Dr. Gotthardt war selbst an Corona erkrankt

„Luxusdiskussion“: Mediziner verärgert über Impfstoff-Debatte um AstraZeneca

Was Covid 19 anbelangt, so weiß Dr. Paul Gotthardt sicher besser als die meisten Deutschen, wovon er spricht. Nicht nur, dass er und seine Frau die Krankheit durchmachen mussten. Auch in seiner Praxis hat er im vergangen Corona-Jahr rund 70 Covid-19-Fälle gehabt.
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Was Covid 19 anbelangt, so weiß Dr. Paul Gotthardt sicher besser als die meisten Deutschen, wovon er spricht. Nicht nur, dass er und seine Frau die Krankheit durchmachen mussten. Auch in seiner Praxis hat er im vergangen Corona-Jahr rund 70 Covid-19-Fälle gehabt.

Was Covid 19 anbelangt, so weiß Dr. Paul Gotthardt sicher besser als die meisten Deutschen, wovon er spricht. Nicht nur, dass er und seine Frau die Krankheit durchmachen mussten. Auch in seiner Praxis hat er im vergangen Corona-Jahr rund 70 Covid-19-Fälle gehabt.

Und aktuell hat er auch die berüchtigte britische Mutante bei einem Patienten zu verzeichnen.

Dazu hat er reichlich Patienten im nicht weit entfernten Seniorenzentrum geimpft und auch der 65-Jährige selbst hat nun die erste Portion des AstraZeneca- Impfstoffes erhalten. Für ihn ein gutes Mittel: „Mit rund 2 Euro pro Portion ausgesprochen preiswert und auch noch bei Kühlschranktemperatur haltbar“. Das seien nicht zu verachtende Faktoren. Zudem würde man nicht nur zu mehr als 70 Prozent geschützt, sondern könne nach erfolgter Impfung – darauf würden die Daten hinweisen – wohl auch das Virus nicht weitergeben.

Zweite Dosis besser später verabreichen?

Geimpft wurde der Doktor, weil er durch seinen Job in der Praxis zur Risikogruppe zählt. Die aktuelle Diskussion um den AstraZeneca-Impfstoff hält er für „eine Luxusdiskussion“. Er präsentiert einen Vergleich: „Wer den Impfstoff ablehnt, handelt ungefähr so wie ein im Ozean treibender Schiffbrüchiger, der ein vorbeischwimmendes Brett nicht nimmt, weil er lieber auf ein großes Brett wartet.“ Gotthardt glaubt sogar, dass der AstraZeneca-Impfstoff langfristig für eine längere Immunität sorge, je später die zweite Dosis verabreicht wird. Dann gebe es seines Erachtens die optimale Impfantwort des Körpers.

Nichts zu meckern hat er über das Impfzentrum für den Märkischen Kreis in Lüdenscheid. Dort habe bei seinem Besuch alles wunderbar funktioniert, „Und alle waren freundlich.“ Was ihn störe in dieser Angelegenheit: der überbordende Bürokratismus. Da fehle es einfach an sachlicher Praktikabilität. „Das ist ein bisschen sehr verwaltet.“ Als er selbst im Altenheim geimpft habe, hatte er pro Impfung „eine komplette Akte“. Dass diese Bürokratie in dieser Form existiere – so lässt er durchblicken – liege vielleicht auch daran, dass es diese Angst vor Klagen gebe.

Hausarzt-Impfung: Gotthardt möchte nicht entscheiden

Auch auf das Thema Hausarzt-Impfung kommt der Doktor zu sprechen. Das sieht er kritisch, denn er möchte nicht die Entscheidung treffen, wen er denn vorziehen sollte. „Ich möchte nicht bestimmen, dass dieser Patient in dieser Woche an der Reihe ist und jener erst in der nächsten Woche. Aber: Er würde sich zur Verfügung stellen, wenn er vorgegebene Listen erhalte. Vor diesem Hintergrund könne er es auch verstehen, dass manche der Impfenden die letzten 20 Dosen wegwerfen würden, um den Privilegienvorwurf zu vermeiden, wenn plötzlich andere Gruppen mit den Restbeständen geimpft werden sollen.

Auf Nachfrage lässt er auch zum russischen Impfstoff Sputnik etwas verlauten: Gotthardt verweist darauf, dass der ja in ganz Südamerika verimpft werde. Möglicherweise spiele auch Politik bei der Bevorzugung von Impfstoffen eine Rolle.

Irritiert über das Verhalten der Politik

Wie nun die große Politik insgesamt mit dem Virus umgeht, irritiert ihn schon. Er glaubt, dass das Wahljahr eine Rolle spiele. Allein, was die Schuldzuweisungen anbelangt: „Zu schnelle Öffnung, zu langsame, zu wenige, wer wird wie gefördert – das ist doch ein bunter Blumenstrauß“. Andererseits möchte er auch nicht in der Haut der Politiker stecken. Manche seien zusehends gealtert, sagt er aus der Sicht eines Mediziners. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe immer weniger Haare. Ständige Anfeindungen und andere Stressfaktoren müssten die Politiker erst einmal wegstecken.

Gleichwohl hält er einen differenzierten Umgang mit der Pandemie je nach Inzidenzwert für angebracht. Es gelte hier gezielter damit umzugehen, um den Menschen zu helfen. Wer sch das Leben nehme, weil man ihm seine Geschäfts- und Lebensgrundlage entzogen und die Existenz beraubt habe, der sei doch auch ein Corona-Toter.

Kliniken dürfen nicht überlastet werden

Für eine sichere Beurteilung der Situation habe man auch einfach keine gute Datengrundlage. Es werde seiner Ansicht nach auch nach wie vor zu wenig seziert, um hier bessere Erkenntnisse zu gewinnen. Für richtig hält Dr. Gotthardt jedenfalls die Strategie, zuerst die Risikogruppen zu impfen, um so Druck vom Kessel zu nehmen. So würden die Kliniken nicht überlastet.

Für wichtig hält er es, dass der Bürger auch die Bremsung bei hohen Inzidenzen akzeptieren sollte. Wenn er durch Werdohl gehe und sehe, wer da alles einen properen Haarschnitt habe, denke er sich seinen Teil. Bestimmte Leute nähmen die Situation einfach nicht ernst. Auch beim Blick auf prominente Politikerhäupter fragt er sich, was da läuft. „Die müssten doch allesamt viel struppiger herumlaufen.“ Nicht jeder habe schließlich einen Bruder oder eine Schwester, der oder die das Friseurhandwerk gelernt hat. Insgesamt gebe es in Sachen Pandemie „zu viele Nebenausgänge“.

Arzt sieht Corona-Auswirkungen täglich ins einer Praxis

Ganz klare Auswirkungen der Corona-Pandemie mit ihren Maßnahmen, die seelischer Natur sind, sieht er in seiner Praxis. Insbesondere „die Älteren sind trauriger“ geworden, weil es zu wenig familiäre Kontakte gebe. Zudem berichten ihm die Patienten von einer „zunehmenden Gereiztheit, von Aggressivität in ihrem Umfeld“. Supermarktkassiererinnen berichteten von Bedrohungen durch aggressive Kunden.

Es gibt für den Mediziner allerdings auch positive Auswirkungen der Pandemiemaßnahmen: „Es gibt so gut wie keine Grippefälle“. Künftig sieht er auch Auswirkungen für das persönliche Verhalten Menschen: Er glaubt auch, dass die Menschen mehr auf Hygiene achten werden mit häufigerem Händewaschen. Aber auch die „Küsschen-Küsschen-Begrüßung“ und das Händeschütteln werde lange auf einem niedrigen Niveau bleiben.

Fleischwurst schmeckte nur noch wie Salzklumpen

Dr. Gotthardt blickt zurück auf das vergangene Jahr und seine eigene Corona-Erkrankung. Er selbst hat lange gebraucht, um sich zu erholen, Müdigkeit, 16 Stunden Schlaf und Geschmacksirritationen („Bier schmeckte wie Silage, Fleischwurst wie Salzklumpen“). Seine Frau konnte ein dreiviertel Jahr lang nur Basisgerüche wahrnehmen, erst jetzt sei die Riechfähigkeit wieder normal. „Wir haben sehr großes Glück gehabt“, sagt Gotthardt dennoch angesichts anderer Krankheitsverläufe.

Corona beschert Dr. Gotthardt reichlich Arbeit, ob eigene Corona-Patienten oder Impfaktionen im Altenheim. Zudem ist er unterwegs und nimmt in den städtischen Kindertagesstätten auch Schnelltests ab. Noch habe man niemanden rausgezogen, die Inzidenz in Neuenrade sei da zu gering. Auch eine Prognose zum Ende der Pandemie hat Dr. Paul Gotthardt: „Weihnachten dürfen wir wieder singen“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

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