Freispruch im „Mafia“-Prozess

Die Beweislage im ersten „Mafia“-Prozess war schwierig – die Verhandlung endete deshalb mit einem Freispruch.

NEUENRADE ▪ Mit einem Freispruch für die beiden Angeklagten endete am Montag der erste der beiden „Mafia“-Prozesse vor dem Landgericht Hagen nach knapp 50 Verhandlungstagen. „Es sind zu viele Fragen offen geblieben – zu viele Fragen, die wir Michael P. hätten stellen müssen, aber nicht mehr stellen können“, zog die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen das Resümee der schwierigen Beweislage.

Diese war durch den Tod des Hauptbelastungszeugen im November 2011 in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal entstanden. Die Umstände dieses Selbstmordes seien „das letzte große Rätsel“ im Leben des Michael P. geblieben: „Hat er sich bedroht gefühlt, war es ein Bilanzselbstmord oder schreckte er vor einer Falschbelastung der Angeklagten zurück?“ Letztlich sah das Gericht die Behauptung des ehemaligen Neuenraders, die Angeklagten hätten ihn zu Morden in Altena und Köln angestiftet, als nicht so glaubwürdig an, dass die Kammer eine Verurteilung der Angeklagten zu lebenslanger Haft darauf hätte stützen können.

Daran änderte auch die umfangreiche Beweisaufnahme nichts. „Indizien, die für die Richtigkeit der Angaben von Michael P. gesprochen hätten, konnten hier nicht gefunden werden“, sagte die Vorsitzende. Und sie zog ein klares Fazit: „Die Tat konnte den Angklagten nicht mit der nötigen Sicherheit nachgewiesen werden.“ Anhand vieler Beispiele machte die Richterin deutlich, dass es in den Aussagen des Michael P. viele Ungereimtheiten, Widersprüche und offensichtliche Falschaussagen gab. Zeugen hatten den Neuenrader zudem eine „erhebliche Lügenkompetenz“ attestiert. P. sei eine „sehr eloquente Person“ mit zwei Gesichtern gewesen, dessen „großartige Geschichten den Zuhörer gefesselt hätten“.

So seien diverse Erzählungen mit hoher Wahrscheinlichkeit frei erfunden gewesen. Beispielsweise verlegte der Hauptbelastungszeuge das Geschehen einer feierlichen Aufnahme in die Familie und den Ehrenkodex der Angeklagten in eine Pizzeria, die erst Jahre nach diesem angeblichen Ereignis eröffnet wurde. In einer Situation, in der Aussagen des Michael P. gegen die bestreitenden Aussagen der Angeklagten standen, hätten besondere Ansprüche an das „unmittelbarste Beweismittel“, die Zeugenaussage des Michael P., gestellt werden müssen.

„Der Zeuge muss mit seinem Aussageverhalten in der Hauptverhandlung seine Glaubwürdigkeit zeigen“, zitierte die Vorsitzende Richterin den Paragraph 250 der Strafprozessordnung. Die Aussagen der psychologischen Gutachter konnten die durch den Tod des Michael P. entstandene Lücke letztlich nicht schließen. Dies mussten alle Prozessbeteiligten anerkennen. Alle verzichteten nach dem Urteil auf weitere Rechtsmittel, so dass dieses sofort rechtskräftig wurde. ▪ Thomas Krumm

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