Millionen-Verluste / Ende der Mono-Kulturen 

Kyrill: Der große Veränderer

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Zersplitterte Stämme und vom Sturm gefällte Fichten dokumentieren die gewaltigen Kräfte des Orkans.

Neuenrade/Balve - Jahrzehnte des Wachstums wurden in Minuten vernichtet: Gehegte und gepflegte Fichtenkulturen existierten von einem auf den anderen Augenblick nicht mehr – als ob ein Riese mit einem Handstreich die Wälder flachgedrückt hätte. Kyrill hatte mit gewaltiger Wucht zugeschlagen.

Der Neuenrader Stadtwald und viele andere Großflächen in Balve, Altena, Werdohl oder Nachrodt-Wiblingwerde wurden vernichtet. Und das Landschaftsbild änderte sich nicht nur im oberen Hönnetal gewaltig. Fast zehn Jahre sollte es dauern, bis die Schäden von Kyrill aufgearbeitet werden konnten. 

Indes – das schlimme Ereignis hatte auch sein Gutes, wie Förster und Umweltexperten immer wieder durchblicken lassen: Statt Fichten-Monokultur verwandelten sich die Bergspitzen und Hänge zunächst in ein undurchdringliches Gewirr von umgestürzten Fichten in die jetzige Buschlandschaft, welche sich aktuell langsam und stetig weiter verwandelt. Denn das Kyrill-Areal wird zum Wald. 

Dutzende Baumarten

Dort wo einst Monokulturen standen, finden sich heute junge Wälder mit einem halben Dutzend Baumarten, sorgfältig aufeinander abgestimmt. Und in einigen Jahren und Jahrzehnten wird sich die Landschaft und das Ökosystem wieder vollkommen geändert haben. Aus der Busch- und Parklandschaft entwickeln sich wieder Wälder mit hohem Laubbaumbestand, nur noch vereinzelt sind Fichtenkomplexe zu finden, denn als Nadelholz wurde die Douglasie angepflanzt. 

Kyrill vor 10 Jahren in Neuenrade

Und es gibt noch eine Folge von Kyrill: Die Solidarität der Waldbesitzer ist massiv gewachsen. Die Zahl der Mitglieder der Forstbetriebsgemeinschaft wuchs enorm. Auch der Staat zeigte sich als Helfer in der Not. Die Stadt Neuenrade leistete Bürgschaften, EU-Mittel flossen, Forstbeamte leisteten 100 000 Überstunden (im gesamten Landesbetrieb) und nicht zuletzt die Feuerwehrleute (160 Einsätze rund um Kyrill) riskierten kurz nach dem Sturm einiges, um zu helfen. 

Griffige Zahlen gibt es, um die Dimensionen des Ereignisses zu verdeutlichen. Würde man nur die die Kyrill-Baumstämme der Forstbetriebsgemeinschaft Neuenrade-Altena aneinanderlegen, so würden sie vom Sauerland bis in die Sahara reichen. Rund 100 000 Festmeter Schadholz lagen allein in der Kohlberg-Giebel-Region. 

Kyrill vor 10 Jahren in Balve

Erst vor Kurzem – im Rahmen einer Kyrill-Veranstaltung – präzisierte Förster Franz-Josef Stein die finanziellen Folgen: Den Verlust für die Forstbetriebsgemeinschaft Neuenrade-Altena bezifferte er auf zehn Millionen Euro. Hinter der Rechnung verbergen sich der Holzpreisverfall, die erhöhten Transportkosten und auch die Kosten der Bepflanzung. „Wir haben damals 25 Jahreseinschläge verloren“, sagte Stein. 

Hilfe aus dem Ausland 

Hilfe mussten die Sauerländer auch von außerhalb holen: Österreicher, Osteuropäer und Skandinavier räumten die heimischen Wälder auf. Etliche wohnten mit ihren Familien in Garbeck und Balve. Die Österreicher erwiesen sich dabei als Experten für Seilbahn-Systeme, mit deren Hilfe sie unzugängliche Hänge von Kyrill-Holz befreiten. Auch Harvester waren im Einsatz und verarbeiteten die Baumstämme. 

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Das Betreten des Waldes war bei Strafe für etliche Wochen verboten – zu gefährlich war der Aufenthalt. Bäume, die überlebt hatten, hätten jederzeit umkippen können, flachgelegte Bäume standen unter Spannung. Die Bergung der Bäume war daher riskant. 

Und was gab es sonst? Demolierte Leitungen, die zu Überspannungsschäden in Haushalten führten, Telefonausfall, demolierte Hausdächer und Autos waren dabei nur Nebenkriegsschauplätze bei Kyrill. 

Übrigens: All das Sauerländer Kyrill-Holz aus Neuenrade, Werdohl und Altena wurde überwiegend exportiert. Vieles ging nach Südeuropa, doch auch in China wurde es verarbeitet. Und in Nordamerika steht so manches Haus, das mit heimischen Kyrill-Holz erbaut wurde.

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