Landwirt werden: Eine Lehre mit Berufung

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Bastian Korsten hat in dem Betrieb Cremer-Schulte gerade mit der Ausbildung zum Landwirt begonnen. Er wird unter anderem von seinem Chef, Betriebsleiter Benedikt Cremer-Schulte, betreut.

Neuenrade/Affeln - Er macht eine Lehre in einem modernen Unternehmen: Hier werden Roboter zum Stallsäubern eingesetzt und es gibt viel Computertechnik mit Datenauswertung. Und der Chef des Ganzen hat seine Kennzahlen im Blick.

 

Der Betrieb scheint gut organisiert. Es ist ein nicht untypischer Bauernhof im Sauerland und Bastian Korsten wird sicher eine Menge lernen.

Am Dienstag hat der 16-Jährige beim Bauernhof und Familienbetrieb Cremer-Schulte in Affeln als Azubi angefangen. Und eine Lehre bei einem Landwirt zu beginnen, ist immer etwas anderes, als in einem Industriebetrieb anzufangen.

Beim Landwirt bedeute Lehre auch Familienanschluss und lange, an die Erfordernisse des Hofes angelehnte Arbeitszeiten – die aber auch von anderer Qualität seien und nicht vergleichbar mit acht Stunden Industrieb, heißt es. Betriebsleiter Benedikt Cremer-Schulte berichtet von längeren Frühstücks- und Mittagspausen im Kreise der Bauernhoffamilie, die auch so eine Art Meeting darstellen. „Anders als im Industriebetrieb, wo man sich bei der Frühstückpause mal schnell eine Knifte reindrückt“. Auch die Mittagspause ist mit ein bis eineinhalb Stunden eher ausgedehnt und dabei wird auch Betriebliches besprochen.

Die Arbeitstage sind lang

Der Arbeitstag zieht sich in der Regel für Bastian dann auch ganz schön hin. „Los geht es in der einen Woche um 5 Uhr, Feierabend ist für den Azubi dann um 17.30 Uhr, in der anderen Woche geht es dann von 7 Uhr bis Ende“, doch dann kann er auch mal etwas länger schlafen“, sagt Cremer-Schulte.

Der Cremer-Schulte-Betrieb lebt von der Milchproduktion: Auf dem Betrieb sind 145 Milchkühe zu finden, zusätzliche 130 Rinder dienen der Nachzucht. Die Milchleistung ist gewaltig: 11,4 Tonnen Milch pro Kuh und Jahr werden hier produziert. Neben der Arbeitskraft von Benedikt Cremer-Schulte hilft der inzwischen verrentete Senior noch voll im Betrieb mit, es gibt zudem eine 400-Euro-Kraft und eben nun Azubi Bastian sowie weitere Familienangehörige, die anpacken.

Das Equipment des Betriebes kann sich sehen lassen: Zwei große Schlepper, die Melkanlage, Computersteuerung für die Fütterung, die Stallungen, 145 Hektar Land. „Man muss ein großes Rad drehen, um die Familie zu ernähren“. All das lässt schon erahnen, was auf den jungen Azubi zukommt. Und es liegt auf der Hand, dass hier noch ganz andere Dinge erlernt werden: Das fängt beim Umgang mit dem Arbeitspensum an, geht über die Erlangung technische Fertigkeiten bis hin zur Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Das sind Eigenschaften und Fertigkeiten, die auch in anderen Bereichen gerne gesehen werden. Und so würden ausgelernte Landwirte auch in anderen Branchen genommen, weiß der Sprecher der Ortslandwirte, Ulrich Peterschulte, zu berichten.

"Lehre als Landwirt ist keine Einbahnstraße"

Dirk Voss, Kreislandwirt der Landwirtschaftskammer MK, betont: „Eine Lehre als Landwirt ist keine Einbahnstraße“. Und die Lehre sieht auch organisatorisch anders aus. Gerne werde es gesehen, dass die jungen Azubis auch auf anderen Höfen herumkommen. Und so hat sich der 16-Jährige Bastian für das kommende Jahr schon einen Betrieb bei Bremen ausgesucht. Er weiß eben, was er will und jetzt schon ist er sicher, dass er den Meister machen wird.

 Durchorganisiert ist der Milcherzeugerbetrieb Cremer-Schulte: Milcherzeugung, Nachzucht mit Iglu für Kälber, eine Kälber-Kita und einem Bereich für die Rinder bis zur ersten Kalbung, Futterweiden, Verkauf: Es ist schon ein ausgefuchstes System, das einem Industriebetrieb nahe kommt – aber doch nicht vergleichbar ist. Die Tiere haben allesamt Namen und manche Kuh wird länger als nötig behalten, es gibt emotionale Bindungen zu den Tieren – aber auch die professionelle Distanz, die Landwirte eben haben. Auch das wird der neue Azubi sicher lernen müssen.

Die Ausbildung zum Landwirt ist laut Kreislandwirt Voss in den vergangenen Jahren beliebter geworden. Und zudem würden die Betriebe verstärkt ausbilden, auch teilweise, um Nachfolger für die Bauernhöfe zu bekommen. Ausbildungsfreudig ist man in Neuenrade: Ortslandwirt Peterschulte weiß von sechs Ausbildungsbetrieben. Im Märkischen Kreis bilden 40 Betriebe aus. Zum Vergleich: Im Hochsauerlandkreis sind es 34 Betriebe, in Olpe/Siegen-Wittgenstein sind es 14 Höfe nach Angaben des Landwirtschaftsverbandes.

Die Ausbildung zum Landwirt:

Auch eine Lehre als Landwirt läuft wie andere Ausbildungen über das duale System. Schulische Ausbildung und betriebliche wechseln sich ab. Es gibt die Möglichkeit, die Lehre zu verkürzen, Fachlehrgänge vertiefen die Ausbildungsinhalte. Im 1. Lehrjahr geht es um Metallbe- und verarbeitung; im 2. Lehrjahr um das Thema Schlepper und Landmaschine; im 3. Lehrjahr ist dann Tierproduktion an der Reihe. So viel Geld gibt es: im ersten Lehrjahr verdienen Azubis 630 Euro. Ausgebildete Landwirte finden Jobs in vielen Branchen: Eben auf Bauernhöfen, bei Agrarfirmen, im Landhandel, bei Saatzuchtbetrieben, im öffentliche Dienst oder eben auf dem eigenen Hof. Die Weiterbildungsmöglichkeiten sind vielfältig und reichen vom Meister bis hin zu staatlich geprüftem Natur- und Landschaftspfleger. Selbstverständlich sind akademische Grade möglich. Weitere Infos: www-landwirtschaftskammer.de/bildung/landwirt/indes.html

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