Mit 76 Jahren endlich in Rente

Hausarzt im MK schließt nach Jahrzehnten Praxis, doch einen Nachfolger gibt es nicht

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Dr. Hussein Saleh: Eine Neuenrader Institution verabschiedet sich in den Ruhestand.

Das Wartezimmer an der Bahnhofstraße ist so voll, wie es in Zeiten von Corona erlaubt ist, alle paar Minuten kommt auch jemand zur Tür hinein und in der Arztpraxis Saleh haben die beiden medizinischen Fachangestellten gut zu tun – noch.

Neuenrade - Denn ihr Arbeitgeber, Dr. med. Abdul Hussein Saleh, hört auf. Am 25. September wird die Praxis geschlossen. In Neuenrade geht damit eine Ära zu Ende. „40 Jahre war ich Hausarzt. Die Rente habe ich mir verdient,“ sagt der 76-Jährige. 

Warum er gerade jetzt geht, vermag er nicht so recht zu sagen. Aber er deutet an, dass es da wohl familiäre Ansprüche gibt: „Man hat mich unter Druck gesetzt.“ Zudem habe er eine Mitarbeiterin noch bis zum Erreichen ihrer Rente begleiten wollen. 

Saleh: "Keiner wollte nach Neuenrade"

Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gibt es nicht. „Keiner wollte nach Neuenrade. Aber ich habe auch keine aktive Unterstützung von der Kassenärztlichen Vereinigung bekommen. Man hat mir zwar Adressen gegeben, aber keiner war interessiert.“ Eine Erklärung für die Unlust der Ärzte in einer Kleinstadt zu arbeiten, hat auch Dr. Saleh nicht unbedingt. Denn für ihn ist die Arbeit als Hausarzt hier attraktiv. 

Früher sei es üblich gewesen einen Quartalsumsatz als Abstand für die Übernahme einer Praxis zu nehmen. Er sei gar bereit, die Praxis kostenlos zu übergeben. „Vielleicht meldet sich ja jemand“, sagt er. Die Ärzte zöge es vor allen Dingen in die größeren Städte. „Die bilden sich ein, dass sie dort mehr Geld verdienen.“ Zumindest habe das ein Interessent anklingen lassen. Dass sich die Hausarztsituation in Neuenrade durch die Praxisschließung nicht verbessert, ist ihm bewusst. „Die Ärzte sind überlastet.“ 

MVZ: Saleh witterte Parteipolitik

Die Sache mit der Gründung des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) hat er verfolgt und er verweist darauf, dass seine Praxis ebenerdig liege und sich auch als MVZ gut geeignet hätte. Nachgefragt habe man jedoch nicht und er habe umgekehrt die Praxis auch nicht angeboten. Zudem habe man seitens der Stadt gewusst, dass er aufhören werde. Saleh wittert Parteipolitik. 

Was er nun während seiner Pension machen wird, weiß er noch nicht so recht. „Meine Frau hat gesagt, ich soll die Küche übernehmen, weil ich früher gerne gekocht habe.“ Und die Gartenarbeit sei ja auch noch da. Aber er will sich überraschen lassen. 

Ein schönes Patienten-Kompliment

Ein schönes Kompliment kommt von einem seiner Patienten über sein Wirken als Arzt: „Er war ein Mensch, zu dem man Vertrauen hatte und gerne hinging“, sagt Klaus Dieter Kempf. Dr. Saleh habe für ihn stets ein offenes Ohr gehabt, habe sich voll eingesetzt bei Aufklärung und Hilfe. Und er habe ihm immer Mut gemacht. 

Mit dem Ende der Praxis Saleh wird sich die Situation in Sachen Hausärzte in der Hönnestadt noch verschlimmern. Das neue Medizinische Versorgungszentrum hat dabei die Situation in Neuenrade noch gerettet. Nicht von ungefähr sagte Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) jüngst: „Wenn wir ehrlich sind, sind wir jetzt auf dem Stand von 2018.“ 

Neuenrade ist unterversorgt

Neuenrade gehört bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe zu den Sorgenkindern. Klar ist demnach, dass gemäß den Zahlen der KV aus Mai der Bereich Werdohl/Neuenrade unterversorgt ist. „Der Versorgungsgrad beträgt im Moment 87,9 Prozent“, hieß es auf Anfrage. Die Kassenärztliche Vereinigung weist auch auf die Altersstruktur der Ärzte hin. In Werdohl/Neuenrade seien derzeit etwa 75 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre. Zum Vergleich: In Westfalen-Lippe insgesamt seien nur 38 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre. Viele dieser Ärzte dürften in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. 

Eine konkrete Altersgrenze für Ärzte gibt es aber nicht mehr, sodass sich die Entwicklung nicht genau abschätzen lässt. Neuenrade gehört jedenfalls zum Fördergebiet der KV. Zudem werden potenzielle Hausärzte angesprochen und beraten.

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