Kyrill verändert alles

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Forstoberinspektor Franz-Josef Stein.

NEUENRADE - Das Krachen und Knirschen in der Nacht, das Geräusch berstenden Holzes, gefolgt von einem dumpfen Aufprall, die rappelnden Rolläden, die knisternden Fenster, das Heulen des Windes und das ferne Winseln der Feuerwehrsirenen. Und am Morgen danach: Der Blick aus dem Fenster auf eine völlig veränderte Landschaft. Dort, wo noch am Abend zuvor ein Fichtenwald die typische Sauerländer Silhoutte prägte, liegt ein Durcheinander von Gehölz. Kyrill war da.

Von Peter von der Beck

Vielen Sauerländern hat sich diese epochale Nacht ins Gedächtnis eingebrannt. Derartig stürmische Ereignisse hatten sie doch zuvor in den Tropen oder irgendwo weit weg in Amerika angesiedelt. Jetzt hatte Kyrill ihre Heimat verändert.

Franz-Josef Stein, Forstoberinspektor in Neuenrade, gehört natürlich zu denjenigen, die Kyrill niemals vergessen werden. Er erinnert sich gut an die Nacht. Denn er wohnt in Garbeck am Waldrand. Und schon ziemlich früh landeten „zwei starke Fichten“ auf seinem Hausdach. Gottlob hielt sich der Schaden in relativen Grenzen. Die Dachziegel waren hin, das Gebälk blieb heil.

Das Ausmaß des gewaltigen Waldschadens blieb dem Förster zunächst verborgen, er konnte sich auch kaum einen Überblick verschaffen, kaum ein Waldweg war passierbar. Heute weiß er, dass die Region Neuenrade, Balve und Iserlohn die am stärksten betroffenen Gebiete waren. In Neuenrade wütete der Sturm besonders. „An der Wetterstation wurden Windgeschwindigkeiten von 212 Kilometer pro Stunde gemessen“, berichtet Stein. Das sei die höchste Windgeschwindigkeit überhaupt im Zuge von Kyrill gewesen. „Das gab es nirgendwo anders im Land“. 650 Hektar wurden auf Neuenrader Gebiet zerstört und mit allem drum und dran und den „Folgehieben“ waren es 280000 Festmeter Holz. die Kyrill zum Opfer fielen. Soviel schlage man sonst in 28 Jahren ein, betont Stein. Noch etliche Jahre werde man mit den Folgen des Sturms zu tun haben. „Wenn wir bis 2015/2016 die Wiederaufforstung geschafft haben – dann sind wir gut“.

Das Sauerland – und wohl nicht nur auf Neuenrader Gebiet – wird sein Gesicht verändern. Die Monokulturen, die der Laie einst als gottgegebene Sauerländer Eigenart hingenommen hat, sind fort. Laubwälder werden die Silhouette dominieren, eine ganz andere Tierwelt, andere Lebensgemeinschaften werden sich bilden, davon ist Stein überzeugt.

Wo vorher 90 Prozent Fichte vorherrschte, werden künftig ganz andere Baumarten Stehen. Stein führt den Kohlberg als Beispiel an: Dort wurden Douglasien, Buchen, Eichen, Erle oder Hainbusch gepflanzt. Die Fichte wird es nur noch an feuchten Nordhängen geben.

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