„Schweitzer“ nicht versteigert

Niemand wollte 195 000 Euro für den Gasthof „Schweitzer“ bieten.

NEUENRADE ▪ Auch der vorläufig letzte Versuch, das Gaststätten- und Hotelgebäude „Hof Schweitzer“ in Küntrop unter den Hammer zu bringen, scheiterte jetzt im Amtsgericht Altena. Längst waren die Wertgrenzen gefallen, die einen Verkauf für weniger als 70 beziehungsweise 50 Prozent des Verkehrswertes ausschließen.

Bei Berücksichtigung der letzten 30-Prozent-Marke, die Werte bei einer Zwangsversteigerung vor der Verschleuderung schützt, hätte ein Bieter mindestens 30 Prozent von 650 000 Euro, also 195 000 Euro bieten müssen. Doch niemand kam mit solchen Absichten ins Amtsgerichtsgebäude.

Rechtspflegerin Andrea Standtke beendete das von Gläubigern eingeleitete Zwangsversteigerungsverfahren um 10.47 Uhr. Der mögliche Erlös stand dabei in keinem Verhältnis zu den gewaltigen Schulden der Eigentümerin: Allein die Commerzbank hat Forderungen in Höhe von fast 800 000 Euro. Fällige Zinsen sind zum Teil mit 18 Prozent angegeben. Die Stadt Neuenrade, die Iserlohner Brauerei, die Finanzverwaltung des Landes NRW und die AOK Westfalen Lippe sind mit Forderungen von insgesamt gut 200 000 Euro im Grundbuch eingetragen.

Der Hof Schweitzer besteht aus dem um 1900 errichteten Zentralbau, einem 1982 errichteten Anbau, in dem sich der große Saal befindet und einem Kegelbahngebäude (1993). Zu dem Anwesen gehören eine 90 Quadratmeter große Betriebswohnung und drei kleine Wohnungen. Auf rund 570 Quadratmetern befindet sich alles, was ein Gaststättenbetrieb braucht: ein 132 Quadratmeter großes Lager, ein großes Büro und eine große Küche. Im Hotel stehen elf Gästezimmer zur Verfügung, die laut Gutachten von 2007 zuletzt immerhin noch zu etwa 70 Prozent ausgelastet waren – bei einem Zimmerpreis von 35 Euro für das Einzel- und 55 Euro für das Doppelzimmer.

Allerdings stellt das Gutachten der Mendener Architektin Andrea König schon damals einen Sanierungsbedarf von rund 34 000 Euro fest. Durch den langen Leerstand kann sich die Situation nicht verbessert haben. Immerhin: „Ein Befall durch Bauschädlinge wie Hausschwamm oder Hausbock konnte im Rahmen der Ortsbesichtigung nicht festgestellt werden“, heißt es in dem Gutachten von 2007. Dessen Bilder zeigen, dass nicht nur ein erheblicher Sanierungs-, sondern vor allem auch Modernisierungsbedarf besteht. Notwendige Umbaumaßnahmen für eine angemessene Vermarktung des Hauses aufgrund „geänderten Nutzerverhaltens und gegebenenfalls gesetzlicher Veränderungen sind im Ertragswert berücksichtigt“, heißt es in dem Gutachten.

Da drohen möglicherweise nicht nur Diskussionen über zweite Fluchtwege. Nach dem Scheitern des Zwangsversteigerungsverfahrens kann das Anwesen unter dem Druck der Gläubiger über die üblichen Wege weiterhin zum Verkauf angeboten werden. Möglich ist auch ein zweites Zwangsversteigerungsverfahren, wogegen aber die gähnende Leere im Versteigerungssaal spricht. ▪ Thomas Krumm

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