Nackt Brötchen gekauft: Verfahren eingestellt

Symbolfoto.

NEUENRADE ▪ Alltägliches wurde gestern im Amtsgericht Altena verhandelt: Ein 47-jähriger Mann aus Hemer ging am 29. November und am 11. Dezember in Neuenrade Brötchen kaufen. Am 11. Dezember tauchte er zudem in einem Drogeriemarkt in Balve auf, um Enthaarungsmittel zu kaufen. Das allein bringt keinen Staatsanwalt auf den Plan. Anders sieht es hingegen aus, wenn der Kunde bei diesen Gelegenheiten auftritt, so wie Gott ihn schuf – splitterfasernackt.

So lautete die Anklage auf „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ – verschreckte Drogerie- und Bäckereifachverkäuferinnen hatten Anzeige erstattet. Sie fühlten sich verletzt und nahmen Anstoß an dem Adamskostüm. „Die Tatbestände gebe ich zu“, sagte der Angeklagte und verteidigte sich im Stil eines Rechtsanwalts: „Eine Bestrafung nach § 183 kommt nicht in Betracht.“ Das zielte auf zwei Strafandrohungen des Strafgesetzbuches: „Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft“, heißt es in Paragraph 183. Und § 183a betrifft die Erregung öffentlichen Ärgernisses: „Wer öffentlich sexuelle Handlungen vornimmt und dadurch absichtlich oder wissentlich ein Ärgernis erregt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Sexuelle Handlungen habe er nicht vorgenommen, argumentierte der Angeklagte. Er sei schlicht und einfach nackt gewesen, weil er sich auf dem Weg ins Saunadorf in Lüdenscheid befunden habe. Der Staatsanwalt wunderte sich: „Dass es so heiß war, dass Sie es bekleidet nicht mehr ausgehalten haben – davon kann im November/Dezember keine Rede sein.“ Selbst wenn man hinterher noch in die Sauna wolle, sei es doch eher ungewöhnlich, sich so früh am Morgen (5.30 Uhr) auszuziehen.

Richter Dirk Reckschmidt gab sich ratlos: „Erklären Sie es uns – ich habe es immer noch nicht verstanden.“ Und der Angeklagte gab sich ebenfalls ratlos: „Das kann man nicht erklären, und ich beabsichtige deshalb eine psychiatrische Betreuung zu suchen.“ In seiner Entscheidung würdigte der Richter diesen Versuch des 47-Jährigen, seine „Ausflüge therapeutisch zu begrenzen“. Da auch Kinder Zeuge des Geschehens wurden, wandele der Angeklagte allerdings auf einem „ganz schmalen Grat“. Gegen die Zahlung von 500 Euro Geldbuße wird das Verfahren endgültig eingestellt. Das akzeptierte der einschlägig vorbestrafte Angeklagte. „Wenn nicht gezahlt wird, gibt es das volle Programm mit allen Zeugen“, versprach der Richter. ▪ Von Thomas Krumm

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