Medizinisches Versorgungszentrum: Stadt und CDU stellen Konzept vor

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Antonius Wiesemann und Daniel Wingen präsentierten das MVZ-Konzept.

Neuenrade - Um dem drohenden Ärztemangel entgegenzutreten, stellt die Stadt ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) auf die Beine. Dazu wird eine Anstalt Öffentlichen Rechts (AÖR) gegründet, die am 1. Januar 2020 ihre Arbeit aufnehmen soll.

Landarzt Michael Beringhoff soll dann als angestellter ärztlicher Leiter das Versorgungszentrum, das im Obergeschoss seiner Landarztpraxis an der Zweiten Straße 1 angesiedelt wird, führen. 

Mit im Boot ist bereits eine Ärztin, die namentlich noch nicht in Erscheinung treten will, weil sie beruflich derzeit anderweitig gebunden ist. Die AÖR soll durch einen Verwaltungsrat, der paritätisch mit den Ratsmitgliedern besetzt ist, kontrolliert werden. Den Verwaltungsaufwand will der Bürgermeister allerdings gering halten. Es soll kein Wasserkopf entstehen. Michael Beringhoff, der für die CDU im Rat sitzt, wird sein Mandat dafür niederlegen. 

Wirtschaftlichkeit das oberste Gebot

Bürgermeister Antonius Wiesemann und der stellvertretenden CDU-Fraktionschef Daniel Wingen, der sich innerhalb der CDU-Fraktion verstärkt um das Thema Gesundheitsversorgung kümmert, präsentierten das grobe Konzept im Rahmen eines Pressegespräches. Wingen und Wiesemann sagten unisono: „Das ist die Keimzelle.“ Daraus könne sich Weiteres entwickeln. Es gelte zu schauen, wie das MVZ von den Bürgern angenommen werde. Vor diesem Hintergrund sei Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit das oberste Gebot. Die renommierte Kanzlei Broglie, Schade und Partner aus Wiesbaden wird einen Businessplan erstellen. „Das Ganze soll wirtschaftlich tragfähig sein“, sagte Wingen und sprach von einer schwarzen Null. Wenn es laufe, könne man ja die Personenzahl erhöhen. 

Michael Beringhoff wird ärztlicher Leiter des Versorgungszentrums

Die Kanzlei hatte am zuvor am Montagabend in nicht-öffentlicher Sitzung ein auf Neuenrade zugeschnittenes Konzept präsentiert. Wie Bürgermeister Wiesemann erläuterte, habe die Sozietät noch einmal die Hintergründe des Hausärztemangels, sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen, die es zu beachten gelte, erläutert. Auch die Zukunftsfähigkeit eines Medizinischen Versorgungszentrums und die weitere Vorgehensweise bis zur Eröffnung wurden besprochen. Unternehmensform, Startkapital und Datenschutz seien weitere Themen gewesen. Auch persönliche Daten und Umstände beteiligter Mediziner seien zur Sprache gekommen. Deshalb sei es schwierig gewesen, die Angelegenheit öffentlich zu präsentieren. 

Bürgermeister bittet um Verständnis

Dass die Angelegenheit mit dem MVZ nicht an die große Glocke gehängt worden sei – dafür baten Wiesemann und Wingen nachträglich um Verständnis. Man stehe in Konkurrenz zu anderen Städten. Es habe durchaus Anfragen von anderen Kommunen gegeben, die ähnliche Probleme hätten und abklopfen wollten, wie weit denn die Neuenrader seien. Wingen sagte: „Hinterzimmerpolitik – insofern ja. Es kam uns darauf an, dass wir die Ersten in NRW sind, die Ersten in diesem Pilotprojekt wegen der ministeriellen Unterstützung.“ So will man nun das erwartete mediale Interesse nutzen, um auch junge Ärzte nach Neuenrade zu holen, die als Angestellte einen Job bekommen könnten. „Die erste große Aufmerksamkeit soll eben Neuenrade erhalten“, so Wingen. 

Vorwurf der Vetternwirtschaft 

Weil Beringhoff nun CDU-Mitglied ist, stehe der Vorwurf der Vetternwirtschaft im Raum. Doch Beringhoff sei etabliert in seiner Praxis, Es gehe dem Arzt einfach um seine Patienten, sagte Wingen. Der Bürgermeister ergänzte, dass man mit der Ärzteschaft in großer Runde gesprochen habe: „Mitarbeiten wollte zunächst keiner, die sehen das nicht als Konkurrenz, hätten das sogar begrüßt.“ 

Hier an der Zweiten Straße, in der Beringhoffschen Praxis, soll die Keimzelle des MVZ entstehen.

Landarzt Michael Beringhoff sagte auf Nachfrage, dass er die Aufgabe vor allem für seine Patienten und die Neuenrader übernehme. Er sei jetzt 65 Jahre alt und wolle durchaus kürzertreten. Er habe keinen Nachfolger und es sei wichtig, dass es in Neuenrade weiter gehe. „Ich werde für das MVZ zur Verfügung stehen und helfe mit, die Strukturen aufzubauen. Es wäre auch schön, wenn noch eine Neuenrader Arzt dazustoßen würde. Je mehr Schultern, auf die man das System stützen kann, umso besser.“ 

Thema aus der Politik raushalten

Wiesemann will das Thema ganz aus der Politik heraushalten, schließlich gehe es um die Stadt: „Als Bürgermeister sage ich: Es ist sinnvoll, die politische Ausrichtung zurückzustellen.“ 

Wingen dagegen ging auf Konfrontationskurs mit der Opposition. So sei es klar, dass man „als CDU das Profil schärfe“ und hier für Neuenrade arbeite. „Wir haben uns reingehängt – und haben es geschafft“. 

MVZ wird im April Thema im Rat

Das MVZ wird bei der nächsten Ratssitzung im April noch einmal öffentlich, wenn es darum geht, das Projekt mit der CDU-Mehrheit auch formal durchzuwinken. Anschließend kann offiziell die Aufragsvergabe an die Kanzlei Broglie, Schade und Partner erfolgen. 

Politisch läuft es um die MVZ-Gründung alles andere als rund. Freie Wähler, Bündnisgrüne und FDP verweigerten die Teilnahme an der nicht-öffentlichen Sitzung und wollten die Rahmenbedingungen mitbestimmen. SPD-Vertreter waren zumindest vor Ort und hörten sich das Konzept an, CDU- und SPD-Fraktion tauschten sich wohl auch aus. Gut vier Stunden habe die Sitzung gedauert, sagte Thomas Wette, der SPD-Mitfraktionssprecher. 

Viel mehr an Kommentaren ließ Thomas Wette sich auf Anfrage nicht entlocken. „Schauen wir, was jetzt passiert.“

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