So läuft der "War for Talents" in Neuenrade

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Ludger Fuderholz informiert Marcus Dunker und Marco Voge.

Neuenrade - Wenn es um den „War for Talents“ geht, dann ist Stauff gut gerüstet. Das Unternehmen, das Leitungs-, System- und Behälterkomponenten für mobile und stationäre Fluidtechnik-Anwendungen herstellt und vertreibt, genießt einen guten Ruf und ist auf Wachstumskurs.

Stauff hat 1400 Mitarbeiter weltweit, 600 davon arbeiten in Deutschland. Und die Verantwortlichen nutzen alle Möglichkeiten, um geeignete Mitarbeiter zu finden, seien es Azubis, Facharbeiter und Spezialisten. 

Das Unternehmen gilt als mitarbeiterfreundlich. So gibt es ein betriebliches Gesundheitsmanagement, bei dem zum Beispiel die Teilnahme an Abnehm-, Tanz- und Kochkursen gefördert wird. Eigens ein Portal hat das Unternehmen dafür eingerichtet. Stauff.machtfit.de wurde etabliert. Es gibt zudem ein Portal, das Mitarbeiter als Verkaufsplattform oder günstige Einkaufsmöglichkeit nutzen können. Zudem bezahlt Stauff teilweise übertariflich. Dennoch: Der Hersteller ist mittelständisch geprägt, der Inhaber sitzt quasi immer mit am Tisch. Und gegenüber Mitarbeitern zeige man eben mittelständische Flexibilität, heißt es. Belegbar scheint das auch: Zumindest bekommt Stauff seit 2013 immer gute Noten von den Auszubildenden. 

Eigener Arbeitgebertag

Bei der Klaviatur der Azubi-Rekrutierung lässt Stauff nichts aus. Das macht Personalreferent Niclas von Seidlitz deutlich. Demnach ist da kaum eine Beruforientierungsmesse oder eine Schulveranstaltung, bei der das Unternehmen nicht präsent ist. Man tummelt sich bei Veranstaltungen am Burggymnasium Altena, oder veranstaltetdirejt selbst den Stauff-Arbeitgebertag (16. September) für Schüler. „Wir machen extrem viel, was Azubis anbelangt“, sagt von Seidlitz. Es ist der „Krieg um Talente“ – der Personalreferent berichtet sozusagen von der „Front“. 

Was von Seidlitz zu sagen hatte, hörten sich jetzt der CDU-Landtagsabgeordnete Marco Voge, Bürgermeister Antonius Wiesemann und heimische CDU-Politiker um den Ortsunion-Vorsitzenden Marcus Dunker bei einem Arbeitsbesuch an. Mit am Tisch saßen auch Unternehmenschef Lutz Menshen und der Küntroper Logistikleiter Ludger Fuderholz. 

Kirchturmdenken als Problem

Von Seidlitz spricht auch Probleme an: Das geht los beim geringen Anmeldezeitfenster für Berufsorientierungsmessen oder Zugangsbeschränkungen. Dass diejenigen bevorzugt werden, die vor Ort auch Gewerbesteuer bezahlen („Altena, Lüdenscheid“). Ein Kirchturmdenken, das Niclas von Seidlitz kritisiert: „Wir haben diese Stadtgrenzen nicht vor Augen.“ 

Derzeit herrscht ein Arbeitnehmermarkt. Vorbei sind die Zeiten, als es dutzende Bewerbungen um eine Lehrstelle gab. Heute kommt nicht jeder Azubi überhaupt zum Vorstellungsgespräch. Kontakt zu den Bewerbern sollte man auch per Messenger via Handy halten. Denn „E-Mail-Adressen nutzen junge Leute nur, um sich irgendwo einzuloggen“, weiß von Seidlitz, dass „ohne Handy nichts mehr geht“. 

Unterschrift bei gleich drei Unternehmen

Er berichtet auch von Fällen, wo Bewerber „gleich bei drei Unternehmen“ unterschrieben hätten. So sei es durchaus spannend, „ob ein Bewerber überhaupt seine Stelle antritt“. Probleme mit „Helikopter-Eltern“ hätten nicht nur Schulen. Auch Personaler müssten sich mit dieser Sorte Mensch herumschlagen, die über ihre Kinder herrschen wollen. Es gebe aber auch den anderen Extremfall: „Da kümmern sich Eltern gar nicht.“ Wenigstens bei Vertragsunterzeichnung sollte ein Elternteil dabei sein, heißt es von dem Personaler. 

In der Diskussion: Bürgermeister Antonius Wiesemann, Geschäftsführer Lutz Menshen und Logistikleiter Ludger Fuderholz.

Durchaus in die Kritik gerät beim Vortrag das Ausbildungssystem, welches eine gewaltige Anzahl verschiedenster Ausbildungsberufe hat. Gleichzeitig erscheint es schwierig, etwas Neues zu etablieren. So gäbe es Möglichkeiten, eine Ausbildung im Stauffschen Versuchslabor zu machen – doch die passe eben in kein Schema. Nicht immer einfach sei es mit dem Informationsstand der Schüler, wenn sie in Kontakt mit Stauff kämen. „Gut läuft es nur, wenn es engagierte Lehrer gibt.“ Die hätten mit den Jugendlichen den Kontakt zur Firma vorbereitet und die Schüler nützliches Hintergrundwissen. 

Bürgermeister: Schüler noch eher abholen

Konstruktiv war der Ansatz von Bürgermeister Antonius Wiesemann. Der hakte nach: „Was können wir als Kommune tun, um den Firmen bei der Problematik Ausbildung zu helfen?“ Die Antwort schickte er gleich hinterher. Wiesemann glaubt, dass die Verantwortlichen „die Schüler noch eher abholen müssten“. Aber der Bürgermeister ließ durchblicken, dass das sicher nicht immer einfach sei. 

43 Azubis arbeiten bei der heimischen Stauff-Gruppe: Die Ausbildungsstellen reichen dabei von Zerspanungsmechaniker über kaufmännische Berufe bis hin zum neuen Berufsbild im Programm – dem Kaufmann E-Commerce. Gerade bei letzterem Job ist Stauff noch auf der Suche. Eine Bewerbung lohnt sich. 

Auch der Charakter zählt

Vor allem die Außenstehenden erfuhren aus erster Hand, was es heute für ein anspruchsvolles Unternehmen wie Stauff bedeutet, Mitarbeiter zu generieren. Vor allem, wenn man nicht nur Wert auf Expertise, sondern auch auf Charakter legt. Grundwerte sind „Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, Respekt und Vertrauen“, im Umgang miteinander setzt Stauff auf Klarheit, Kompetenz, Konsequenz und Wertschätzung“, wie von Seidlitz erklärt. 

Zu suchen, das bedeutet für ihn: alle Kanäle zu bedienen. So werden Kopfpauschalen für die Vermittlung/Empfehlung von Mitarbeitern gezahlt. Geworben wird in der Zeitung und auf den firmeneigenen Fahrzeugen. Zudem ist Stauff auf Plakaten und Messen präsent. Doch: Es ist nicht einfach. Offenbar will niemand in die Provinz. „Wir sind eine top Industrieregion, doch wir haben Schwierigkeiten, Leute nach Werdohl zu kriegen“, sagt Lutz Menshen. 

Marketing nutzlos?

Da könne man so viel Stadtmarketing wie nur möglich machen – das nütze nichts. „Sie machen aus einem Gaul ja auch kein Rennpferd“, sagt Menshen. Mit großstädtischer Infrastruktur könne man nicht mithalten. 

Das wollte der Bürgermeister so nicht stehenlassen. Die Zeiten würden sich ändern. „Ich glaube nicht, dass Landflucht noch ein Thema bleibt. Der Wind dreht sich“, sagte Wiesemann. 

Probleme des demografischen Wandels

Gleichwohl bleiben die Probleme des demografischen Wandels. Und mal eben Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben zieht nicht. Versuche, in Polen Talente einzukaufen schlagen fehl, weil die ihre Fachkräfte selber benötigen und versuchen zu halten. Dennoch: Multikulti oder Internationalität ist bei Stauff gelebte Praxis. Mitarbeiter „aus 20 bis 25 Kulturen“ arbeiten bei Stauff. „Jede zweite Stelle ist mit Einwanderern besetzt“, sagt Niclas von Seidlitz.

Stauff jedenfalls steht nicht allein mit dem Fachkräftemangel, was von Seidlitz mit einer Zahl dokumentiert, die er aus aktuellen Fachpublikationen hat. 30 000 Fachkräfte würden demnach in Südwestfalen fehlen. Bei Stauff gibt es nun zumindest den Plan die fehlenden Fachkräfte selbst heranzuziehen. Durch die Rekrutierung von Azubis, aber eben auch durch innerbetriebliche Förderung in Form von Weiterbildungen. So dauere es durchschnittlich 340 Tage, bis ein Job besetzt werde, erläutert der Personalreferent. 

Internet-Verkauf etablieren

Besonders schwierig sieht es dabei mit SAP-Fachkräften aus. Die fehlen vor allem wenn es darum geht, das SAP-System (eine Organisations- und Managementsoftware) weiter zu entwickeln, Prozesse zu verschlanken, an Kundenanforderungen anpassen. Bisher musste man auf externe Berater setzen, aber auch das funktioniert nicht reibungslos. Stauff hat jedenfalls ein Ziel: ein System für alle Niederlassungen. 

Auch den Internet-Verkauf will man etablieren. „Statt Rohrschellen über Amazon zu kaufen, lieber bei Stauff direkt“, erläutert von Seidlitz, weshalb im Unternehmen nun auch der Kaufmann E-Commerce ausgebildet wird. 

Infrastruktur macht Sorgen

Noch ein Thema für die Politik sind Sorgen bei Stauff um die Infrastruktur. Funklöcher in Küntrop („da rechts beim Kaktus ist Empfang“), oder nicht als Ringleitung abgesicherte Internet-Leitungen. „Die Mitarbeiter kann ich allesamt nach Hause schicken, wenn die Internetverbindung zusammenbricht“, sagt Logistikleiter Ludger Fuderholz. Bei der Stauff-Dependance in Meinerzhagen (Voswinkel) habe man deshalb einen Richtfunkmast installiert. Auch kleinere Stromausfälle bereiten Probleme Sorgen. 

Funklöcher, generell schlechte Mobil-Verbindung auf dem Land – CDU-Landtagsmitglied Marco Voge, der Stauff im Rahmen seiner Sommertour besuchte, will sich kümmern. Er verweist auf seine politisch-wirtschaftliche Kontakte. Die zu nutzen gehöre zu seinem Job.

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