1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Neuenrade

Psychologin aus dem MK berichtet: Viele transgender Personen suchen Hilfe

Erstellt:

Von: Carla Witt

Kommentare

Dr. Rafaela Wingen berichtet, dass sich viele Jugendliche fremd in ihrem eigenen Körper fühlen.
Dr. Rafaela Wingen ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. © Carla Witt

Ärzte und Psychologen registrieren immer mehr Fälle von Kindern und Jugendlichen, die sich fremd in ihrem Körper fühlen und ihr Geburtsgeschlecht ändern wollen. Das merkt auch die heimische Jugendpsychologin Dr. Rafaela Wingen.

Neuenrade – Ärzte und Psychologen registrieren immer mehr Fälle von Kindern und Jugendlichen, die sich fremd in ihrem Körper fühlen und ihr Geburtsgeschlecht ändern wollen. Das berichten Mediziner weltweit. Auch in der Praxis der Neuenrader Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Rafaela Wingen häufen sich die Fälle der jungen Menschen, die sich diesbezüglich Hilfe wünschen. SV-Redakteurin Carla Witt sprach mit Dr. Wingen über ihre Eindrücke.

Frau Dr. Wingen, was bewegt diese jungen Menschen dazu, sich ihnen anzuvertrauen?

In der letzten Zeit entwickeln immer mehr Jugendliche ein Identitätserleben, das nicht im Einklang mit ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen steht. Diese sogenannte Geschlechtsinkongruenz wird nicht als psychische Krankheit betrachtet. Das Leiden unter der fehlenden Übereinstimmung zwischen Körper und Psyche wird allerdings als sehr belastend erlebt und als krankheitswertige Störung – Geschlechtsdysphorie – aufgefasst. Diese Gruppe der Transgender suchen ein gewisses Maß an Öffentlichkeit, um ihr Ausmaß an Geschlechtsinkongruenz zu erleben. Nicht alle streben aber körpermedizinische Maßnahmen im Zuge eines Geschlechtsrollenwechsels an.

Haben die meisten Jugendlichen schon ihr Coming-out hinter sich, wenn sie zu Ihnen kommen?

Die häufigste Ausgangssituation im Erstgespräch ist, dass die Patienten in der Schule und privat in einer eher androgynen [Anmerkung der Redaktion: die Person weist sowohl männliche als auch weibliche Merkmale auf] Rolle leben ohne über die Probleme aufgrund der gefühlten Geschlechtsinkongruenz gesprochen zu haben. Innerhalb des sozialen Umfeldes wird allerdings oftmals schon vermutet, dass die Person sich in ihrer Geschlechtsrolle beziehungsweise in ihrem Körper nicht wohlfühlt.

Wie geht es den betroffenen jungen Menschen in dieser Situation?

Die Jugendlichen selber haben depressive Symptome und leiden unter der Disbalance zwischen Körper und Seele.

Aber einige ihrer Patienten sind auf ihrem Weg schon ein Stück weiter?

Ja, es gibt auch Patienten, die zum Erstgespräch erscheinen und bereits in sämtlichen Bereichen in einer Geschlechtsrolle leben, die von der ursprünglich zugewiesenen abweicht. Sie haben sich bereits ihrem Umfeld gegenüber offenbart und lassen sich mit einem Namen ansprechen, der mit ihrem Geschlechtserleben übereinstimmt.

Welche Rolle kommt Ihnen in einem solchen Fall zu?

Hier liegt die therapeutische Arbeit eher im Erreichen eines adäquaten Umgangs mit den Reaktionen des Umfeldes. Aufgabe der Psychotherapie ist es nun, die Geschlechtsdysphorie deutlich und nachhaltig zu reduzieren und gemeinsam mit dem Patienten zu erarbeiten, welche Maßnahmen zur Veränderung körperlicher Geschlechtsmerkmale gewünscht werden.

Was kann passieren, wenn ein solches Identitätserleben, das nicht im Einklang mit ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen steht, unterdrückt wird?

Der Leidensdruck einer unbehandelten Geschlechtsdysphorie kann sehr groß werden. Nicht selten kommt es in der Folge zu Selbstverletzung, Suizidversuchen, oder auch der Flucht in süchtiges Verhalten. Zudem kann es zu traumatischen Erfahrungen kommen, wenn die Eltern beispielsweise ihrem Kind das Crossdressing [Anmerkung der Redaktion: Das Tragen von Kleidung, die nicht der angeborenen Geschlechterrolle entspricht], austreiben möchten.

Steht am Ende eine Behandlung immer die Annahme des jeweils anderen Geschlechts?

Es gibt jugendliche Patienten, die an verschiedenen Formen geschlechtlichen Unbehagens unterschiedlicher Intensität leiden. Dies kann ausschließlich in einer ambulanten Psychotherapie oftmals gut bearbeitet werden. Demgegenüber stehen die geschlechtsdysphorischen Jugendlichen, die gesamtheitlich unter einem sehr starken Leidensdruck stehen und die sich zutreffenderweise als transsexuell bezeichnen und somit somatisch [Anmerkung der Redaktion: den Körper betreffend] behandlungsbedürftig sind. Ihre psychosexuelle Entwicklung und somit die Persönlichkeitsentwicklung wäre ohne eine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung schwer beeinträchtigt.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien für Jugendliche, die sich Ihnen mit Problemen in diesem Bereich anvertrauen?

Das virtuelle Coming-out in den sozialen Medien stellt für viele Jugendliche eine wichtige Vorstufe für die reale Alltagserprobung dar. Hier gibt es für die Jugendlichen positive, wie auch negative Erfahrungen, wie Cyber-Mobbing.

Gibt es, wie von manchen Kritikern befürchtet, einen „Transgender-Hype“? Orientieren sich manche Jugendlichen eventuell an prominenten Transpersonen?

Die Orientierung an den Medien ist sicherlich da. Personen wie Tommy Dorfmann, Pari Roehi und Caitlyn Jenner stehen in der Öffentlichkeit und machen dadurch auf das Thema vermehrt aufmerksam. Transgeschlechtliche Personen kämpfen seit Jahrzehnten auf Pride-Paraden um ihre Rechte. Das Thema ist alter Wein in neuen Schläuchen und gesamtgesellschaftlich gesehen so relevant und anerkannt, wie noch nie. Die Solidarität in den jeweiligen Communities ist sehr groß. Das suchen Jugendliche häufig.

Wie sieht es mit der Aufklärung in den Schulen aus. Muss hier mehr auf das Thema Transsexualität eingegangen werden?

„Schlau NRW“ [Anmerkung der Redaktion: Organisation des Queeren-Netzwerks NRW, die Bildungs- und Antidiskriminierungsprojekte zur geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen durchführt] besucht mit Workshops Schulen und arbeitet an einer trans inklusiven Schülerstruktur. Lehrer und Lehrerinnen sowie Schulsozialarbeiter und Schulsozialarbeiterinnen sind oft hilflos, wie sie mit dem Thema umgehen sollen. Fragen wie: Ist es Urkundenfälschung, wenn das Zeugnis nicht auf den amtlich erfassten Namen der Person ausgestellt wird? Wie teilt man Jungen- und Mädchenzimmer im Rahmen von Klassenfahrten auf? Was ist mit der Nutzung von Umkleidekabine beim Sportunterricht? Für viele trans Jugendliche ist das Coming-out in der Schule ein wichtiger Schritt. Dort verbringen sie viel Zeit und haben den Großteil der sozialen Kontakte. Hier ist es wichtig, dass eine Lehrkraft oder ein Schulsozialarbeiter das Coming-out adäquat begleitet und den Schulalltag danach im Auge behält.

Wie weit ist unsere sonst so aufgeklärte Gesellschaft beim Thema Transsexualität?

Mitte diesen Jahres gab es eine Änderung im Deutschen Transsexuellengesetz (TSG). Volljährige Personen können ohne weitere Nachweise und ohne das vormals geforderte teure Gutachterverfahren eine Personenstands- und Vornamensänderung vornehmen. Zudem gibt es einen sogenannten Ergänzungsausweis für Transgender-Personen, der durch die deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti e.V.) ausgestellt wird. Der Ausweis ist eine Ergänzung zu den amtlichen Ausweispapieren. Weitere Informationen dazu gibt es unter www.dgti.org

Informationen

Anlauf und Beratungsstellen sowie Selbsthilfegruppen zum Thema Transsexualität sind im Internet zu finden: www.ngvt.nrw. Queere Jugendtreffs finden Interessierte unter www.queere-jugend-nrw.de

Auch interessant

Kommentare