Mafia-Prozess: Kronzeuge aus Neuenrade erhängt sich in seiner Zelle

NEUENRADE ▪ Der Kronzeuge im Prozess gegen die mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes an einem Kölner Gastwirt ist tot. Gestern Morgen wurde der 49-Jährige erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Ab neun Uhr hatte der ehemalige Neuenrader im Schwurgerichtssaal in Hagen aussagen sollen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war aus Sicherheitsgründen nichts darüber bekannt geworden, in welcher Justizvollzugsanstalt der zu zweimal „lebenslänglich“ verurteilte Mörder untergebracht war. Neben dem Mord in Köln hatte der damals 48-Jährige den Mord an einer 79-jährigen Rentnerin in Altena im Jahr 1999 gestanden.

Sichtlich erschüttert sprach die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen den Angehörigen des Toten das Beileid der Schwurgerichtskammer aus. Über einen „etwaigen Freitod“ sei noch nichts Weitergehendes bekannt, erklärte sie.

Betroffen zeigte sich auch Anwalt Andreas Trode, der den Neuenrader im Mordprozess vertreten hatte. Im laufenden Verfahren hatte er dem Zeugen als Rechtsbeistand zur Seite stehen sollen. „Es ist ein Riesenskandal, dass sich ein geschützter Zeuge selbst ‘weghängt’“, sagte Trode. Sein Mandant habe keinerlei Ängste vor der Aussage im Schwurgerichtssaal geäußert. Seit 2010 habe er den Neuenrader begleitet: „Ich bin immer davon ausgegangen, dass das, was er sagt, richtig ist, und es lässt sich an vielen objektiven Tatbeständen messen.“ Die Strafprozessordnung sehe in einem solchen Fall vor, dass die vorhandenen Aussagen verlesen werden. Zudem stünden Aufzeichnungen der Vernehmungen des Zeugen bei der Polizei zur Verfügung.

Erwartungsgemäß bewerteten die Anwälte der beiden Angeklagten die nun entstandene Situation ganz anders: „Das einzige Beweismittel ist weg und der Prozess eigentlich geplatzt“, sagte Verteidiger Oliver Gaertner und zeigte sich ebenfalls sehr überrascht, dass im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wuppertal so etwas geschehen könne. „Ein Fremdverschulden kommt meines Erachtens nicht in Betracht“, sagte Gaertner und kündigte an, den Haftbefehl für seinen Mandanten richterlich überprüfen zu lassen. „Es ist auf jeden Fall eine völlig neue Prozesssituation entstanden.“ Anwaltskollege Thomas Groß sah im Zeitpunkt des Selbstmordes „ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Zeuge seine unwahren Behauptungen nicht wiederholen wollte“. Der Prozess werde nun eine deutliche Wendung nehmen: „Jetzt ist alles wieder völlig offen.“

Staatsanwalt Bernd Haldorn verwies darauf, dass die bisherigen Aussagen des Kronzeugen ein größeres Gewicht im Prozess bekommen werden. Neben den vorhandenen Aufzeichnungen der polizeilichen Vernehmungen könne auch Richter Dr. Frank Schreiber als Vorsitzender im Mordprozess gegen den Neuenrader als Zeuge vor dem Schwurgericht aussagen.

Eine Obduktion muss nun die genaue Todesursache klären. Bei Todesfällen in JVAs würden immer Ermittlungen aufgenommen, sagte Haldorn. „Es gab in den psychiatrischen Gutachten keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es zu einem Selbstmord kommen könnte“, sagte Haldorn. ▪ Thomas Krumm

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