Neue Gruppe in Neuenrade

Jessica Fitz-Kahle nahm 50 Kilo ab - jetzt möchte sie anderen Menschen dabei helfen

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Jessica Fitz-Kahle leitet seit drei Jahren eine Adipositas-Selbsthilfegruppe in Iserlohn und will nun auch in Neuenrade mit Kirsten Felske eine Gruppe ins Leben rufen. Fitz-Kahle hat einst 120 Kilogramm gewogen und hat mit 70 Kilogramm nun Normalgewicht.

Neuenrade – Dick. So dick, dass es nicht mehr schön ist, dass die Gesundheit massiv leidet. So dick, dass man/frau kaum noch Kleidung findet. So dick, dass sich Leute umdrehen. So dick, dass körperliche Arbeit kaum noch möglich ist. Jessica Fitz-Kahle weiß, wie sich das anfühlt. Sie hat 50 Kilo abgenommen - und möchte anderen helfen, das zu schaffen.

Und so dick war einst auch Jessica Fitz-Kahle, die ehrenamtlich seit drei Jahren eine Selbsthilfegruppe (SHG) in Iserlohn leitet. Nun will sie eine weitere Gruppe in Neuenrade gründen, welche von Kirsten Felske geleitet wird. Die Gruppe soll Anlaufstelle für Betroffene der Region sein.

Auch in Menden ist die Gründung einer derartigen SHG geplant. Am Mittwoch kommender Woche, 15. Mai, wird die Selbsthilfegruppe in der DRK-Begegnungsstätte Am Stadtgarten ins Leben gerufen. Jeden zweiten Mittwoch im Monat sollen anschließend jeweils zwischen 19 und 21.30 Uhr die extrem übergewichtigen Menschen mit weiteren Betroffenen zusammenkommen. 

Zum Auftakt wird es einen Vortrag von Dr. Bertram Wagner geben. Wagner ist Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und minimal-invasive Chirurgie im Marienkrankenhaus Schwerte. Dort wird „in Zusammenarbeit mit der Schwerpunktpraxis Diabetes Dr. Michael Herr stark übergewichtigen Menschen eine lückenlose Behandlungskette“ angeboten. 

Austausch unter Betroffenen 

Bei der Selbsthilfegruppe soll es aber nicht nur um derartige Information gehen, sondern auch um persönlichen Austausch unter Betroffenen. Auch gemeinsamer Sport ist möglich. Fitz-Kahle: „Es ist etwas anderes, wenn man ausschließlich unter ähnlich Betroffenen agiert.“ Zum Beispiel Aqua-Fitness sei leichter mit anderen Adipösen zu betreiben, als sich allein unter lauter dünnen Sportlern bei einem Fitnesskurs im Bad zu tummeln. 

Wie gesagt: Die 39-Jährige Jessica Fitz-Kahle weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitet in einer Krankenhausküche, ist verheiratet, hat drei Kinder und wog einst 120 Kilogramm. Bilder davon hat sie noch auf ihrem Handy. Sie zeigen im Prinzip eine andere Frau. Denn heute bringt sie nur noch knapp 70 Kilo auf die Waage. Dass sie inzwischen Normalgewicht hat, verdankt Fitz-Kahle einer Operation. Sie hat sich den Magen chirurgisch verkleinern lassen. Fitz-Kahle macht einen fitten Eindruck, sie ist selbstbewusst und modisch gekleidet.

Einen Mitstreiter hat sie mitgebracht: Auch er war einst gewaltig dick, hat mehr als 170 Kilogramm gewogen – und auch er unterzog sich der Operation. „Ich bin ein neuer Mensch“, sagt er heute, möchte seinen Namen aber nicht nennen. Ein Mann, der auf dem Bau arbeitete und eines Tages „einfach nicht mehr hochkam“. Er ist heute wieder ein selbstbewusster Mensch. Ein Mensch, der eine Krankheit überwunden hat. „Man bekommt ein neues Leben,“ sagt er. 

OP als letzte Möglichkeit

Natürlich: Diäten haben die Betroffenen ausprobiert. Fitz-Kahle und ihr Begleiter winken aber ab. Ob Weight-Watchers oder Low-Carb – meist haben die Adipösen schon alles durch. Die OP sei für viele daher eine der letzten Möglichkeiten, lässt Fitz-Kahle durchblicken. Es gebe aber auch Menschen, die es ohne Operation schaffen würden. Die Selbsthilfegruppe bietet aber Unterstützung für jene an, die sich dieser Operation unterziehen wollen. Denn es gibt eine ganze Reihe von Voraussetzungen, die dabei für eine Bewilligung von der Kasse zu erfüllen sind und die auch aus Sicht eines Arztes sicher sinnvoll sind. Das reicht von einem Bodymassindex von mindestens 40, Gesundheitsstörungen wie Typ2-Diabetes oder Schlafapnoe, bis hin zu Abnehmversuchen unter ärztlicher Begleitung und psychologischer Beratung. 

Was aus ihrer Sicht denn die Ursachen für Übergewicht bis hin zu Adipositas sind, erläutert Jessica Fitz-Kahle: „Es fängt zuhause an. Schnelle Küche, alles schnell schnell.“ Frustessen komme hinzu, fehlendes Sättigungsgefühl. Die Erziehung durch die Eltern, Bewegungsmangel als Kind, Kindheitsprobleme spielten eine Rolle. Es sei eben eine große Bandbreite an Ursachen, die meist seelischen Ursprungs seien. Insgesamt wachse das Problem. 

Zunehmende Bewegungsarmut

Beim Bundesfachverband Essstörungen heißt es: „Global betrifft es besonders die jetzt heranwachsende Jugend. Die ansteigende Fettleibigkeit der Jugend ist sowohl ein Resultat der hyperkalorischen Ernährung wie auch der zunehmenden Bewegungsarmut.“ Auch von genetischen oder medikamentösen Ursachen ist die Rede. Etwa jeder dritte erwachsene Bundesbürger sei deutlich übergewichtig und sollte aus medizinischen Gründen abnehmen. Längst sei unbestritten, dass Übergewicht und Adipositas hohe Kosten verursachten. Knapp fünf Prozent aller Gesundheitsausgaben in den Industrieländern würden für Adipositas-Behandlung und Krankheitsfolgen aufgewendet. 

Denn die Folge-Erkrankungen und Gesundheitsrisiken sind nicht ohne: Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Bluthochdruck. Die Belastungen von Skelett und Muskulatur sind immens, Depressionen, Unfruchtbarkeit, Gallensteine, sexuelle Probleme durch Übergewicht können ebenfalls auftreten, heißt es in den Veröffentlichungen. Eine Magen-Operation kann eine Lösung sein – und Jessica Fitz-Kahle wirbt aktiv dafür. Prominentes Beispiel ist sicher SPD-Politiker Sigmar Gabriel, einst Vize-Kanzler. Auch er hatte sich den Magen verkleinern lassen. 

Essverhalten und Ernährung umstellen

Dass Patienten nach so einer Operation essenstechnisch plötzlich reinhauen können, geht natürlich nicht. „Essverhalten und Ernährung müssen sich auch nach der OP ändern“, sagte Jessica Fitz-Kahle. Es gebe deshalb auch manche, die trotz Operation wieder fett würden. 

Klar ist: Egal wie gesund sich jemand nach dieser OP ernährt – er wird ein Leben lang Geld für Nahrungsergänzungsmittel ausgeben müssen. Da Teilbereiche des Dünndarms von der Nahrung nicht mehr passiert werden, fehlen dem Körper ansonsten wichtige Spurenelemente und Vitamine.

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