geht ja wie bei Aschenputtel, passt.“

Liebevoll kümmert sich Werner Löchter um seine Frau Irmgard, die an den Folgen eines Schlaganfalls leidet, sucht mit ihr nach Blusen an der Kleiderstange, hat sie zuvor auch bei der Schuhberatung begleitet.

„Heute ist sie die Shopping-Queen“, sagt Werner Löchtere. Die beiden sind nicht etwa in einem Kaufhaus unterwegs, sondern im Evangelischen Seniorenzentrum Neuenrade. Remscheidt-Moden, das rollende Modehaus aus Lüdenscheid, hat den großen Versammlungsraum an diesem Dienstag kurzfristig in eine Boutique umgewandelt. Große Ständer sind dicht behangen mit Blusen, Hosen und Shirts für die Dame und den Herrn. Aber auch jede Menge Schuhe und Sportkleidung ist vorhanden.

Das Team von Remscheidt-Mode ist nach langer Corona-Zwangspause mit ihrem rollenden Modekaufhaus wieder unterwegs und tourt durch Altenhilfeeinrichtungen. Modisch und modern sei das Sortiment, betonen Annette Heilek und Susanne Heinrich, die beiden Verkäuferinnen. Nur in einer Hinsicht sei manches auch auf das ältere Publikum ausgerichtet: Zumindest haben selbst die Jeanshosen Gummizüge, sind leicht zu handhaben und eben auch mit nicht mehr so beweglichen Fingern oder anderen altersbedingten Einschränkungen gut an- und auszuziehen. Beim Schuhsortiment sind Pumps natürlich eher die Ausnahme, bequeme Schuhe sind die Regel.

Dicht an dicht hängen Blusen und Shirts

Die Auswahl an Artikeln ist gigantisch: Das Pulloversortiment ist in großen Stapeln auf mehreren Tischen ausgebreitet und nach Farben sortiert; dicht an dicht hängen bunte Blusen und Shirts. Annette Heilek und Susanne Heinrich sind gut gelaunt und einfühlsam im Umgang mit der Kundschaft. Sie sehen sofort, dass die Kundin im Rollstuhl eine ganz andere Schuhgröße benötigt, als gedacht – weil der Fuß geschwollen ist. „Als Verkäuferin hier muss man Herz haben“, sagt Heilek. Ansonsten könne man den Job nicht machen. Einfühlsamkeit und auch ein gewisses Fingerspitzengefühl für die finanziellen Möglichkeiten von Heimbewohnern spielen eine Rolle.

Bunte Blusen und Shirts, ob lang- oder kurzarm, in allen Varianten gehen immer gut.

Es gibt auch Trends beim Klamottenbedarf in Seniorenzentren: Gut gehen Sportklamotten wie Jogginghosen, T-Shirts als kurz- oder Langarm. Weniger gefragt sind Pullover, eher Shirts sind angesagt. Auch bei den Schuhen gibt es Vorlieben. Da habe man genug im Sortiment. „Nicht so klobig, sondern schon schöner“, sagt Heilek. Außerhalb des Sportsegments werde „gerne bunt“ getragen „und bequem“ muss es sein. Denn: Viele Rollstuhlfahrer zählten zur Kundschaft. Da sei es hilfreich, wenn die Kleidung dehnbar sei, über Gummizüge verfüge und auch pflegeleicht und gut waschbar sei. Zudem: Die Bandbreite bei den Kleidergrößen ist erstaunlich und reicht bei den Damen von 38 bis 62; Bei den Herrengrößen höre es bei 72 auf.

Es läuft wieder: „Der Terminplaner ist voll“

Froh ist Mitarbeiterin Heilek, dass Corona halbwegs vorbei ist und sie wieder arbeiten können. Die Corona-Zeit sei nicht einfach gewesen. Das Unternehmen habe Federn gelassen und Kurzarbeit anmelden müssen. Um zumindest einige Einnahmen zu erzielen, hat sich das Remscheidt-Team etwas einfallen lassen. „Die Sache mit den Modekisten hat gut funktioniert.“ Doch sei das sehr arbeitsintensiv gewesen. Nun sei man ja endlich wieder unterwegs. „Es ist auf jeden Fall schöner, wenn wir rausfahren“, so Heilek. Sie habe auch das Gefühl, dass es besser werde. „Der Terminplaner ist voll.“

Simone Simon, Sozialdienst (links) sowie Susanne Heinrich und Annette Heilek.

Auch weitere Touren mit Übernachtung scheuen die Frauen nicht: Beispielsweise bis nach Kastellaun im Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-Pfalz. Vier Stunden hin, vier Stunden zurück – das sei dann schon ein langer Tag. Auch in der Eifel ist man unterwegs. Nicht zu vergessen sei auch das Modetaxi, ein kleiner Kastenwagen. Ansonsten sind die Mitarbeiterinnen mit dem 7,5-Tonner unterwegs, der jede Menge Klamotten fasst. Susanne Heinrich: „26 Posten – das bedeutet 26 mal hin und zurück zum Auto.“ Annette Heilek ergänzt: „Wir brauchen keine Mucki-Bude, wir sind dann abends aber auch platt.“ 14 000 Schritte als Tagesleistung habe sie mal gemessen. Besonders viel zu laufen sei in Wuppertal. „Das hier ist eine gute Wanderschule.“ Die Modeberaterin empfindet dabei die Arbeit als sehr befriedigend. Fünf Kinder habe sie groß gezogen. „Das ist mein zweites Leben hier.“

Auch in Behinderteneinrichtungen

Nicht nur Altenhilfeeinrichtungen, sondern auch Behinderteneinrichtungen fährt Remscheidt an. Hier sei noch einmal ein besonderes Einfühlungsvermögen gefordert und ein besonders sensibler Umgang.

Es gab vor Corona ganz andere Zeiten: Mit den Bewohnern wurden Modenschauen arrangiert, auch mit Rollstuhlfahrerinnen. Selbst habe man auch gemodelt erinnert sich Heilek. Sie hofft, dass diese Zeiten wieder kommen. Auch im Evangelischen Seniorenzentrum Neuenrade würde man sich über diese Entwicklung freuen: „Wir sind so froh, dass es euch gibt“, hieß es am Dienstag.

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