Nach Aufnahmestopp in Kinderarztpraxis: Kreis-Obmann macht Lösungsvorschläge

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Dr. Michael Achenbach untersucht ein Baby. Auch der Obmann der Kinder- und Jugendärzte berichtet über eine immer weiter steigende Anzahl der Patientenkontakte pro Mediziner.

Neuenrade – Attila Hildebrand hat die Notbremse gezogen. Weil der in Neuenrade praktizierende Kinderarzt seit der Schließung der Praxis von Dr. Zati Altay Ende 2018 in Werdohl von neuen Patienten regelrecht überrannt wird, nimmt Dr. Hildebrand keine neuen Patienten mehr auf.

„Die Terminsituation bei uns Kinder- und Jugendärzten ist schon lange angespannt“, sagt auch Dr. Michael Achenbach, Obmann der Kinder- und Jugendärzte im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) für den Märkischen Kreis. 

Auch für Achenbach, der eine Kinder- und Jugendarztpraxis in Plettenberg betreibt, ist die Kapazitätsgrenze längst erreicht: „Die Zahlen von Dr. Hildebrand machen das noch einmal sehr deutlich. Dieser berichtete von einem satten Plus von 24 Prozent im ersten Quartal bei den Patientenkontakten. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen diese um fast 380 auf 1934. Zum Vergleich: Die von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe ermittelte durchschnittliche Fallzahl für Kinder- und Jugendärzte betrug für Januar bis März vergangenen Jahres 1360 Patienten (für 2019 sind die Zahlen noch nicht veröffentlicht). 

Nachfrage übersteigt das Angebot

„Dass Dr. Hildebrand nun bei 1934 Patienten die Reißleine zieht, kann ich mit diesem Hintergrundwissen sofort verstehen“, sagt Achenbach. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem – und dies nicht nur bei Dr. Hildebrand, sondern bei allen Kinderärzten in der Region. 

Weil das „ärztliche Angebot knapp ist“, empfiehlt der Obmann einen Blick darauf zu werfen, was genau nachgefragt wird. „Vielleicht gibt es ja Dinge, die weniger wichtig sind und nicht unbedingt der Expertise eines Arztes bedürfen?“, fragt Dr. Achenbach. „Denn unsere ureigenen Aufgaben sind die Prävention, die Erkennung und die Behandlung von Krankheiten. Letztere wird gerade in der Infektzeit wieder den Hauptanteil unserer Tätigkeit ausmachen. Bei Kindern und Jugendlichen geht es dabei vor allem darum, zu unterscheiden, ob die Selbstheilungskräfte ausreichen oder der Körper therapeutische Unterstützung von außen benötigt.“ Bei vielen Infekten – und das sei nicht polemisch, sondern völlig ernst gemeint – sei Geduld das beste Heilmittel. 

"Obwohl-Termine" Möglichkeit zur Entlastung?

Möglichkeiten, die Kinder- und Jugendärzte in der Region zu entlasten, sieht Dr. Achenbach bei den vielen Konsultationen, die er unter dem Begriff „Obwohl-Termine“ zusammenfasst. Der Experte nennt auch einige Beispiele: 

  • Eltern stellen sich mit ihrem Baby vor, weil sie eine Bescheinigung benötigen, dass die Hebamme länger als die eigentlich erlaubten 16 Besuche die Familie weiterbetreuen darf. „Die Krankenkassen verlangen dafür eine ärztliche Anordnung, obwohl die Hebamme fachlich selbst in der Lage ist, über die Verlängerung zu entscheiden und – nebenbei gesagt – in dem Moment auch meist viel näher an der Familie dran ist“, findet Dr. Achenbach.
  • Viele Schulen verlangen eine ärztliche Krankschreibung, wenn Schüler länger als drei Tage fehlen. „Dabei hat der Gesetzgeber ins Schulgesetz geschrieben, dass dies nur gestattet ist, wenn die Schule begründete Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Eltern vorbringt“, erklärt der BVKJ-Obmann.
  • „Viele Kindertagesstätten verlangen Gesundschreibungen, zum Beispiel bei Mandelentzündung, obwohl das Gesundheitsamt des Märkischen Kreises eine Liste von Erkrankungen mit Attestpflicht herausgegeben hat und auf dieser Mandelentzündungen als nicht attestpflichtig aufgeführt werden“, sieht Dr. Achenbach auch hier eine Möglichkeit, die Patientenkontakte für jeden Mediziner zu reduzieren.
  • Zudem stellten viele Eltern ihr krankes Kind mit den Worten „alles gut, aber es hustet nach drei Tagen immer noch“ erneut in der Praxis vor, „obwohl wir Kinder- und Jugendärzte den Eltern unermüdlich erklären, dass der Husten bei einem banalen Atemwegsinfekt oft das am längsten bleibende Symptom ist“, so Achenbach. 

Alleine diese vier Beispiele zeigen für Experte Achenbach („Ich könnte diese Aufzählung beliebig lange fortsetzen“), dass Ärzte sehr oft in Anspruch genommen würden, obwohl es für das Gesundwerden oder -bleiben nicht nötig sei. „Und noch schlimmer: Ein gesundes Kind kann sich beim Warten auf den Gesundschreibetermin“ im Wartezimmer erneut anstecken“, sagt Achenbach. 

„Verwaltung“ muss weniger werden

Vor diesen Hintergründen macht der Obmann der Kinder- und Jugendärzte im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte für den Märkischen Kreis eine für ihn ganz einfache Rechnung auf: „Je mehr Nebenkampfschauplätze in unseren Praxen eröffnet werden, desto weniger Zeit bleibt für unsere eigentlichen Aufgaben.“ Mehr „Behandlung“ gehe nur mit weniger „Verwaltung“. 

Deshalb wendet sich Dr. Michael Achenbach mit einem eindringlichen Appell an alle Beteiligten, besonders an Schulen, Lokal- und Bundespolitik, Kindertagesstätten und Krankenkassen: „Befreien Sie uns von diesen ,Obwohl-Terminen’, dann haben wir Ärzte mehr Zeit für unsere eigentliche Tätigkeit am Menschen: Prävention, Diagnostik und Therapie!“

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