Vor 300 Jahren brannte Neuenrade

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In dieser Kopie einer historischen Ansicht der Stadt aus der Zeit um 1714 hat der Stadtarchivar die Flammen ergänzt. Zu sehen sind auch die Gewässer, aus denen das Löschwasser kam.

Neuenrade - 300 Jahre ist es her, dass Neuenrade von einem verheerenden Stadtbrand heimgesucht und zu großen Teilen zerstört wurde. Stadtarchivar Dr. Rolf Dieter Kohl erinnert mit historischen Zeichnungen und Briefen an jenen Donnerstag, den 2. August im Jahr 1714.

In der Nächstfolgenden Straße – heute Dritte Straße – im Haus mit der historischen Hausnummer 102 brach zwischen 13 und 14 Uhr das Feuer aus.

Das geht aus einem Brief hervor, den der zuständige Amtmann Franz Bernhard Johann von Neuhoff zu Pungelscheid gleich am Tag nach dem Brand als Hilfegesuch an den regierenden König Friedrich Wilhelm I. schrieb. Der „Soldatenkönig“ regierte von 1713 bis 1740.

„In eines Bürgers namens Johann Bußmanns Haus ohnvermutet eine Feuersbrunst leider! entstanden“, heißt es in dem Brief. Die Flammen hätten „bey jetziger trockener Zeit und, da die Bürgers und deren Gesinde guten Theils im Heumachen außer der Stadt beschäftigt“, zunächst unbemerkt um sich gewütet.

Das Original des Briefes liegt mit anderen historischen Schriftstücken zu den großen Bränden der Stadt im Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin, weiß Dr. Rolf Dieter Kohl.

Über die Ursache des Brandes sei wenig bekannt, ein zu heißer Ofen sei eventuell der Brandherd gewesen, vermutet er.

Vor genau 300 Jahren stand Neuenrade in Flammen. Das Feuer richtete Schäden an, für deren Beseitigung die Bewohner viele Jahre brauchten. Anlässlich des Jahrestages erzählt Stadtarchivar Dr. Rolf Dieter Kohl aus der Geschichte. - Foto: Köller

„Als ein Neuenrader das Feuer bemerkte und mit seinem Horn ein Signal gab, rannten die Bürger von den Feldern zurück in ihre Stadt und versuchten zu retten, was noch zu retten war“, gibt der Stadtarchivar das Geschehen vor 300 Jahren wieder.

Die Bilanz: 111 Häuser wurden erfasst – verloren ihre strohgedeckten Dächer oder brannten ganz nieder. Der Bürger Johann Husberg, der den Spitznamen Baule trug, erstickte. Verletzt wurden Wilhelm Dunker, Friedrich Honigmeyer sowie Johannes Köhne und dessen Ehefrau. Überliefert ist, dass sie Brandwunden oder Rauchvergiftungen erlitten und mit dem Tode rangen. Was aus ihnen wurde, sei nicht bekannt, erklärt Kohl.

Auch die Bürger der Stadt wandten sich mit einem Schreiben an den König, in dem sie ihm detailliert über die Ausmaße der Zerstörung berichteten.

Beinahe unerklärlicherweise sei eine Gasse gänzlich verschont geblieben. Im Zusammenhang mit dem Stadtbrand wurde sie zum ersten Mal erwähnt und bekam den Namen „Eulengasse“. Kirche, Schule und sieben Bürgerhäuser seien unversehrt geblieben, erzählt der Stadtarchivar.

Die Hinterste Straße – heute Kletterpot – sei zu großen Teilen „in den Grund abgebrannt“, Gerhard Hermann Bressers Haus immerhin teilweise „gelöschet“ worden.

Mit Ledereimern wurden Löschketten gebildet und das Wasser aus den die Stadt umgebenden Teichen geschöpft. Letztere dienten eigentlich der Abwehr von Angriffen. „Unter anderem wegen der zahlreichen Löschaktionen bei Stadtbränden sind heutzutage in Heimatmuseen oft ebendiese Ledereimer zu sehen“, sagt Kohl.

Die Briefe des Amtmanns und der Bürger sollten damals den König Friedrich Wilhelm I. dazu bewegen, der Stadt einen zwölf Jahre währenden Steuernachlass zu gewähren und die Einrichtung einer Kollekte in den Nachbarstädten zu erlauben.

Mit Blick auf die Stadtbrände in den Jahren 1521, 1547, 1621, 1687 und 1695, bei denen die Bürger ebenfalls fast alles verloren hatten, sei es wahrscheinlich, dass der König den Steuernachlass gewährt hat, berichtet Kohl.

1714 hätten sich die Neuenrader schließlich gerade erst vom Brand 19 Jahre zuvor erholt. „Die Schäden solcher Stadtbrände waren jedenfalls jahrzehntelang zu tragen“, so Kohl. Bekannt sei aus 1714, dass die Altenaer und Werdohler bei den Löscharbeiten und beim Wiederaufbau geholfen haben.

Dass Neuenrade regelmäßig niederbrannte, sei der verdichteten Bauweise, dem unzureichenden Brandschutz und den strohgedeckten Dächern zuzuschreiben gewesen, resümiert Kohl. Dennoch folgten zahlreiche Brände in den anderen Orten der Grafschaft Mark und im Jahr 1732 ein weiterer Brand in Neuenrade, bis die Regierung in gedruckter Form eine Brandschutzverordnung erließ. Die Maßnahmen aus der Verordnung verhinderten weitere Brände und wurden im Laufe der Jahre immer wieder überarbeitet.

Die „Feuer- und Brandordnung für die Stadt Hamm und übrige Städte der Graffschafft Mark“ vom 28. April 1773 verbot das nächtliche Rauchen in Gasthäusern, den Gebrauch von Schusswaffen in Städten und Vorstädten und beinhaltete detaillierte Bauvorschriften.

Außerdem, so hat es Dr. Rolf Dieter Kohl in einer Veröffentlichung geschrieben, „wurde erstmalig die Anschaffung ganz bestimmter Gerätschaften zur Feuerbekämpfung“ – beispielsweise Leitern – zur Pflicht gemacht und „jeder Einwohner im Brandfalle zu tätiger Hilfeleistung verpflichtet.“

Von Kristina Köller

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