Neid unter Patienten?

Impfpriorisierung fällt: Hausarzt im MK hat Angst vor dem 7. Juni

Dr. Paul Gotthardt, hier bei einer Impfung im Evangelischen Seniorenzentrum Neuenrade im Januar, und sein Team haben jetzt schon ein erhöhtes Arbeitsaufkommen durch die Corona-Schutzimpfungen. Mit dem kompletten Wegfall der Impfpriorisierung ab 7. Juni dürfte sich dieses nochmals deutlich erhöhen, befürchtet der Mediziner.
+
Dr. Paul Gotthardt, hier bei einer Impfung im Evangelischen Seniorenzentrum Neuenrade im Januar, und sein Team haben jetzt schon ein erhöhtes Arbeitsaufkommen durch die Corona-Schutzimpfungen. Mit dem kompletten Wegfall der Impfpriorisierung ab 7. Juni dürfte sich dieses nochmals deutlich erhöhen, befürchtet der Mediziner.

Die Impfpriorisierung wird im Kampf gegen Corona schon bald aufgehoben. Einem Arzt aus dem Märkischen Kreis gefällt das überhaupt nicht.

Neuenrade - Wenn der Allgemeinmediziner Dr. Paul Gotthardt aus Neuenrade an den 7. Juni denkt, ist ihm unwohl zumute: An diesem Montag soll die Priorisierung für den Zugang zu einer Corona-Schutzimpfung aufgehoben werden. Ab diesem Tag kann sich jeder um eine Immunisierung bemühen.

„Man kann sagen, dass wir richtig Angst haben, weil die Wahl derjenigen, die eine Impfung erhalten, dann auf uns zurückfällt. Wir müssen folglich auch entscheiden, wer noch nicht an der Reihe ist“, stellt Dr. Gotthardt fest. Viele Kollegen hätten ebenfalls Bedenken, weiß der Allgemeinmediziner aus Gesprächen: „Sie fürchten, dass Patienten andere Patienten mit Impftermin als nicht impfwürdig bezeichnen könnten.“

Dabei spiele wohl nicht nur die Angst vor einer möglichen Corona-Erkrankung eine Rolle, sondern auch ein gewisser Neid: „Dass man jetzt wieder bestimmte Dinge machen kann, wenn man geimpft ist, erhöht den Druck natürlich. Die Impfung ist sozusagen ein Preisetikett für tolle Sachen, wie Urlaub oder ähnliches.“

Impfanfragen haben deutlich zugenommen

Dabei hätten die Impf-Anfragen in der Praxis in der letzten Zeit ohnehin schon zugenommen. Und nicht immer seien die Impfwilligen freundlich. „Es gibt durchaus einige, die einen Ton drauf haben, der absolut grenzwertig und nicht angemessen ist. Dem einen oder anderen hätte ich auch den Weg aus der Praxis gewiesen. Ich hätte nicht so viel Geduld wie meine Mitarbeiterinnen“, stellt der Mediziner fest.

Die Dauertelefonate seien für sein Team schon jetzt eine echte Herausforderung. Mit Ablauf der Priorisierung werde sich das Arbeitsaufkommen in diesem Bereich aber noch extrem erhöhen, befürchtet Dr. Gotthardt: „Das Problem sind nicht die Impfungen an sich. Es ist die Anmeldung, die uns eine große Menge Zeit kostet.“ Allerdings habe er auch Verständnis für die „jungen Leute, die jetzt ihre Rechte einfordern“: „Sie haben das Wirtschaftssystem die ganze Zeit über am Laufen gehalten. Deshalb empfinde ich es als unangenehm, wenn ältere Patienten Astrazeneca ablehnen und auf einen anderen Impfstoff bestehen, den ein jüngerer Mensch bekommen könnte.“

Reihenfolge ist medizinisch leicht festzulegen

Aus rein medizinischer Sicht sei es für ihn nicht schwierig, eine Impfreihenfolge für seine Patienten festzulegen. „Ich glaube, dass wir einen guten Blick darauf haben, wer vielleicht etwas kränker ist und möglichst schnell geschützt werden sollte.“ Impfwilligen aus anderen Städten habe er bisher Absagen erteilen müssen, das werde er auch beibehalten: „Ich könnte den eigenen Patienten kaum vermitteln, dass ich Personen aus Lüdenscheid oder Altena vorziehe.“

Dr. Paul Gotthardt befürchtet, dass sich die impfenden Hausärzte noch einige Monate mit den genannten Problemen herumschlagen müssen. „Im September, Oktober, wenn jeder die Möglichkeit hatte, sich impfen zu lassen, dann ist der Druck raus.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare