Auf goldenem Boden, aber der Nachwuchs fehlt

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Der fehlende Fachkräfte-Nachwuchs ist für Christian Paul Ursache für die aktuelle Situation.

Neuenrade - Des einen Freud ist des anderen Leid. Handwerker können sich seit längerem schon vor Aufträgen kaum retten. Auftraggeber hingegen rutschen mittlerweile schon in die Rolle des Bittstellers.

Die Bauverwaltung der Stadt Neuenrade bekommt die Auswirkungen aber – noch – nicht so zu spüren. „Wir kriegen noch Angebote“, sagt Marcus Henninger. Und wenn denn Not am Mann sei, dann habe die Bauverwaltung so gute Kontakte zur heimischen Handwerkerschaft, dass die im Notfall der Verwaltung auch helfen. Da bleibe nichts liegen. Auch würden Projekte derzeit noch nicht wesentlich verzögert.

Problematisch werde es nur bei großen Ausschreibungen. „Wir hatten bisher Glück.“ Gleichwohl fragt sich der Bauamtsleiter auch, wenn es nur noch wenige Angebote aufgrund der Konjunktur gebe, „ob das denn noch Wettbewerb ist“. Warum es – nicht nur aktuell – schon seit längerer Zeit einen Handwerkermangel gibt, können Handwerker leicht erklären: Der Fachkräfte-Nachwuchs fehlt.

Das ist für Christian Paul ganz klar. Warum die jungen Leute nicht zum Handwerk streben, kann er sich so richtig auch nicht erklären. Löhne, Elternhaus, schulische Laufbahn, Konkurrenz durch die Industrie. Es sei ein ganzes Ursachengeflecht. „Da müsste man die jungen Leute fragen“.

Die jungen Leute: Die haben gerade Pause an der Gemeinschaftsschule in Neuenrade. Und bei den Siebtklässlern können sich zumindest einige Jungen durchaus vorstellen, im Handwerk zu arbeiten, die Mädchen in der Runde jedoch gar nicht. Sie haben eher Büroarbeit im Visier. Ganz anders sieht es schon bei den Achtklässlern aus. Deren berufliche Vorstellungen sind schon ausgereifter. Jakob hat sogar einen Traumberuf. Er will Bäcker werden. Leon hingegen hat andere Ziele, die in Richtung Abitur gehen. Auch nennt er finanzielle Gründe: „Handwerk, da verdient man zu wenig – ich habe einen Handwerker gefragt“. Marcel und Ylli sind noch eher unsicher in ihrer Berufswahl. Klar ist für sie. Einen höheren Schulabschluss machen, dann könne man später im Job viel mehr verdienen.

Fatih Murat, ausgelernter Industriemechaniker und schon lange im Beruf, sieht ein Imageproblem der handwerklichen Berufe, in die er seinen Job mit einschließt. Dabei verdiene man „gar nicht schlecht“. Aber das sei sicher nicht vergleichbar mit dem Verdienst nach einem Studium, da könne er die jungen Leute verstehen, die weiterkommen wollten. Zudem gebe es noch einen anderen Aspekt – die körperliche Arbeit sei vor allem im klassischen Handwerk sicher nicht zu unterschätzen.

Ein Imageproblem für das Handwerk macht auch Klaus Filter aus. Filter ist Chef des großen Handwerksunternehmens Elektro-Filter in Neuenrade. Den Fehler sieht er dabei durchaus bei der Politik. Viele Jahre lang hätte man die akademische Bildung als allein selig machenden Ausbildungsgang propagiert. Das handwerklich-praktische habe man vernachlässigt. Es sei ja gut, wenn es Leute gebe, welche Projekte und Pläne hätten, doch es sei genauso wichtig, das alles praktisch umsetzten. Er sei sehr dafür, dass das Praktische einen höheren Stellenwert erlangen müsse. Handwerk habe natürlich noch goldenen Boden. Filter: „Wer eine handwerkliche Ausbildung absolviert hat, dessen beruflichen Aussichten sind für die nächsten 20 Jahre prima“. Zudem sei Handwerk keine Einbahnstraße. Die Weiterbildungsmöglichkeiten, inklusive Studium, seien top und auch die finanziellen Möglichkeiten würden besser.

Das Image des Handwerks zu verbessern, gehe jedoch nicht von heute auf morgen. Klaus Filter hilft dabei mit: In Kürze wirbt er nicht nur für sein Handwerk an der Neuenrader Gemeinschaftsschule.

Von Peter von der Beck

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