IG-Metall-Vorstoß zur Zukunft der Arbeitswelt

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Die IG-Metall Bevollmächtigenten torsten Kasubke, Gudrun Gerhardt und der Chef des NRW-Bezirks, Knut Giesler

Neuenrade - Es läuft wohl ganz gut derzeit für die IG-Metall. Und es ist wohl Zeit Forderungen zu stellen – zur Entlohnung und Arbeitszeit, zur Zukunft der Arbeitswelt. Die heimischen Funktionäre verströmen jedenfalls Selbstbewusstsein.

 Die Zahl der Mitglieder steigt wieder und gar neue Betriebe, darunter auch der Neuenrader Felgenhersteller Alcar, würden zu Tarifpartnern. Inzwischen betreue die IG-Metall 238 Betriebe. Konflikte, so lässt man durchblicken, würden auf der Sachebene bereinigt. Man strebe einen vernünftigen Interessensausgleich an und laufe nicht mit der roten Fahne durch den Betrieb. Alles würde sich gut entwickeln, so lassen die IG-Metall-Bevollmächtigten, Gudrun Gerhardt und Torsten Kasubke, bei einer Delegiertenkonferenz jüngst im Neuenrader Kaisergarten durchblicken.

IG-Metall selbstbewusst

Besuch haben sie anlässlich dieser Konferenz auch. IG-Metall-NRW-Chef Knut Giesler ist anwesend und nicht arm an Selbstbewusstsein. Giesler, der von der Düsseldorfer Zentrale aus mit 40 Leuten ganz NRW gewerkschaftlich managen muss, kann schon mal mit breiter Brust in Richtung Arbeitgeber verkünden, wohin die Reise gehen soll: Arbeitszeitverkürzung mit Entgeltausgleich dafür wollen die Metaller werben und verhandeln. Und angesichts der noch boomenden Wirtschaft wollen sie für ihr Klientel natürlich auch in Sachen Gehalts- und Lohnverbesserung ordentlich mehr herausholen.

Mein Leben, meine Zeit, Arbeit neu denken

Giesler nennt da noch keine Zahlen. Gleichwohl präsentiert sich die IG Metall hier als Arbeitnehmerlobby, die auch die Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder verbessern möchte. „Mein Leben meine Zeit, Arbeit neu denken.“ So umschreiben sie griffig die Forderung. Arbeiten rund um die Uhr und auch am Wochenende sowie das Aufweichen der Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben drohten der neue Standard zu werden. Und das könne nicht sein.

 Finanzierungsmodell

Und sie verweisen auf die Umfrage als Basis, die sie unter ihren Mitgliedern vorgenommen haben. Dabei ging es um Arbeitszeit und Lebensentwürfe und geänderten Lebensumstände. Der Märkischen Kreis ist für die Gewerkschafter da keine einfache Region, denn die Betriebe sind mittelständisch geprägt und da sind nicht unbedingt 300 Beschäftigte pro Betrieb die Regel, sondern hierzulande ist es eher kleiner strukturiert. Dass das Begehren der Arbeitnehmer, jedenfalls derer, die an der Umfrage (70 Fragen) teilgenommen haben (110 000 Teilnehmer in NRW, 680 000 bundesweit), in irgendeiner Form finanziert werden soll, ist den Gewerkschaftern klar. Und zumindest zur Grundrichtung der Finanzierung haben sie sich schon Gedanken gemacht: Demnach soll ein Teil der Arbeitnehmer mitfinanzieren, der Arbeitgeber soll ebenfalls seinen finanziellen Beitrag dazu leisten und auch „einen politischen Anteil“ könne es doch geben, heißt es vom NRW-IG-Metall-Boss.

Recht auf Rückkehr in Vollarbeitsplatz

Was das genau bedeuten soll, ließ er an diesem Tag auch außen vor. Er sprach in diesem Zusammenhang auch davon, dass ja auch die Altersteilzeit ein subventioniertes Modell sei. Konkret wurde Giesler nicht, verwies nur darauf, dass sich die unteren Entgeltgruppen weniger an der Finanzierung beteiligen müssten, als die besser bezahlten Arbeitnehmer. Ein weiterer Aspekt bei der Erziehungs- oder Pflegeauszeit sei das Recht, auch wieder zurückzukommen an den Vollarbeitsplatz.

Facharbeiter-Problem hausgemacht

Die Argumentation, dass in diesen Zeiten ohnehin Facharbeiter fehlen würden, der demografische Wandel das Problem fehlender Fachkräfte noch verschärfen werde, wollte der NRW-Gewerkschafts-Chef so nicht stehen lassen und ließ durchblicken, dass das Problem bei einigen schlicht hausgemacht sei. „Mehr ausbilden, dann haben wir die Diskussion gar nicht“. Die Stellen (auch Lehrstellen) müssten einfach attraktiver ausgestaltet werden. Man bräuchte da auch eine gute Personalplanung“. Dass kleinere Betriebe möglicherweise Schwierigkeiten mit einer Erziehungs- und Pflegezeitregelung haben könnten, wollte Knut Giesler nicht ausschließen. Der Bezirksleiter, flankiert von Gerhard und Kasubke, sagte aber auch, dass man Arbeitnehmer, die in kleinen Betrieben arbeiten würden, ja nicht einfach ausschließen könne.

Position des Märkischen Arbeitgeberverbandes

Und was sagen die Repräsentanten der hiesigen Arbeitgeber dazu? Die Gegenseite sozusagen, der Märkische Arbeitgeberverband, gehört zu den Gewichtigsten in Deutschland. Und da hört man sicher genau zu. Der Verband, der unter anderem für den nördlichen Märkischen Kreis (Lenneschiene, Iserlohn, Menden, Hemer Neuenrade, Balve), Hagen und den Ennepe-Ruhr-Kreis zuständig ist, vertritt 460 Mitgliedsfirmen mit 59 000 Beschäftigten. Zu den Forderungen der Gewerkschaft gibt schließlich Dr. Bettina Schwegmann, Geschäftsführerin des Märkischen Arbeitgeberverbandes e. V., zum Thema Arbeitszeitverkürzung eine Stellungnahme ab: Statement des Arbeitgeberverbandes „Die Metall- und Elektroindustrie erfreut sich einer guten Konjunktur und an gefüllten Auftragsbüchern. Gleichzeitig erleben wir aber eine Zeit knapper werdender Fachkräfte. Vor diesem Hintergrund wäre eine Arbeitszeitverkürzung ein völlig falsches Signal, weil es die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erheblich beeinträchtigen wird und bei den Beschäftigten Erwartungen weckt, die nicht zu erfüllen sind. Immerhin sind nach einer Befragung der IG Metall rund 80 Prozent der Beschäftigten mit ihrer Arbeitszeit zufrieden. Wir sehen aber auch den Wunsch vieler Beschäftigter nach mehr individueller Arbeitszeitsouveränität, die sich aber am betrieblichen Bedarf orientieren muss. Auf dieser Grundlage haben wir mit der IG Metall in NRW zur Arbeitszeit Gespräche geführt. Dabei haben wir immer klar gesagt, dass Arbeit erledigt werden und ein ausreichendes Arbeitszeitvolumen zur Verfügung stehen muss. Anders lassen sich Markt- und Kundenanforderungen gar nicht bewältigen. Außerdem darf Arbeit in unserer Industrie nicht noch teurer werden. Daran muss sich am Ende ein Kompromiss orientieren.“

Wie auch immer. Bernd Levermann, Arbeitgeber, Metallbauer aus Neuenrade, mittelständischer Unternehmer und nicht organisiert, sagte angesichts der Forderungen nach Pflege- und oder Erziehungszeiten spontan: „Die Arbeit muss doch getan werden!“ Er ließ durchblicken, dass es kleinen Unternehmen sicher schwerer fallen würde, damit umzugehen.

Die Statements von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sind nun auf dem Markt – wie geht es weiter? Der Forderungsbeschluss der IG-Metall ist für den 30. Oktober avisiert. Dann liegen konkrete Fakten auf dem Tisch, die Verhandlungen beginnen.

Von Peter von der Beck

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