Moschee-Projekt in Neuenrade: Das sagt der Kulturverein-Vorsitzende

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So soll die Neuenrader Mevlana-Moschee im Eingangsbereich aussehen (Blick von der Industriestraße aus).

Neuenrade – Hamit Yilmaz konnte einem fast leidtun. Nach seinem Vortrag zur Entwicklung der türkisch-islamischen Gemeinde in Neuenrade und der Präsentation der neuen Moschee-Pläne musste sich der Vorsitzende des Kulturvereins vielen kritischen Fragen und Statements stellen.

Ob Minarette und mögliche Muezzin-Rufe, angeblicher Kopftuchzwang, Weltpolitik, Erdogan, Integrationsfragen aller Art und nicht-grüßende Jugendliche – die Liste war lang. 

Am Ende der Veranstaltung zu der die Freie Wählergemeinschaft Neuenrade (FWG) für Montagabend in ihr Stammlokal Hotel-Restaurant Wilhelmshöhe eingeladen hatte, gab es respektvollen Applaus wohl für seinen Mut. Yilmaz tourt derzeit durch Neuenrader Vereine und hält dort für die Islamische-Gemeinschaft Moscheebau-Vorträge mit anschließender Diskussion. Sechs Info-Veranstaltungen in vier Wochen bewältigte er. 

Geschichte der Gemeinde beginnt in den 70er-Jahren

Die Geschichte der türkisch-islamischen Gemeinde Neuenrade beginnt irgendwann in den 1970ern, als der Islam noch in Privatwohnungen praktiziert wurde. Mit dem Wachsen der Gemeinde folgen Hallen, der Erwerb der alten Tankstelle und die sich anschließende Suche nach geeigneten Grundstücken/Gebäuden. Dabei gab es Rückschläge bei Kaufversuchen (häufige Überbietung) und schließlich kam es zum aktuellen, wegen der Dimensionen in die Kritik geratenen Projektes, welches nun wohl Realität wird. 

Hamit Yilmaz präsentierte die Entwicklung der türkisch-islamischen Gemeinde in Neuenrade.

Yilmaz hatte dabei immer einen Neubau bevorzugt: „Ich wollte etwas Schönes, keine alte Halle.“ Detlef Stägert und Bernhard Peters, beide Ratsmitglieder für die FWG, betonten dabei, dass das Objekt ein Kompromiss sei und die türkisch-islamische Gemeinde allen Bedenken entgegengekommen sei. Das geht einher mit einer Reduzierung der Geschosshöhe, Verkleinerung von Kuppel und Minaretten und Verlegung des Eingangs mit Minaretten zur Rückseite. Das seien alles Kompromisse, welche die Gemeinde nicht hätte machen müssen, betonten die beiden. 

Muezzin-Rufe ein Streitthema

Bei der anschließenden Diskussion spielten mögliche Muezzin-Rufe aus den Minaretten eine große Rolle. Fünf Mal am Tag Gebetsrufe, das gehe gar nicht. Das sei für viele Neuenrader der Knackpunkt. Das dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zugesprochene Zitat mit den „Moscheen als Kasernen“ und „Minaretten als Bajonetten“ wurde ausgepackt. Von einer „Achse Werdohl-Neuenrade“ war die Rede. Und das Wort „Machtsymbol“ fiel. 

Yilmaz verwies darauf, dass man nicht jeden Neuenrader muslimischen Glaubens für weltpolitische Ereignisse oder Handlungen der Regierungschefs anderer Länder verantwortlich machen könne. Überall gebe es solche und solche. Er ließ durchblicken, dass die Gemeinde politisch nicht homogen sei. Gleichwohl räumte er ein, dass Erdogans Politik, beziehungsweise Politik allgemein - Erdogan sei da nur ein Teil - hier vor Ort zu Spaltungen beigetragen habe. Weltpolitik wollte Yilmaz allerdings nicht diskutieren und überhaupt, er könne nicht für jede Person geradestehen. 

Gebetsruf: FWG will Thema aufgreifen

Dafür ging er auf die Sache mit den Gebetsrufen ein: Theoretisch könne man einfach Lautsprecher installieren. Aber davon halte er nichts. Es gebe Apps für die Gebetszeiten. Sich aber vertraglich für die kommenden 50 Jahre zu verpflichten, nicht per Muezzin zum Gebet zu rufen, dazu konnte und wollte Yilmaz nicht viel sagen. Die FWG will die Gebetsruf-Problematik weiter aufgreifen und noch einmal thematisieren. 

Das Publikum sparte nicht mit kritischen Fragen zum Moscheebau und zur Integration.

Auch eine Kopftuchdebatte gab es: Yilmaz verwies darauf, dass es eben eine Sache des Glaubens sei. Seine Frau trage Kopftuch, andere nicht. Das Kopftuch sei „eine Entscheidung“. Bei den Gästen hielten viele das Kopftuch für ein Zeichen der Unterdrückung. Eine Frau machte auch eine Veränderung aus, schon kleine Mädchen würden nun mit Kopftuch herumlaufen. Früher, so sagte sie, sei das alles nicht so religiös gewesen. Es sei „nicht die Angst vor den Menschen“ – vielmehr bereite ihr „die Entwicklung“ Unbehagen. 

Erkenntnis: Alle wollen das Miteinander

Ebenfalls viel Raum nahmen die Themen Deutschkenntnisse der Gemeindemitglieder und Parallelgesellschaft ein. Yilmaz sieht hier Defizite und unterstrich ebenfalls, dass Integration keine Einbahnstraße sei. Das betonte auch Stägert, der zudem ergänzte, dass die deutsche Sprache der Schlüssel zur Integration sei. Bei allen Kritikpunkten und Unterschieden blieb am Ende eine Erkenntnis: Alle wollen das Miteinander und haben Interesse an einem Austausch und dem gesellschaftlichen Konsens.

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