„Law and Order für Klein-Neuenrade“

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Neuenrade - Auf taube Ohren stießen die Bemühungen einer 37-jährigen Neuenraderin, die sich am 29. September um 12 Uhr mittags an einen 70-jährigen Opel-Astra-Fahrer wandte. Auf dem Volksbank-Parkplatz war er gerade gegen ihren VW Golf gefahren und hatte dabei einen Schaden von 1200 Euro angerichtet.

„Er hatte Mühe, in seine Parklücke zu fahren“, erinnerte sie sich im Amtsgericht Altena, wo sich der Rentner wegen mehrerer Tatvorwürfe verantworten musste: Trunkenheit am Steuer, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. 

Denn der alte Herr zeigte „keine Reaktion“ auf die Ansprache, dass man den Unfall doch regeln müsse. „Ich glaube, da hätte auch eine Blaskapelle stehen können“, gab die Zeugin ihren Eindruck von der scheinbaren Sturheit des Angeklagten wieder. Er setzte sich wieder ins Auto, umfuhr ein bereits herbeigerufenes Polizeiauto, gab Gas und war weg - vorbei am Kaisergarten und verfolgt von der blaulichtverstärkten Polizei. „Law and Order für Klein-Neuenrade“, schmunzelte die Zeugin. 

An der Kreuzung Poststraße - Dahler Straße - Werdohler Straße stellten die Beamten den 70-Jährigen vor der roten Ampel. Der klammerte sich ans Lenkrad und wehrte sich gegen die Sicherstellung seines Autoschlüssels, bis die Ordnungshüter ihn schließlich überwältigten. 

„Ich habe keinen Unfall gehabt und bin nirgends in ein Auto reingefahren“, beteuerte der Angeklagte immer wieder. Er hatte größte Schwierigkeiten zu verstehen, dass er selbst dann am Unfallort hätte bleiben und mit der Zeugin sprechen müssen, wenn er sich nicht für den Unfallverursacher hielt. „Hat die Zeugin mit Ihnen darüber gesprochen, dass Sie dableiben sollen?“, fragte Richter Dirk Reckschmidt immer wieder. „Nein, das habe ich nicht mitbekommen“, lautete die erstaunliche Antwort. „An meinem Auto war nichts zu sehen von einem Zusammenstoß“, begründete der Rentner sein Verhalten. Auch dieser Behauptung widersprach die Zeugin.

Eine Blutprobe, die dem 70-Jährigen 90 Minuten nach dem Unfall entnommen wurde, ergab eine Blutalkoholkonzentration von knapp einem Promill. Die Trunkenheit war aber offenbar nur ein kleiner Teil des Problems: Im Gerichtssaal zeigte sich der Angeklagte apathisch bis aufsässig, ähnlich stur wie auf dem Parkplatz und kaum je auf der Höhe der zu beantwortenden Fragen. „Für mich ist das alles schon vorbei“, versicherte er. 

Ganz unbeeindruckt von seiner irrigen Annahme war das Gerichtsverfahren natürlich nicht vorbei. Es stieß aber zunächst an Grenzen: Der Richter zog die Konsequenzen aus seinen Zweifeln an der Schuld- und Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten und setzte das Verfahren vorläufig aus. „Ich habe den Eindruck, Sie sind nicht ganz bei uns“, erklärte er dem 70-Jährigen. 

Der zeigte sich gar nicht einverstanden mit der angeordneten Untersuchung durch einen nervenärztlichen Gutachter. Er werde nur hingehen, wenn er „Lust“ dazu habe und der Arzt nicht zu weit weg sei. Ob ihn die Mahnung erreichte, dass eine solche Untersuchung auch zwangsweise durchgesetzt werden könne, war nicht erkennbar. 

Anwesende Polizisten warfen nach der Verhandlung ein Auge auf den Angeklagten. Nach dem Verlassen des Gerichtsgebäudes reiste er allerdings auf dem Rücksitz eines Autos zurück nach Neuenrade.

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