1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Neuenrade

Heimische Unternehmer kritisieren Bundespolitiker bei Besuch im MK

Erstellt:

Von: Peter von der Beck

Kommentare

Jens Spahn, Paul Ziemiak und der designierte Klinke-Nachfolger Julius Klinke (von links) hören hier Klinke-Geschäftsführer Alexander Klinke zu. Im Hintergrund prangt das legendäre Plakat „Bock auf Weltmarktführer“.
Jens Spahn, Paul Ziemiak und der designierte Klinke-Nachfolger Julius Klinke (von links) hören hier Klinke-Geschäftsführer Alexander Klinke zu. Im Hintergrund prangt das legendäre Plakat „Bock auf Weltmarktführer“. © von der Beck

Politiker Jens Spahn, Paul Ziemiak und Matthias Eggers haben die Firma Julius Klinke in Neuenrade besucht. Dabei mussten sie auch einige fachliche Kritik einstecken.

Neuenrade – Noch vor etwas mehr als einem Jahr waren sie nicht unwichtige Mitglieder der großen Koalition, nun sind sie immerhin noch führende Oppositionspolitiker: Jens Spahn ist noch stellvertretender Fraktionschef, Paul Ziemiak, einst CDU-Generalsekretär auf Bundesebene, ist nun Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Parlamentarier-Gruppe und auch NRW-Generalsekretär.

Sie besuchten mit ihrer Entourage genauso wie das CDU-Landtagsmitglied Matthias Eggers und viele lokale CDU-Mitglieder um Bürgermeister Antonius Wiesemann die Firma Julius Klinke.

Ziemiak hatte Spahn zum Besuch des Märkischen Kreises eingeladen. Eine Station dabei war Klinke. Geschäftsführer Alexander Klinke hatte die Sache gut vorbereiten lassen. Der Senior-Chef und einstige lokale CDU-Fraktionschef präsentierte ein paar Daten und Fakten zur Dreherei Klinke, verwies auf das Firmenalter von 176 Jahren, die 230 Mitarbeiter und die Kundenstruktur (von Automobil bis Armaturen- oder Rüstungsindustrie).

Er vergas nicht zu erwähnen, dass Klinke Weltmarktführer bei Klavierbestandteilen ist und dass das Unternehmen „für alle Arbeit bietet und auch viele Ungelernte beschäftigt“. Die Firma verzichte auf Gas und könne umweltbewusst mit Geothermie und Co. einen großen Teil des eigenen Energiebedarfs decken.

Beim Rundgang mit der großen Truppe präsentierte Klinke den Maschinenpark, der von jahrzehntealten, immer noch top laufenden Maschinen bis hin zu mehrspindeligen, computergesteuerten Arbeitsstationen reicht, die gar selbstständig Material bestellen. Klinke verwies während der Führung immer wieder auf die Bedeutung der Fachkräfte.

Dabei machte er auch Station bei Leonardo De Luca, der inzwischen 53 Jahre bei Julius Klinke arbeitet. Die Teilnehmer der Betriebsführung erfuhren, dass jeder Handgriff Geld kostet, dass Roboter Zeit sparen, die Mitarbeiter ständig tüfteln und verbessern, dass demnächst auch wieder in Maschinen investiert werden soll.

Jens Spahn und Leonardo De Luca im Gespräch.
Jens Spahn und Leonardo De Luca im Gespräch. © von der Beck, Peter

Zum Abschluss gab es noch eine gemeinsame Runde mit allen Beteiligten. Ziemiak verwies auf ähnlich industrielle Strukturen in Münster- und im Sauerland: „Hier wird der Wohlstand erarbeitet.“

Alexander Klinke sagte, dass er nicht jammern wolle. Die Energie- und Materialpreise könne er an die Kundschaft weitergeben – der Strompreis habe sich verdoppelt. Mit den aktuellen Steuern für die Industrie könne er gut leben, was Privatsteuern anbelangt, da habe er eine andere Meinung.

Vor allem den beiden Bundespolitikern, der aktuellen Regierung, aber auch dem Landespolitiker gab er einiges an Kritik mit auf den Weg. Themen waren Subventionierung mit der Gießkanne durch Land und Bund. Dass er 300 Euro Energiegeld bekommen habe, findet Klinke nicht angebracht. Dass er für Lehrlinge, die er in der Lehrwerkstatt im eigenen Interesse ausbilden lasse, noch Landesmittel bekomme, sei absurd. Das Lieferkettengesetz „nerve total“.

Er wisse nicht, ob das Kupfer menschenwürdig abgebaut werde, wenn er Messing kaufe. Auf der anderen Seite sei da die Doppelmoral der Regierenden, „die Geschäfte mit allen Diktatoren machen“. Ärgernis Zeitverträge: Die öffentliche Hand könne einen Zeitvertrag nach dem anderen abschließen, alle anderen Arbeitgeber nicht. Oder die Rentenpolitik: SPD-Minister Hubertus Heil appelliere an Arbeitgeber ältere Leute einzustellen – auf der anderem Seite nähme man sie den Unternehmen weg, spielte Klinke auf die Rente mit 63 Jahren an.

Klinke nannte die Probleme der Migrationspolitik, die „eine große Koalition von links bis zur CDU totschweige“. Auch im Hinblick auf die Silvesterkrawalle sagte Klinke: „Wenn wir das Problem nicht in den Griff kriegen, dann Gute Nacht.“ Auch die Medien bekamen ihr Fett weg: Öffentlich-rechtliche Sender, die Nachrichten wegließen oder die Lokalzeitung, bei der realitätsferne Kommentare geschrieben würden.

Ex-Minister Spahn gab zwei große Fehler „seiner“ Regierung zu: Den Ausstieg aus der Kernerenergie (Energiepreise und CO2-Ausstoß) und die Rente mit 63, welche dem Arbeitsmarkt Millionen Fachkräfte entzogen habe. Ziemiak und Spahn hatten noch wirtschaftsfördernde Entbürokratisierungsmaßnahmen in petto: Die Methode zum Bau des LNG-Terminals auf alle anderen Projekte, wie Neubau der A45-Brücke, zu übertragen.

In Sachen Migrationspolitik verwies Spahn auf das alte CDU-Konzept mit Sicherung der EU-Außengrenzen, Eindämmung von Pull-Faktoren, Benennung sicherer Herkunftsländer bis hin zum Drehen an Sozialleistungen.

Paul Ziemiak sagte zu dem Thema Silvester-Gewalt noch etwas Differenzierteres. Er glaube da nicht an kulturelle Hintergründe, sondern es gebe da ein Gewaltproblem bei Jugendlichen. Er verwies dabei auf Lützerath, wo es ja ebenfalls nicht friedlich zugehe.

Auch lokale Themen gab es: Gemeinsam mit Matthias Eggers verwies Bürgermeister Wiesemann auf die Finanzierungsschwierigkeiten in Sachen OGS und forderte ohnehin mehr Selbstständigkeit für Kommunen.

Auch interessant

Kommentare