Ein Lied wird wiederentdeckt

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Friedrich-Wilhelm Kohlhage (links) und Karl-Heinz Gödde (rechts) besuchten ihren langjährigen Sangesbruder Werner Listringhaus. Zusammen stimmten sie das „Hönnelied“ an.

NEUENRADE - Der Name Werner Listringhaus ist in Neuenrade durchaus bekannt. Ist aber die Rede von „Pille Listringhaus“, dann weiß so ziemlich jeder Neuenrader, wer gemeint ist. Denn „Pille“ ist ein Neuenrader Urgestein, einer, der im Volk verwurzelt ist, der das Neuenrader Vereinsleben kennt und liebt.

Bei den Schützen regierte er 1974 mit seiner Lotti als Königspaar und bei der MGV Liedertafel schmetterte er als Sangesbruder so manches Lied (Lieblingslied: Pferde zu Vieren traben) aus voller Brust. In diesen Tagen erhielt „Pille“, der seinen Lebensabend im Evangelischen Altenzentrum verbringt, Besuch vom ehemaligen Schützenoberst Friedrich-Wilhelm „Koko“ Kohlhage und von seinem langjährigen Sangesbruder Karl-Heinz „Kalla“ Gödde. Grund des Besuches war das „Hönnelied“, das seit einiger Zeit wieder ans Tageslicht gekommen ist und aus der Feder des gebürtigen Neuenraders Hans Grosche stammt.

Wenn „Pille“ vom „Hönnelied“ spricht, dann sprudelt es aus dem 91-Jährigen förmlich heraus, dann ist er Sänger durch und durch, dann lässt er die Erinnerung lebendig werden.

1946 erhielt der MGV Liedertafel von der Besatzungsmacht die Genehmigung, als Männergesangverein wieder tätig werden zu können. Ein Jahr später trat „Pille“ seiner Liedertafel als aktiver Sänger bei, damals führte Hermann Winterhoff den Dirigentenstab. Und im gleichen Jahr war es Hans Grosche (er lebt seit Jahrzehnten in Freienohl), der seinem Freund „Pille“ erzählte, dass er einen Text über die Hönne verfasst habe. „Sogar die Melodie hat er im Kopf gehabt, hat sie komponiert und hat sie mir und anderen vorgesungen“ weiß „Pille“ über die Geburt des „Hönneliedes“ zu berichten.

Das „Hönnelied“ fand damals bei den Sangesbrüdern viel Zuspruch. Namen wie Günter und Werner Rieke, Heinz Althoff, Günter Heimplatz, Wolfgang Lampe oder Fritz Knips kann „Pille“ ad hoc nennen. Mit ihnen hat er einst dem „Hönnelied“ erstes gesangliches Leben verliehen, später stand der MGV Liedertafel wie ein Mann hinter der Grosche-Schöpfung. Und: „Das Hönnelied haben wir immer dann gesungen, wenn wir einen Gemütlichen hatten, das wurde so etwas wie ein vereinseigener Schlager der Liedertafel“, wertet Sangesbruder „Pille“ das musikalische Lob an den kleinen Fluss, der nach wie vor durch Neuenrade fließt, aber kaum noch sichtbar wird. Im Laufe der Jahre verschwand das „Hönnelied“ ebenso in der Versenkung, wie die Hönne selbst auch – bis der SGV Neuenrade durch seinen Wegewart Wilhelm Paul etwas über die Arbeiten an der Hönnequelle schreiben wollte. Das kam „Pille“ zu Ohren, er konnte das „Hönnelied“ beisteuern, das er über Jahre in seinem ganz persönlichen Fundus aufbewahrt hatte.

All diese Fakten werden beim Besuch von „Koko“ Kohlhage und „Kalla“ Gödde wieder deutlich. Das Zimmer 109 im Evangelischen Altenzentrum wird auf einmal zum Probenraum. „Pille“, langjähriger 2. Tenor mit über 50-jähriger Liedertafel-Zugehörigkeit, stimmt das „Hönnelied“ an und erhält prompt stimmliche Unterstützung durch „Koko“ Kohlhage (2. Bass und derzeitiger Vorstandsvize der Liedertafel) und „Kalle“ Gödde (1. Tenor). Es ist diese alte Verbundenheit, die bei Sangesbrüdern immer dann hörbar wird, wenn sie ganz bewusst Gemeinsamkeiten unter Beweis stellen.

Das „Hönnelied“ hat durch das Trio seine erste Wiedergeburt erfahren, wenngleich sich alle einige sind, „dass es noch besser gesungen werden kann.“

Das mit dem „Besser werden“ ist auch ein Wunsch, den „Pille“ seinen beiden Sangesbrüdern mit auf den Heimweg gibt, „weil es doch schön wäre, wenn noch mehr von unserer Liedertafel das Hönnelied mitsingen würden, vielleicht sogar mit einem kleinen Ständchen hier im Altenzentrum.“

Friedrich-Wilhelm Kohlhage und Karl-Heinz Gödde wollen sich bei den Sangesbrüdern stark machen, wollen sich dafür einsetzen, dass das, was Hans Grosche einst aus Liebe und Verbundenheit zur Hönne geschrieben und komponiert hat, auch im Altenzentrum hörbar wird.

Es ist aber nicht nur das „Hönnelied“, dass die altgedienten Sangesbrüder beschäftigt, es ist die Erinnerung an gemeinsame Schützenfeste, an Ausflüge und Feten. Es werden Erinnerungen wach, als „Koko“ in seinem ersten Jahr als Schützenoberst mit Werner und Lotti Listringhaus sein erstes Königspaar proklamierte, als neben Schützenbrüdern die Feuerwehr mit anfassen musste, weil das Zelt auf der Niederheide „am Samstagmittag noch nicht stand.“ Und es wurden Erinnerungen an die frühen 50iger Jahre geweckt, als „wir beiden mit der Klampfe Wanderungen unternommen haben“. Einige Jahre hat „Pille“ in Soest gelebt, seit zwei Jahren ist er wieder in Neuenrade, in seiner Stadt, in der Heimat „.....weil ich hier zuhause bin und die Menschen kenne.“

Der Text der ersten beiden Strophen des „Hönneliedes“ von Hans Grosche, uraufgeführt am 30. April 1948 im Kaisergarten aus Anlass einer gemütlichen Veranstaltung des MGV Liedertafel:

Man spricht und singt soviel vom Rhein, dem König aller Ströme,

doch man vergisst – das ist die Pein, dabei die kleine Hönne!

Sie ist zwar nicht ein großer Strom, doch immerhin ein Bach,

drum hab ich heut in Wort und Ton, ein Hönnelied gemacht.

Refrain:

Wir lieben all den deutschen Strom, so wie die Kölner ihren Dom,

und ist die Hönne noch so klein, sie soll nicht ganz vergessen sein.

Vom Attich her, wo sie entspringt, kommt munter sie geflossen,

und wenn sie dann die Stadt passiert, wird alles reingegossen.

Der Kaffeprütt, die Müllabfuhr, der Nachtpiott hintendrein,

davon hat sie den schönen Glanz und riecht so wunderfein.

Refrain:

Wir lieben all den deutschen Strom, so wie die Kölner ihren Dom...

Von Udo Schnücker

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