Nach Aufnahmestopp in Kinderarztpraxis: "Einige versuchen es trotzdem weiter"

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Dr. Attila Hildebrand nimmt in seiner Kinderarztpraxis in Neuenrade keine neuen Patienten mehr auf.

Neuenrade – „Für uns hat sich hier nicht viel geändert.“ Das sagt Dr. Attila Hildebrand, nachdem der Kinderarzt, der in Neuenrade praktiziert, in unserer Zeitung publik gemacht hatte, dass er aus Kapazitätsgründen keine neuen Patienten mehr aufnehmen könne (Neugeborene aus Neuenrade ausgenommen).

„Einige versuchen es trotz Aufnahmestopp weiterhin, in dieser Praxis unterzukommen“, erklärt Hildebrand. Auf Nachfrage würden die Eltern zwar einräumen, von dem Aufnahmestopp in der Praxis gehört zu haben. „Eine Behandlung für ihr Kind wollen sie aber trotzdem“, so Hildebrand. 

Neugeborene aus umliegenden Kommunen, verstärkt aus Werdohl, wo es seit Ende 2018 gar keine Kinderarztpraxis mehr gibt, müsse er weiterhin abweisen. „Obwohl wir darüber natürlich auch weiterhin sehr unglücklich sind“, sagt Hildebrand. 

Terminvermittlungsstelle verwundert

Es komme auch vor, dass Familien immer noch nicht einsichtig sind, vor allem, wenn schon ein Kind der Familie bei Dr. Hildebrand in Behandlung ist. Auch melde sich die Terminvermittlungsstelle häufiger. Dort zeige man sich dann stets verwundert, dass ein Neuenrader Kinderarzt keine neuen Patienten mehr aufnehme. 

Schwierig sei es nun für die Eltern: In der näheren Umgebung bei einem Kinderarzt unterzukommen sei kaum möglich. Auch die Kinderärzte in Plettenberg oder Altena würden teils keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Wie es in weiter entfernten Städten wie Iserlohn oder Hagen aussieht, vermochte Hildebrand nicht zu sagen: „Da habe ich keinen Kontakt.“ 

Bei akuten Fällen: Kinderklinik aufsuchen

Bei akuten Krankheitsfällen rät Dr. Hildebrand den Eltern aber ohnehin, die Ambulanz der Kinderkliniken in Lüdenscheid oder Iserlohn aufzusuchen. „Da werden dann aber auch Kinder vorgestellt, die sonst nicht ins Krankenhaus sollten“, sagt Hildebrand. Insgesamt hält sich das Patientenaufkommen dort aber noch in Grenzen. So gibt es an der Iserlohner Kinderklinik Bethanien bislang „keine auffälligen Häufungen“ von kranken Kindern in der Ambulanz. Das zumindest kann Pressesprecherin Tine Droste in den entsprechenden Datenbanken sehen. 

Kinderarzt Hildebrand hält bei älteren Kindern möglicherweise auch den Besuch bei einem Hausarzt für sinnvoll – doch manche Hausärzte hätten ein Mindestalter. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe ist man sich des Kinderarztproblems in der Region bewusst. Pressesprecherin Vanessa Pudlo sagte auf Anfrage, dass Werdohl in Sachen Kinderärzte (und auch bei Hausärzten) auf einer Förderliste stehe. Wer sich also als Kinderarzt in Werdohl niederlassen möchte, kann bei der KV einen Antrag stellen und wird finanziell bezuschusst. 

Konditionen in der Regel großzügig

Die Konditionen sind in der Regel großzügig. Zudem verweist Pudlo darauf, dass Kinderärzte mehr als früher zu tun hätten: „Die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen hat zugenommen.“ Zudem ändert sich in Sachen Bedarfsplanung etwas. Die Bedarfsplanung wird auf Bundesebene geregelt, in dem Gremium sitzen Ärzte, Krankenkassen und Krankenhäuser. Die KV muss die Beschlüsse umsetzen. Ein Steuerungsmittel gibt es nun neuerdings: Bestimmte (besser versorgte) Gebiete können für Neuansiedlungen gesperrt werden, sodass Ärzte in bestimmte, unterversorgte Regionen gelenkt werden sollen. 

Bis dieses Instrument greift, wird es allerdings dauern. Deshalb rät die KV-Sprecherin den Eltern einstweilen, sich über den Terminvergabedienst einen Kinderarzt suchen zu lassen. Dort habe man in der Regel den Überblick über freie Kapazitäten. Nach dem Anruf vermittele man einen Termin bei einem Kinder- und Jugendarzt, einschließlich der Termine für Gesundheitsuntersuchungen im Kindesalter (U-Untersuchungen). 

KV unterstützt Eltern bei Suche

Laut Homepage unterstützt der Service der KV die Eltern bei der Suche nach Haus-, Kinder- und Jugendärzten für die dauerhafte Behandlung. Das scheint jedoch nicht immer reibungslos zu funktionieren – sonst würden sich nicht ausgerechnet bei Attila Hildebrand der Terminservice immer wieder melden. 

Dass es derzeit in der Region zu wenige Kinderärzte gibt, ist offenbar auf ein umfassendes Ursachengeflecht zurückzuführen. Medizinstudenten steigen teilweise vor Abschluss des Studiums aus, um etwas anderes zu machen, fertig ausgebildete Kinderärzte arbeiten lieber in einer Klinik oder gehen gar ins Ausland, wieder andere lieber in der Industrie, wenige in großen Praxen. „Hinzu kommt, dass nur wenige Interesse haben, sich mit einer Praxis selbstständig zu machen. Dabei spielt auch die Familienplanung eine Rolle“, so Dr. Hildebrand abschließend.

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