Enorme Preissteigerungen

Kostenexplosion bringt Baubranche in Bedrängnis

Diese Post vom Großhändler hat jüngst Dietmar Brinkmann bekommen.
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Diese Post vom Großhändler hat jüngst Dietmar Brinkmann bekommen.

Bauunternehmer Dietmar Brinkmann zeigt auf das Schreiben des Großhändlers: Satte Preiserhöhungen stehen ins Haus. „Als ich vor drei Monaten gesagt habe, dass die Preise um zehn Prozent steigen werden, hat man mich noch ausgelacht.“ Jetzt lacht niemand mehr.

Wer in diesen Tagen ein Haus bauen, renovieren oder anderweitig bautechnisch tätig werden will, muss tiefer in die Tasche greifen und mit allerlei Schwierigkeiten rechnen. Die Preise sind rasant gestiegen – Dachlatten kosten das Drei- und Vierfache. Es gibt Lieferschwierigkeiten, Termine verzögern sich. Trotz Hochkonjunktur am Bau kommt es zu Kurzarbeit, weil Material fehlt. In Neuenrade ist es noch einmal speziell – bei knapper werdendem Immobilienangebot.

Dicht dran am Geschehen sind die Banken und Sparkassen durch ihre Kontakte zu Bauherren, Handwerkern, Baufirmen. Und so kann Uwe Kleppel, Generalbevollmächtigter, Bereichsleiter Firmenkundenbank und Immobilienfinanzierung der Volksbank in Südwestfalen, diese Situation bestätigen: „Wenn man sich den Rohstoffmarkt anschaut, sieht man, dass die Preise in den vergangenen Wochen quasi explodiert sind.“ So berichtete ihm jüngst ein Firmenkunde, dass er für den Einkauf von Vormaterial im Metallbereich noch vor ein paar Wochen 800 Euro zahlen musste und nun 1750 Euro pro Tonne zu zahlen habe.

Preiserhöhungen werden weitergegeben

„Diesen Preis müssen die Unternehmer zwangsläufig an ihre Kunden weitergeben. Diese wiederum haben ja dann auch keine andere Wahl, als auf diese Preiserhöhungen einzugehen“, sagt Kleppel. Es sind schlichte marktwirtschaftliche Mechanismen: Die Erhöhung der Materialpreise resultiere aus einem immer knapper werdenden Angebot. So sind derzeit Holzprodukte (zum Beispiel Dachlatten oder Unterkonstruktionsholz) in Baumärkten überhaupt nicht erhältlich und wenn, dann in geringen Mengen zu teils dreifach hohen Preisen, als noch vor einigen Monaten. Hierunter leide derzeit das Handwerk und letztendlich auch der Endverbraucher. Gründe hierfür sind mannigfach: Uwe Kleppel nennt „Coronakrise, Borkenkäferkrise und erschwerte Lieferbedingungen durch international verhängte Zölle (zum Beispiel USA – China)“.

Als Volksbank habe man sich zu Beginn der Pandemie Gedanken darüber gemacht, ob die Herausforderungen auch Auswirkungen auf das Immobiliengeschäft haben könnten. Nun konstatiere man, dass „die Bau-, Kauf und/oder Renovierungslust ungebrochen ist“. Die eigene Immobile werde gehegt und gepflegt wie nie zuvor. Unterstützt werde das Ganze vom nach wie vor niedrigen Zinsniveau. Kleppel ist sich sicher: „Hieran wird sich auf absehbare Zeit aus unserer Sicht so schnell nichts ändern.“ Betongold bleibe – trotz der erheblich höheren Preise – ein nachgefragtes Gut.

Verteuerung schon voll im Gange

Auch Tomislav Majic, Pressesprecher der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis, kann die Teuerungen vor allem in der Bauindustrie nur bestätigen: Eine prozentuale Einschätzung könne er nicht nennen, aber die Verteuerung sei schon voll im Gange. „Freuen kann sich aktuell derjenige, der frühzeitig Baumaterial zu festen Preisen geordert hat, denn inzwischen ist es so, dass sich die Preise innerhalb kürzester Zeit nach oben verändern.“ Verzögerungen bei den Bauzeiten gebe es ebenfalls, da zum Beispiel die Sägewerke die heimischen Holzabnehmer in der Holzmenge kontingentierten. Betroffen seien sowohl Privatleute als auch die Industrie.

Jens Hilgert, Geschäftsführer von Hagebau Arens & Hilgert, sieht die Entwicklungen auch. Lieferketten sind zum Teil fragil. Die Mangelerscheinungen beim Thema Konstruktionsholz kennt er ebenfalls. Material sei hier knapp und sehr teuer. Nichts Gutes hört er zum Beispiel aus der Baubranche. Dachdecker müssten Kurzarbeit anmelden – wegen Materialmangels.

Unkonventionelles Vorgehen kann helfen

Vertieftes Wissen hat natürlich Dietmar Brinkmann, Geschäftsführer der SBS-Verklinkerung Brinkmann GmbH: Brinkmann – ein eher kleiner Betrieb ohne Wasserkopf und mit Jahrzehnte währenden Geschäftsverbindungen – kann vieles kompensieren, was die Beschaffung von Material anbelangt. Er ist auch schnell mal dabei unkonventionell zu agieren und besorgt flott Paletten, damit ein anderer Baustoffe darauf liefern kann. „Wir machen schon Tauschgeschäfte.“

Manche Dinge, die zu Materialknappheit führen, erscheinen ihm kurios, wie die Geschichte mit dem Fertigbeton. So hatte ihm ein Lieferant erzählt, dass er nicht liefern könne, weil es in dem Bereich eben einen Engpass gebe, der wiederum auf ein Verpackungsproblem zurückzuführen sei. Die Kunststoffsäcke würden mit einem Nebenprodukt aus Fracking-Öl gewonnen. Und weil es in den USA einen Rückgang gegeben habe, wirke sich das auf die Herstellung der Fertigbetonsäcke aus. Globalisierung also mit Konsequenzen für die Neuenrader Bauherren. Manches kann sich Brinkmann auch gar nicht erklären.

Auch Kies und Sand sind knapp

Er konstatiert zudem einen Mangel an Kies, auch Sand ist knapp. Doch der Zugang zu diesen Rohstoffen ist beschränkt. Und von den Holzpreisen ganz zu schweigen. Die Dachlatte kostete im Herbst noch gut 45 Cent pro laufendem Meter, jetzt sind gut 1,70 Euro fällig. Auch zwei Euro werden mitunter schon verlangt. Teurer geworden sind Stahlmatten, Dämmstoffe, PVC-Rohre. Brinkmann zeigt eine Liste, die jedem Unternehmer der Branche Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte. Vor allem bei jenen, die Objekte zu Festpreisen angeboten haben und jetzt teurer bauen müssten

Nicht nur, dass es teurer wird – das knapper werdende Material bereitet auch Probleme, Termine einzuhalten. Großhändler empfehlen ihren Abnehmern in Rundbriefen vorausschauend zu planen, Bedarfe frühzeitig anzumelden und ansonsten mit weiter steigenden Preisen zu rechnen. Die Bauunternehmer reichen die Preissteigerung natürlich weiter – wenn möglich. Brinkmann rechnet für die Branche auch mit einem: „Es wird wohl in Zukunft viele Gerichtsverhandlungen geben...“ Was die Grundstückspreise in Neuenrade anbelangt, da sieht er angesichts des Preisniveaus allerdings keine Probleme. Offensichtlich sei genug Geld da, um auch teure Plätze zu bezahlen.

Immobilien-Boom ist ungebrochen

Immobilienexperte Veith Werdes muss sich ebenfalls mit all dem auseinandersetzen. Beim Umgang mit der Verteuerung setzt er auf Kommunikation. Bis jetzt habe es funktioniert. Ansonsten verweist er auf den ungebremsten Boom in Neuenrade. „Die Immobilienanfragen sind massiv gestiegen.“ Bei gesteigertem Interesse aus dem Ruhrgebiet: „Wir haben viele Anfragen aus Hagen und Dortmund. Man will lieber ländlich wohnen.“

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