Er hat aufgehört, die Unfälle zu zählen

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Hans-Jürgen Dittmann wohnt in einer unfallträchtigen Kurve. ▪

NEUENRADE/WERDOHL ▪ Wie viele Unfälle es bislang waren, das weiß er bei bestem Willen nicht. „Wir zählen sie nicht mehr“, sagt Hans-Jürgen Dittmann. Der wohnt sozusagen im Niemandsland zwischen Werdohl und Neuenrade – direkt in einer Haarnadelkurve und direkt hinter der Leitplanke. Und in der landet häufig ein Auto oder Motorrad.

Erst vor 14 Tagen ist jemand mit seinem Wagen wieder in die Leitplanken am Herbscheid gerauscht und hat die gerade erst nach einem Unfall neu angebrachten Planken zu einem Flitzebogen gestaucht. Doch es ist dabei nicht immer der spektakuläre Unfall: Häufig wird die Leitplanke nur leicht touchiert oder die Fahrer rauschen geradeaus den Waldweg hinauf.

Das kommt recht häufig vor, da zuckt Hans-Jürgen Dittmann nicht mal mehr. Und früher, da war es sogar noch schlimmer. Doch es sei weniger geworden, nachdem sich ein Verkehrspsychologe der Sache angenommen habe und die Beschilderung verbessert wurde. Dennoch kracht es häufig genug. Und Dittmann wirkt ein wenig resigniert, wenn er erzählt, dass die Unfallursache wohl immer dieselbe sei. Ein Überholverbot würde die Zahl der Unfälle sicher drastisch reduzieren. Unfallursache sei meistens zu schnelles Fahren: Denn, bevor die Haarnadelkurve beginnt, gibt es eine lange Gerade, die die Autofahrer dazu verführt, langsam den Berg hinaufschnaufende Lastwagen zu überholen. „Dazu muss man den Gashebel ganz durchdrücken und auf 90 bis 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen, damit man vor der Kurve noch überholen kann“. Und rechtzeitig vor der Kurve eine entsprechend langsame Geschwindigkeit zu erreichen, das gelingt eben nicht vielen Autofahrern. „Die landen auf der Gegenfahrbahn, retten sich in den gegenüber liegenden Waldweg oder krachen eben in die Leitplanke“, erläutert Dittmann.

Autos, die in der Leitplanke landen sind meist Totalschaden. Beim jüngsten Fall wurde der Motorblock verschoben, ein Vorderrad war abgebrochen. Und wenn der Abschleppwagen die Autos aus der demolierten Leitplanke zerre, dann blieben schon mal die Vorderreifen liegen, erläutert Dittmanns Sohn Oliver. Wie hoch die Sachschäden an den Autos in all den Jahren bis jetzt waren – das wissen die Dittmann natürlich auch nicht. Die Dittmanns, welche seit 18 Jahren in der Kurve wohnen, sind jedenfalls froh, dass es bei all den schweren Unfällen fast immer bei Blechschäden blieb. Gottlob habe es bislang keine Toten oder Schwerverletzten gegeben. Doch ein wenig Sorgen bereitet ihnen, dass die Leitplanke immer noch nicht repariert ist. „Der nächste, der davor rauscht, der hat keinen Schutz“. Auch dass die Laternen nachts ausgeschaltet sind, sei nicht toll.

Beim Landesbetrieb Straßen NRW hat man von dieser Kurve durchaus schon gehört, und gefühlt sei es sicher ein Unfallschwerpunkt: Zwei schwere Unfälle habe es in diesem Jahr gegeben, vier weitere, kleinere Unfälle, seit 2009. „Das ist das, was uns gemeldet wurde“, sagte Sprecher Overmeyer. Gut bekannt ist die Herbscheider Kurve natürlich bei der Polizei. Ein altgedienter Polizist, Andreas Weitz, sagte auf Nachfrage, dass es in der Herbscheider Kurve „jedes Vierteljahr kracht – von unten und von oben“. ▪ Peter von der Beck

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