Interview: Was Ulrich Töpel ändern würde

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Ulrich Töpel. ▪

NEUENRADE ▪ Ob Altena oder Neuenrade, Ulrich Töpel kommt herum als Gerichtsvollzieher. Er sieht Dinge, die der Normalbürger wahrscheinlich nicht erleben wird. Er erfährt Schicksale, lernt auch Betrüger kennen. Hier das Interview mit ihm:

Herr Töpel, glauben Sie noch an das Gute im Menschen?

Ja, ich glaube nach wie vor an das Gute im Menschen. Es gibt halt „solche“ und „solche“. Da ist die Mutter mit dem Kleinkind, die bemüht ist, die Löcher zu stopfen und einfach viel Pech im Leben hatte. Von diesen „Schuldnern“ gibt es viele. Aber die immensen Kosten, bedingt durch Inkassobüro und Rechtsanwälte auf Gläubigerseite treiben die ursprüngliche Forderung oftmals in schwindelerregende Höhen. Dazu kommen Leute, die bei unseriösen Banken in Zinsfallen tappen. Aber dann gibt es leider auch die andere Seite von Schuldnern, häufig auch Mietnomaden, die bewusst und gezielt fleißig Schulden machen, andere damit vielleicht ins Unglück stürzen und dann frechweg irgendwann ins Insolvenzverfahren fliehen und aller Schulden nach Ablauf des Verfahrens ledig sind. Und aus eigener Beobachtung ist mir bekannt, dass diese Schuldner im Wege der Einkommensverschleierung (z. B Schwarzarbeit, Vermögensverschiebung vor dem Verfahren) selbst jetzt keinen Cent dazu beitragen, zumindest eine minimale Rückführung über den Insolvenzverwalter an die Verfahrensgläubiger zu gewährleisten.

Welche Rolle spielt das neue Insolvenzverfahren?

In der Zeit vor dem Insolvenzverfahren ist es auch mir gelungen, wenn der Schuldner nur willig war, über Raten-Inkasso diesen tatsächlich schuldenfrei zu bekommen. Und da hat er aktiv durch Zahlung und Fleiß eben mitgewirkt. Er konnte stolz auf das Erreichte sein.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass das Insolvenzverfahren die Zahlungsmoral vieler Schuldner gen null bewegt und es ärgert mich offen gesagt, wenn ich durch meinen Bezirk fahre und die Schuldner X oder Y, sehe, die sich im Insolvenzverfahren befinden, aber dennoch in Fahrzeugen durch die Gegend fahren, von denen ich nur träumen kann. Natürlich zugelassen auf Dritte. Ist das dem betrogenen Gläubiger gegenüber seitens des Gesetzgebers zu vertreten? Der ortsansässige geprellte Handwerker, der Woche für Woche schuftet und schuftet, sieht das doch auch und ich möchte nicht wissen, was der dabei für Gedanken hegt.

Was würden Sie gerne ändern?

Ich hätte das Insolvenzverfahren in jetziger Form gern reformiert. Der Gerichtsvollzieher, der seine Pappenheimer kennt, sollte im Vorfeld vor Verfahrenseröffnung mehr mit eingebunden werden um zu sondieren, ob die in Verschuldung geratene Person das Verfahren „verdient“ hat oder in der Vergangenheit böswillig und mutwillig an seiner Schuldenspirale drehte. Diese müssten im Schuldenbereinigungsverfahren anders angepackt werden als der eigentlich „klassische“ Schuldner, der eben unverschuldet und nach vielen finanziellen Klimmzügen es dennoch nicht hinbekam, wieder in finanziell ruhiges Fahrwasser zu gelangen.

Zudem ist der Pfändungsschutz des Schuldners aus meiner Sicht gegenüber dem Gläubigerrecht gerade in letzter Zeit ungemein überbewertet (mehrfache Erhöhung der Pfändungsfreibeträge oder Kontenpfändungsschutz). Die Gläubiger werden im Regen stehen gelassen und leider zu viele Schuldner, die es nicht verdient haben, für ihre abgewickelte „Schuldenkarriere“ zu Unrecht mit Erlass der Verbindlichkeiten belohnt. Und man darf nicht vergessen, dass auch ein Gläubiger durch entgangene Gelder in Schieflage geraten kann. ▪ vdB

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