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Nach Großbrand in Galvanik: Tyrolit in Neuenrade macht Neuanfang

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Von: Peter von der Beck

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Dr. Ing. Markus Weiß und Diplom-Ingenieur Bernd Heinrich in der neuen Halle, welche die Galvanik enthält.
Dr. Ing. Markus Weiß und Diplom-Ingenieur Bernd Heinrich in der neuen Halle, welche die Galvanik enthält. © Peter von der Beck

Im Frühjahr nächsten Jahres wird die Runderneuerung von Tyrolit nach dem gewaltigen Großbrand vor rund eineinhalb Jahren abgeschlossen sein. Dann wird die neue Galvanik stehen, die Menschen werden sich im brandsanierten Bürogebäude eingerichtet haben und die Produktion wird wieder laufen.

Neuenrade – Das Neuenrader Tyrolit-Werk an der Osemundstraße wird sich dann auch produktionstechnisch und in Sachen Energieeffizienz auf einem höheren Level bewegen. Zusätzlich soll sich die Produktlinie verändern, die derzeit noch automotivelastig ist.

Die Neuenrader werden wohl breiter aufgestellt sein und neue Marktnischen bedienen, sagt Bernd Heinrich, der neben Dr. Markus Weiß Geschäftsführer in dem Neuenrader Unternehmen ist. Dass das Unternehmen nach der Katastrophe nun quasi wie Phönix aus der Asche aufsteigt, ist auch den Mitarbeitern zu verdanken. „Die haben alles mitgemacht.“

Es war am Samstagnachmittag des 17. Oktober 2020, als ein gewaltiger Brand die Firma heimsuchte. Das Feuer, entstanden durch einen technischen Defekt an einem Becken, nahm in der Galvanik seinen Anfang, entwickelte sich massiv.

Die Produktionshalle brannte komplett nieder, das Feuer beschädigte auch die erst 2019 sanierte, angrenzende Halle erheblich und zog das Bürogebäude schwer in Mitleidenschaft. Der Löschaufwand war enorm. Nicht nur die komplette Neuenrader Feuerwehr, sondern auch Wehren der Umgebung waren im Einsatz. Vier Stunden benötigten die 250 Feuerwehrleute unter Einsatz von allerlei Gerät, um den Großbrand unter Kontrolle zu bringen.

Dicke Rauchschwaden zogen dabei durchs Industriegebiet, Anwohner wurden evakuiert, zunächst im Notfallbus untergebracht, teilweise mussten sie die Nacht auswärts verbringen. Die Warn-App Nina und Sirenenalarm wurden eingesetzt, um die Leute vor giftigen Gasen zu warnen. Die Luft wurde durch Einsatz diverser Messwagen laufend überprüft.

Eine gewaltige Menge – rund 2300 Kubikmeter kontaminiertes Wasser – war bei der Brandbekämpfungsaktion angefallen. Dank umsichtigen und schnellen Handelns durch Experten von Ruhrverband und Feuerwehr konnte das Löschwasser aufgefangen, zwischengelagert und entsorgt werden.

Tyrolit: Hightech auch aus Neuenrade

Tyrolit ist nach eigenen Angaben weltweit einer der führenden Hersteller für gebundene Schleif-, Trenn-, Bohr- und Abrichtwerkzeuge sowie von Maschinen für die Bauindustrie. Das Familienunternehmen der österreichischen Swarovski-Gruppe, mit Stammsitz in Schwaz/Tirol, besteht seit 1919 und beschäftigt derzeit mehr als 4500 Mitarbeiter an 29 Produktionsstandorten in 11 Ländern und auf fünf Kontinenten. Tyrolit stellt in den Bereichen Metall und Präzision, Industriefachhandel oder Bau und Stein 80 000 verschiedene Produkte her. Diese werden weltweit angeboten. Am Standort Neuenrade werden hochpräzise Verzahnungswerkzeuge hergestellt – für Zahnräder, die eine feine Oberfläche benötigen.

Aus dem Stand heraus mussten Unternehmensführung und Mitarbeiter in Abstimmung mit der Konzernmutter und unter massiv erschwerten Bedingungen einen Notfallbetrieb organisieren. Die Galvanik war zerstört, Teile der mechanischen Fertigung arg in Mitleidenschaft gezogen. Doch gut 14 Tage später konnten in den unbeschädigten Hallen schon wieder Werkzeuge für die Getriebefertigung hergestellt werden.

Die Kundschaft zog mit, zeigte Verständnis. Die Mitarbeiter zeigten sich flexibel – später arbeitete ein gutes Dutzend galvanische Facharbeiter bei der Konzernmutter in Österreich, oder verarbeitete bei „externen Firmen“ auf Tyrolit gehörenden Anlagen die eigenen Produkte. „Das hat alles super funktioniert“, sagt Weiß.

Die Arbeitsumstände waren dabei naturgemäß nicht wie gewohnt: Die komplette Verwaltung musste zum Beispiel in Containern agieren, die auf dem Betriebsgrundstück aufgestellt worden waren. All das geschah zudem unter Coronabedingungen.

Nicht einfach gestaltete sich der Wiederaufbau. Auswärtige Handwerker, die man beauftragt hatte, seien zwischenzeitlich einfach abgesprungen, berichtete Geschäftsführer Heinrich. „Die begründeten das mit der A 45.“ Weiß und Heinrich zeigten sich daher froh, dass heimische Firmen zuverlässig agierten: Reg.Las Ingenieurbüro, Listringhaus, Elektro Filter, R&G Iserlohn, Ingo Gierse oder Planungsbüro Mikler nannten sie.

Nun zeichnet sich das Ende der Arbeiten ab: Das neue Gebäude steht, große Teile des Innenlebens sind bereits vorhanden. Geschäftsführer Weiß ist optimistisch: „Wir hoffen, die Galvanik im September wieder hochzufahren.“ Auf den kompletten Bauabschluss hoffe man dann für das Frühjahr.

Bei der Restrukturierung des Unternehmens nach dem Brandschaden nimmt das Thema Energie einen großen Raum ein. Dass das nötig ist, zeigt die aktuelle Entwicklung mit exorbitanten Kostensteigerungen. Gerade Firmen mit Galvaniken wie Tyrolit wissen da ein Lied von zu singen. Doch auch die Herstellung der Präzisionswerkzeuge muss unter klimatisierten Verhältnissen stattfinden, die reichlich Strom erforderlich macht. Auf dem Fabrikhof steht bereits ein gewaltiger Verdunstungs-Rückkühler für die Klimatisierung.

So gibt es nach Beratung durch das Ingenieurbüro Reg.Las ein entsprechendes Konzept. Fotovoltaik soll helfen, Energie zu sparen, zudem soll die Blockheiztechnologie erhebliche Kosten einsparen. Schön wäre es, wenn die Fotovoltaikanlage zügig zu realisieren wäre – aber da gebe es, was die Einspeisung anbelangt, Bürokratie aufseiten der Netzbetreiber, ließ das Tyrolit-Führungsduo durchblicken.

Brandschutz für die neue Halle war vor allem nach den Ereignissen der Vergangenheit ein großes Thema, das in „fruchtbarer“ Absprache mit dem Fachmann und Neuenrades Feuerwehrchef Karsten Runte ausgearbeitet wurde. So gibt es eine üppige Sprinkleranlage mit großem Wasserreservoir und eine Löschwasserbarriere. „Die Galvanik ist komplett eingehaust mit Beton,“ hieß es.

Die wirtschaftliche Performance des Betriebs wird nach Auskunft durch Geschäftsführer Weiß auch wieder alte Stärken erreichen: „Wir haben gekämpft und sind auf gutem Wege, das Niveau vor dem Brand wieder zu erreichen.“ Mit-Geschäftsführer Bernd Heinrich verweist zudem darauf, dass man sich angesichts der Entwicklungen bei Fahrzeugen mit Verbrenner-Motoren auch anderen Nischen widme, die nichts mit Automotive zu tun haben.

Heinrich: „Das sind Bereiche, die man vorher nicht so gesehen hat. Es geht auch immer wieder eine Tür auf.“ Die E-Mobilität habe man natürlich im Blick. Für Heinrich wäre bei all den politischen Umstrukturierungsprozessen durchaus eine klare Linie der Politik hilfreich, um Planungssicherheit zu schaffen. Generell sind die Chefs guten Mutes: Solange sich Zahnräder in Getrieben drehten, werde Tyrolit-Technik dabei sein – weltweit.

Die Chance zur Innovation wird jedenfalls genutzt. Weiß: „Fertigungstechnisch stellen wir uns neu auf. Wir werden die Fertigung neu denken, Prozesse optimieren.“ Das gehe in Richtung Industrie 4.0 mit Sensorik und Qualitätsoptimierung auf aktueller Datenbasis. Klar scheint zu sein: Der Brand, hat Chancen generiert. Heinrich: „Es ist ein Neuanfang.“ Was nun Katastrophe und Neustart unterm Strich gekostet haben, wollen Weiß und Heinrich nicht sagen. Es sei aber „ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag“.

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