Vertrauensverhältnis gestört

Nach Ärger um Impftermine: Patientin wird in Hausarztpraxis im MK nicht mehr behandelt

In der Neuenrader Praxis von Dr. Paul Gotthardt gab es mit einer Patientin Ärger um Impftermine.
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In der Neuenrader Praxis von Dr. Paul Gotthardt gab es mit einer Patientin Ärger um Impftermine.

Als Agnes Becker Ende August bei ihrem Hausarzt in Neuenrade anruft, um nach einer Überweisung zu fragen, erlebt sie eine unangenehme Überraschung

„Die Sprechstundenhilfe teilte mir mit, dass man mich wegen meines Verhaltens bei der Impfaktion als Patientin nicht mehr behandeln würde. Das Vertrauensverhältnis sei gestört.“

Das kann die 75-Jährige nicht nachvollziehen. Seit 2010 ist die Neuenraderin Patientin in der Praxis von Dr. Paul Gotthardt, den „ich als Mediziner und als Mensch sehr schätze“. Der Rauswurf habe sie enttäuscht und verletzt. „Deshalb habe ich Dr. Gotthardt einen Brief geschrieben.“ Doch es sei nicht zur erhofften Aussprache gekommen: „Ich habe leider keine Antwort erhalten.“

Becker wollte möglichst schnell handeln

Im Gespräch mit der Redaktion erzählt die Seniorin ihre Impfgeschichte: Nachdem sie im April erfahren hatte, dass sie zur priorisierten Impfgruppe gehört, wollte Agnes Becker möglichst schnell handeln. Im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung in der Praxis habe sie sich wenige Tage später, am 28. April, nach der Corona-Schutzimpfung erkundigt. „Doch die Sprechstundenhilfe herrschte mich an: ,Fahren sie nach Lüdenscheid’“. Sie habe deshalb darauf hingewiesen, dass sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, und eine Fahrt zum Impfzentrum umständlich und anstrengend sei.

Am Morgen darauf hatte die Neuenraderin einen weiteren Termin in der Praxis. „Die Sprechstundenhilfe fragte mich, ob sie mich denn nun in die Impfliste eintragen sollte.“ Dieser Sinneswandel sei für sie zwar überraschend gewesen, doch sie habe zugestimmt – und den Vorfall anschließend im Gespräch mit dem Mediziner thematisiert. Dieser habe erklärt, dass sein Mitarbeiterteam momentan sehr überfordert sei.

Impfempfehlungen ändern sich

Am 18. Mai erhielt Agnes Becker ihre erste Immunisierung in der Praxis ihres Hausarztes, mit dem Wirkstoff des Pharmakonzerns AstraZeneca. „Der Termin für die Zweitimpfung wurde für den 17. August festgesetzt.“ Doch dann änderten sich die Impfempfehlungen. „Am 1. Juli wurde in den Medien bekannt gegeben, dass die zweite Impfung mit dem mRNA-Impfstoff Comirnaty von Biontech schon mit einem zeitlichen Abstand von vier Wochen zur ersten Impfung möglich, sogar empfehlenswert sei“, erinnert sich die Seniorin. Sie habe zwei Mal in der Praxis angerufen, um nach einem vorgezogenen Impftermin zu fragen. Eine Mitarbeiterin habe ihr erklärt, dass eine Terminverschiebung nicht möglich sei.

Dr. Paul Gotthardt

Daraufhin bemühte sich Agnes Becker anderweitig um eine frühere Zweitimpfung – und ließ sich am 17. Juli von einem anderen Arzt erneut immunisieren. „Am 20. Juli habe ich mindestens sechs Mal versucht in der Praxis anzurufen, um den Termin für den 17. August abzusagen“, erzählt die Neuenraderin von den zunächst erfolglosen Bemühungen. Allerdings hörte sie bei dieser Gelegenheit die Banddurchsage: „Es hieß dort, dass vereinbarte Termine nicht vorgezogen werden können.“

Patientin fragt: „Worin liegt mein Fehlverhalten?“

Am Folgetag hatte die 75-Jährige die Sprechstundenhilfe am Telefon. „Sie erklärte mir, dass ich auch in ihrer Praxis einen vorgezogenen Impftermin bekommen hätte, wenn ich angerufen hätte.“ Becker kann diese Aussage nicht nachvollziehen: „Ich habe doch angerufen.“

Bei ihrer zweiten Impfung habe sie sogar noch das gute Gefühl gehabt, ihre Hausarztpraxis zu entlasten. „Jede Impfung macht Arbeit und erfordert viel Bürokratie“, stellt Agnes Becker fest – und fragt: „Worin liegt mein Fehlverhalten?“

Dr. Gotthardt: Mitarbeiterinnen wurde zugesetzt

Diese Frage beantwortet der Neuenrader Mediziner in einer Stellungnahme gegenüber der Redaktion. Aus seiner Sicht sah sich „eine überaus rüstige, mobile ältere Patientin nicht in der Lage, einem Angebot des Corona-Impfzentrums in Lüdenscheid nachkommen zu wollen“. „Stattdessen wurde meinen Mitarbeiterinnen so lange zugesetzt, dass schließlich eine Impfung in unserer Praxis erfolgte“, erklärt Dr. Gotthardt. Dies sei zu einer Zeit des knappen und noch stark regulierten Impfstoff-Angebots der Fall gewesen, „so dass ein anderer länger warten musste“.

Kurz nach der Impfung der Patientin sei die Möglichkeit von kürzeren Impfabständen in die Öffentlichkeit getragen worden. „Sogleich wurde von ihr ein deutlich verkürzter Impfabstand eingefordert. Jeglicher Hinweis auf die außerordentlichen Planungs- und Beschaffungsprobleme, die vor einigen Wochen noch bestanden, fanden kein Gehör“, schildert der Mediziner.

Erklärung in triumphierendem Ton?

Dr. Gotthardt berichtet weiter: „Bei nächster Gelegenheit erklärte sie meinen Mitarbeitern in durchaus triumphierendem Ton, der Termin könne gestrichen werden, sie hätte sich bei einem Kollegen, dessen Namen sie natürlich nicht nennen wolle, bereits impfen lassen.“

Der Arzt unterstreicht. „Als Praxisinhaber sehe ich mich auch in der Verpflichtung, meine Mitarbeiter vor unnötigen Belastungen zu schützen. Ohne mich nun über den ein oder anderen ärgern zu wollen, möchte ich mich deshalb sehr bedanken bei den vielen guten, kooperativen Patienten, ohne deren Verständnis es in unserer Lage nicht möglich wäre, die hohe Arbeitslast in dieser Zeit zu bewältigen.“

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