Als die Hönnetalbahn noch Standortfaktor war

+
Elmar Dederich. ▪

NEUENRADE ▪ Etwa 50 Gäste konnte Dr. Rolf-Dieter Kohl, der Vorsitzende des Heimatvereins Neuenrade, am Dienstagabend in der Villa am Wall begrüßen. „Das dokumentiert, dass wir bei der Auswahl der Vortragsthemen das Richtige auswählen“, freute er sich über den Zuspruch.

Da die kommenden Wochen ganz im Stern des 100-jährigen Jubiläums der Hönnetalbahn stehen, hatte der Heimatverein Elmar Dederich als Referenten gewonnen. Der ehemalige Leiter der VHS Menden überschrieb seinen dichten und informativen Vortrag mit „Der Zug kommt – das Ende der Postkutsche im Hönnetal“. Das Ereignis des Jahres 1912 sei es gewesen, als sich am Samstag, den 30. März, der erste Zug mit den Honoratioren von Bahnoberen, Bürgermeistern und Prominenz von Menden aus in Richtung Neuenrade in Bewegung setzte. Aber warum musste es so lange, nämlich genau 40 Jahre dauern, bis das obere Hönnetal durch eine Bahnlinie erschlossen wurde?“ Genau das zeigte der Experte während seines eineinhalbstündigen Vortrags auf, an dessen Anschluss er von Kohl ein kleines Präsent überreicht bekam. „Immer wieder, wenn man zum ersten Spatenstich ansetzen wollte, taten sich Hindernisse auf“, wusste Dederich.

Doch bereits 1872, als man in Menden die Einweihung der Bahnlinie Fröndenberg-Menden feierte,sei gelobt worden, bald Gespräche über den Weiterbau zu führen. Ein Bahnbau-Komitee hätte sich schon 1878 gegründet und getroffen, aber das sei ohne Ergebnis geblieben. Anschließend kam Dederich auf die vorhandenen Privatgleisanschlüsse zu sprechen: „1878 gab es schon eine normalspurige Anschlussbahn ab Bahnhof Menden bis etwa in Höhe des heute noch stehenden alten Schornsteins am kleinen Kreisel zur alten B515. Diese Privatbahn gehörte 1878 der Eisenindustrie Menden-Schwerte AG, die an dieser Stelle ein Puddelhammerwerk betrieb“, bewies der Mendener Sachkenntnis. Trotz dessen qualitativ hochwertiger Produkte hätte der Betrieb schließen müssen; das Privatgleis von 1878 mit Anschluss an die Strecke Menden-Fröndenberg-Schwerte und somit an das Ruhrgebiet sei zu spät gekommen. „Die abseitige Lage von Lendringsen und Hüingsen und die Unmöglichkeit einer wünschenswerten Bahnverbindung Richtung Balve-Neuenrade-Werdohl in das Siegerland ist ein Standortnachteil, der nicht ausgeglichen werden konnte.“ Somit wurde der Betrieb nach Schwerte verlagert.

Sechs Jahre später hätte Firmenchef Karl Becker mit seienr Eisengießerei die private Anschlussbahn übernommen; 1896 sei es der Ingenieur Karl Hessmann aus Altenhundem gewesen, der seine lange gehegte Vision von einem Kalkabbau im Hönnetal in die Tat umgesetzt hätte. So habe er ein Kalkwerk gewissermaßen aus dem Boden gestampft. „Weil Hessmann auch Eisenbahnstrecken baut, gelingt es ihm, von Karl Becker die bei der Eisengießerei endende Privatbahn zu erwerben und und bis zu seinem Werksgelände in Oberrödinghausen fortzuführen“, berichtete Dederich dem zahlreichen Publikum. „Aber auch Karl Becker weiß längst, dass ein Anschluss seines Werkes an das Schienennetz der Bahn von existenzieller Bedeutung ist. Becker schafft durch den Wiederkauf der hierzu notwendigen Grundstücke die Voraussetzungen für eine Flussbettverlegung der Hönne, schafft eine Gleisbrücke über die Hönne und lässt im Einvernehmen mit dem neuen Privatbahnbesitzer Hessmann ein Anschlussgleis in sein Werksgelände verlegen“, ergaben die Recherchen des ehemaligen Beamten der Stadt Menden. Hessmann sei es schließlich gelungen, die Kalkverträge mit den Hüttenwerken im Ruhrgebiet punktgenau zu erfüllen. Anfang 1897 hätten die ersten Waggons das Werksgelände verlassen – bei den Rheinisch Westfälischen Kalkwerken „schnaubt man vor Wut. Einem Außenseiter war es gelungen, aus dem Stand heraus innerhalb kürzester Zeit mehr Kalkstein und mehr Weißkalk zum Versand zu bringen als die Abteilung Letmathe.

Am 1. August 1897 habe Hessmann das Werk an seinen Hauptkonkurrenten, die RWK Dornap, Zweigstelle Letmathe, verkauft. Doch: „Dass es die anfangs von den Behörden so hoch gelobten Rheinisch Westfälischen Kalkwerke im Hönnetal waren, die den Bau der Hönnetalbhan durch Widersprüche und Grundstückssperrkäufe vehement zu verhindern suchten, weil Konkurrenz befürchtet wurdem ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.“ So sei es nach einigen vorbereitenden Schritten am 30. November 1883 in Sanssouci zure definitiven Konstituierung des Komitees für die Durchführung einer Sekundärbahn von Menden bis Neuenrade gekommen. Balve arbeitete dazu eine Denkschrift aus, mit der es weitestgehend alleine geblieben sei. Ein interner Kleinkrieg habe begonnen: Zwischen dem Bahnbau-Komitee und dem RWK sowie dem Dortmunder Hüttenkonsortium. Nach zahlreichen Plänen und Einsprüchen – unter anderem auch vom SGV, der von der Bahn die Landschaft verschandelt sieht - setzen sich schließlich die Bahnbauer durch: Am 15. März 1909 wird in Balve ein Bahnbaubüro eröffnet, der erste Spatenstich erfolgt am 28. August des gleichen Jahres. „Es kommt noch einmal zu einem Störfeuer durch die RWK. Sie fordern 1,5 Millionen Mark für den Bau der Bahn durch ihre Kalkbrüche.“ - Trotzdem sei die Bahn ohne Unterbrechung weitergebaut worden.

Am 20. September 1910 habe dann die königliche Eisenbahndirektion mitgeteilt, dass die Neubaustrecke 22,4 Kilometer lang sei und die Befahrung 60 Minuten einschließlich der Haltezeiten dauere. Einstweilen seien fünf Züge täglich gefahren. Am 31. März 1912 sei dann die letzte Postkutsche gefahren, während am Montag, 1. April die Strecke für den Normalbürger benutzbar wurde. „Fertig gestellt wurde eine der schönsten Nebenbahnen des Sauerlandes“, gab sich Dederich zum Schluss schwärmerisch. ▪ Annette Kemper

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare