„Laut müssen sie sein“

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Hier werden die Riärteln gebaut. ▪

AFFELN ▪ „Früher hat man gesagt ‚Die Glocken sind in Rom, dafür müssen die Kinder riärteln‘“, erinnert sich Christian Oest. Denn in der Zeit zwischen Karfreitag und der Osternacht läuten die Kirchenglocken in vielen Gemeinden nicht. Kinder ziehen dann mit ihren Riärteln durch die Straßen, um Lärm zu machen. Das Werkzeug für diesen sauerländischen Osterbrauch stellt der Inhaber der Schreinerei Hesse in seiner Werkstatt an der Mühlenstraße in Affeln her. Das große Geld kann er damit nicht verdienen. Aber das will er auch gar nicht. Vielmehr ist der Bau der Ratsche ein Hobby, sein Beitrag zur Brauchtumspflege.

„In einem Jahr haben wir mal 70 Stück gemacht.“

Der 38-Jährige erinnert sich, dass er seine erste Riärtel schon im Alter von 14 Jahren gebaut hat. „Es gab kaum welche zu kaufen, man musste sich oft Riärteln leihen. Also habe ich selber welche hergestellt.“ Das Angebot kam an. Anfangs verkaufte er zehn bis 15 Stück pro Saison. Der Kundenkreis wuchs. Nicht nur aus Affeln, Altenaffeln, Küntrop und Blintrop kamen Anfragen. Auch in Garbeck und Langenholthausen bestellten Kunden Ratschen. „In einem Jahr haben wir mal 70 Stück gemacht. Da haben wir richtig gerödelt.“

Die Riärtel wird um eine in der Hand gehaltene Achse gedreht, an der ein Zahnrad befestigt ist. Das Federblatt rattert dann über das Zahnrad und erzeugt dabei je nach Drehgeschwindigkeit ein lautes, knatterndes Geräusch.

Für die Riärtel-Produktion hat er Buchenholz ausgewählt. „Das klackert und rattert am besten.“ Dann sägt er pro Instrument zwei Seitenteile, einen Schwungklotz als Gegengewicht, das Brettchen, ein Zahnrad und den Griff. „Das Zahnrad ist der Schwierigkeitsgrad“, berichtet er. Denn jede Zacke einzeln auszusägen, wäre sehr aufwändig. Also hat er die Produktion optimiert, drechselt das runde Bauteil auf der Drehbank und bearbeitet es dann an der Kreissäge weiter. Insgesamt benötigt er pro Riärtel etwa eine halbe Stunde.

Zu kaufen sind große und kleine Riärteln. „95 Prozent nehmen die kleinen“, berichtet der Schreiner. Aber: „Viele denken, die kleinen Riärteln sind für die Kleinen besser, aber ich sage, wenn man die größeren einmal im Schwung hat, laufen die auf Dauer ruhiger. Das macht es über den Tag leichter.“

Mehrmals am Tag ziehen noch heute Kinder und Jugendliche am Gründonnerstag, an Karfreitag und Karsamstag durch die kleineren Gemeinden Neuenrades. Für den richtigen Takt – der will nämlich gelernt sein – gibt es eine Eselsbrücke: „Ei, Ei oder Geld.“

Und dieser Spruch erinnert auch daran, dass die Riärtel-Kinder für ihren Dienst von den Gemeindemitgliedern am Morgen des Karsamstag bezahlt werden – mit Eiern oder Geld. „Früher gab es pro Riärtel-Gang fünf Eier“, erinnert sich Christian Oest. „Ist man immer mitgegangen, hatte man nachher eine Lage von 30 Eiern zusammen.“ Meist waren sie roh, nur selten gekocht. Auch von Oest gibt es in diesem Jahr wieder Eier für die Rasselbande. „Wir geben gerne welche. Wir haben auch eigene Hühner.“

„Opa hat meine Riärtel mit Schmierseife eingerieben“

Seine eigene Riärtel hat Oest von seinem Opa bekommen. Allerdings hatte die einen Nachteil: „Wir haben immer den Vergleich gemacht, wer die lauteste Riärtel hat. Laut müssen sie nämlich sein. Aber mein Opa hat meine Riärtel mit Schmierseife eingerieben, damit sich der Junge nicht so quält. Das hat mich geärgert. Meine war nicht laut.“

Dafür hat sie Jahrzehnte überlebt. „Ein Verschleißteil ist allenfalls das Brettchen und das kann man auswechseln. Und der Rest – ich wüsste nicht, dass da mal was kaputt gegangen wär.“ Deshalb werden viele Riärteln – wie der Brauch selbst – von Generation zu Generation weiter vererbt.

Annabell Niemand

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