Ende des Fastenmonats Ramadan

An diesem Ort beteten Werdohler Muslime zum Zuckerfest-Auftakt

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amilie Alptekin vermisste in den vergangenen Wochen nicht nur die Gemeinschaft der Gemeinde, sondern auch den Kontakt zu Kindern und Enkeln.

Werdohl -  Mit dem Beginn des Zuckerfestes am Sonntag endete auch für die Muslime in Werdohl die Fastenzeit Ramadan. Für gewöhnlich treffen sich in diesen Wochen allabendlich bis zu 400 Gläubige an der Ditib-Moschee an der Freiheitstraße in Zelten und essen gemeinsam zu Abend und plauschen miteinander. „Die Gemeinschaft, diese für den Alltag motivierende Harmonie fehlt jetzt“, bedauert Fahrettin Alptekin.

Eigentlich sei es in gläubigen türkischen Familien Tradition, Familie, Freunde und Bekannte zum Essen einzuladen. „Aber in diesem Jahr können wir ja nicht einmal unsere eigenen Kinder sehen“, sagt Alptekin seufzend.

Der Vorsitzende des Moscheevereins der Werdohler Ditib-Gemeinde hat es dabei besonders schwer, vermisst er doch ganz besonders seinen jüngsten Enkel. Alptekin lebt mit seiner Frau Hatice und der erst sechsjährigen Tochter Elwa-Hartun in einer Hausgemeinschaft. Die drei größeren Kinder und die beiden Enkel leben nicht mehr zuhause. „Der eine Enkel ist vier, schon fast fünf Jahre alt. Aber Mikail ist erst sechs Monate“, verrät der 50-Jährige. „Er beginnt jetzt, nach Dingen zu greifen – und der Opa bekommt das alles nicht mit“, fügt er traurig hinzu. Der kleine Mikail lebt mit seinen Eltern in Duisburg.

Wie Erwachen aus einem Traum

Dann überlegt Alptekin einen Augenblick und setzt zu einem Erklärungsversuch an: „Das Gefühl ist eigentlich nicht zu beschreiben. Ich komme mir vor, als wäre ich aus einem Traum aufgewacht, als hätte ich etwas Schönes gesehen, käme aber nicht heran.“

Momentan bleiben dem Gebäudereinigermeister nur die Fotos seiner Liebsten auf dem Smartphone. „Wir haben in dieser Zeit die sozialen Medien für uns entdeckt“, gibt er einen Einblick in sein Familienleben der zurückliegenden Wochen. Sogleich schränkt er jedoch ein: „Ein Videochat ist kein Ersatz. Gut, man sieht sich wenigstens einmal. Aber die Umarmung fehlt trotzdem.“

Dann tippt er ein wenig auf dem Display des Telefons herum und zeigt stolz ein Bild seiner Mutter. „Sie ist 80 Jahre alt und lebt mit meinem Vater in der Türkei. Er ist schon älter als 80.“ Derzeit könne er seine Eltern nicht besuchen. Alptekin hoffe inständig, dass sich das bald ändert. „Wer weiß, wie oft ich sie überhaupt noch sehen kann?“, sinniert er.

Video vom Gebet im Stadion Riesei:

Dann erhebt er die Stimme und spricht aus, was in diesen Tagen vermutlich viele Menschen denken: „Dieses Virus soll aus Deutschland weg.“ Einen Augenblick später ergänzt der Ditib-Landesvorsitzende der Region Essen: „Doch man muss dankbar sein, dass wir den Umgang mit Corona in Deutschland so gut hingekriegt haben.“

Austausch mit anderen fehlt

Fahrettin Alptekin saß in den vergangenen Wochen mit seiner Gattin Hatice und Tochter Elwa-Hatun am Tisch. „Das waren normale Abendessen“, sagt der Familienvater. Geknickt erläutert er: „Man merkte gar nicht, dass gerade Fastenzeit ist.“ Die Gebete mit den anderen Gemeindemitgliedern gingen ihm ab, verdeutlicht er, was das für ihn emotional bedeute. „Der Austausch fehlt einfach. Gut, wir sprechen am Telefon miteinander, aber das ist so trocken“, ringt er um Worte.

Dann fällt ihm ein für ihn passender Vergleich ein: „Als Kind habe ich mich immer auf eine einsame Insel gewünscht. Jetzt bin ich auf einer und stelle fest, dass das gar nicht so toll ist – so einsam.“

Kurzes Gebet im Stadion

Am Sonntag gab es einen ersten Schritt auf dem Weg heraus aus dieser Isolation. Die Stadtverwaltung hatte genehmigt, dass die Ditib-Gemeinde das Zuckerfest zum Ende des Fastenmonats Ramadan im Stadion Riesei feiert. Eine Zusammenkunft für eine halbe Stunde. Immerhin. Und: „Sonst kommen zum Zuckerfest 350 Menschen in die Moschee, doch jetzt werden es vielleicht nur 250 sein“, vermutete Alptekin vorab.

Kranke und Kinder seien vorab gebeten worden, zuhause zu bleiben. Ordner sorgten im Stadionrund dafür, dass die anderen die gebotenen Abstände einhielten. Eine halbe Stunde bloß dauerte diese Zusammenkunft. „Alle bringen ihren eigenen Gebetsteppich mit. Und nur der Vorbeter wird ohne Maske sein. Danach gehen alle wieder getrennt ihrer Wege.“

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