Ein halber Tag im Zug

Michael Brüll pendelt zwischen Küntrop und Recklinghausen.

NEUENRADE - 2554 „Einpendler“ hat die Pendlerstatistik des Landesamtes vorzuweisen – 2554 Menschen, die täglich von außerhalb nach Neuenrade kommen, um in der Hönnestadt zu arbeiten. Michael Brüll ist einer von ihnen. Sechs Stunden verbringt er jeden Tag auf freier Strecke – und ist zufrieden damit.

Von Laila Weiland

Mit dem Auto braucht man für die knapp 90 Kilometer von Recklinghausen nach Küntrop etwas mehr als eine Stunde – im Berufsverkehr etwas länger. Dass er für dieselbe Strecke drei Mal so lange braucht, stört den 50-Jährigen kaum: „Klar, man ist abends schneller zu Hause, aber die Kosten für Sprit wären auch viel höher.“ 225 Euro zahlt er für sein Monatsticket – mit dem Auto käme er auf mehr als das Doppelte. Ohne Führerschein ist er ohnehin auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen – und so beginnt sein Tag bereits um halb vier Uhr morgens: „Um fünf geht der Bus zum Bahnhof, dort fährt der Zug zunächst nach Wanne-Eickel“, erklärt er seinen Arbeitsweg. „Dann steige ich in den Zug nach Dortmund, fahre von dort aus bis nach Hagen, von Hagen nach Werdohl und dann nach Küntrop“. Nach viermaligem Umsteigen ist er aber noch nicht ganz am Ziel: Bei seiner Nichte, die ganz in der Nähe des Küntroper Bahnhofes wohnt, steht sein Fahrrad – auf dem fährt er noch den letzten Kilometer bis zur Firma IVT. Um acht Uhr beginnt er mit der Arbeit. Acht Stunden später beginnt die Reise von Neuem.

Geht es nicht auch einfacher? Bestimmt. Aber Michael Brüll hat sich eben entschieden. 40 Jahre lang wohnte er in Neuenrade. Dann lernte er im Urlaub seine Frau kennen und zog zu ihr nach Recklinghausen. „Sie hat dort eine Eigentumswohnung, deswegen war klar, dass wir dort bleiben“, erklärt er. Kurzfristig überlegte er, sich dort auch einen Job zu suchen, doch dann bekam er die Stelle in Küntrop. „Etwas besseres kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt er. „Ich bin mehr als zufrieden.“ So begann die tägliche Pendelei. Das ist nun zehn Jahre her. Die Zeit in seiner Heimatstadt nutzt der 50-Jährige auch, um alte Bekannte in der Stammkneipe zu treffen und seine Mutter zu besuchen. „Manchmal bleibe ich auch über Nacht“, erzählt er. „Öfter im Winter, wenn die Züge unregelmäßiger fahren.“

Hier findet der Pendler den einzigen großen Nachteil am Bahnfahren: Verspätungen. „Wenn nur ein Zug zu spät kommt, verpasse ich alle folgenden und komme mindestens eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit“, sagt Michael Brüll. „Zum Glück habe ich einen echt tollen Chef: Wenn ich anrufe und Bescheid sage, dass es später wird, kann ich die Zeit später nachholen.“ Viel Freizeit bleibt bei so viel Fahrerei nicht. Auch seine Frau arbeitet lange, ist ebenfalls erst zwischen 20 und 21 Uhr zuhause, trotzdem ist Michael Brüll nicht unzufrieden mit seiner Situation. „Ich habe einen festen Arbeitsplatz und kann meine Freunde, meine Mutter und meine Patenkinder in Neuenrade regelmäßig sehen“, zählt er auf, was ihm wichtig ist. An langen Wochenenden fährt er mit seiner Frau an die Mosel. „Wir treffen uns dann da unten“, erzählt er und grinst. „Ich fahre direkt nach der Arbeit mit dem Zug und sie kommt mit dem Auto nach – das ist schon ein bisschen lustig.“ Die Fahrzeit sei für ihn dieselbe.

Beim Bahnfahren habe er schon so einiges erlebt, erzählt er. Ein Umstieg auf freier Strecke, weil der Zug defekt war oder gesperrte Strecken wegen spielender Kinder. Auch viele schräge Leute kreuzen seinen Weg – er nimmt es mit Humor. Nur laute Telefonate und Musik nerven ihn. Im Laufe der Jahre bilden sich auch „Fahrgemeinschaften“. „In Altena steigen immer zwei Frauen ein und wir fahren dann gemeinsam bis nach Werdohl“, erzählt er. „Wenn einer von uns mal eine Weile nicht da war, wird gleich gefragt, was los war.“ Auch die Schaffner kennen die Pendler schon: „Meine Karte brauche ich gar nicht mehr vorzeigen, das wird einfach abgenickt.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare