Die Grundschule und die veränderte Gesellschaft

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Kathrin Rötter-Jung. ▪

NEUENRADE ▪ Es werden immer mehr: Kinder, die im Klassenraum buchstäblich über Tische und Bänke gehen, sind keine Seltenheit mehr. Und auch die Lehrer der Burgschule müssen immer mehr Erziehungsarbeit leisten. Und freuen sich, dass sie Kathrin Rötter-Jung an ihrer Seite haben. Sie bringt Entlastung, ist nun ganztags vor Ort und kann helfen, problematischen Kindern eine Perspektive zu erhalten oder gar erst zu geben. Denn viel läuft bei manchen Kindern zuhause falsch. Es gibt soziale und manchmal auch gesundheitliche Defizite.

Jüngst präsentierte die Schulsozialarbeiterin eine Bilanz ihrer Arbeit. Dazu kam nicht nur Schulleiterin Christa Sacher, sondern auch das Ehepaar Echterhage. Jürgen Echterhage und Ruth OrthausEchterhage engagieren sich seit längerem für die Grundschule, finanziert nun gar die ganze Stelle von Kathrin Rötter Jung für fünf Jahre haben sie zugesagt. Es kommt eine gehörige Summe zusammen.

Rötter-Jung schilderte global die gesellschaftlichen Veränderungen. In vielen Familie und in der Folge auch an den Schulen haben sich die Rahmendaten geändert: von der Globalisiserung des Lebens ist die Rede, die Familien sind anders geworden: Patchwork, Alleinerziehende, beide Eltern berufstätig. Das Umfeld für Kinder ist nicht mehr mit den Gegebenheiten von vor 20 Jahre vergleichbar. Es gibt massiv steigenden Medienkonsum. Es gibt in einigen Familien eine ständige Berieselung, nicht mal beim Essen bleibt das Fernsehen aus. Und auch bei Freizeitverhalten sei vieles anders geworden. Und es gibt extreme Auswirkungen. Schulleiterin Christa Sacher gibt ein Beispiel. Demnach gibt es Schüler, die Computerspiele für Erwachsene spielen und das nicht reflektieren. „Die gehen mit der Schere in der Hand auf andere Kinder auf dem Schulhof los“. Sicher ein Extrembeispiel.

Wie dem auch sei: Es gibt Folgen für einige Kinder: Wer nur vorm Fernseher sitzt wird dicker, aggressiver. Kinder haben Konzentrationsstörungen, Wahrnehmungsstörung, motorische Probleme, können Stifte nicht korrekt halten. Schüler haben Probleme mit der Fremdwahrnehmung. Hier setze dann die Schulsozialarbeit an, erläuterte Rötter-Jung. Schüler bräuchten verstärkt Auszeit, Zeit für Ruhe, das sei wichtig.

Wieviele Schüler nun Unterstützung an der Burgschule benötigen, das konnten oder mochten Sacher und Rötter-Jung nicht beziffern.

„In jeder Klasse gibt es eine Hand voll Kinder, mit denen der Umgang besonders schwierig ist“, sagte Sacher.

Ein ganzes Instrumentarium hat sie parat und geschaffen. Für die unruhigen Kinder gibt es den Auszeitraum, es natürlich Elterngespräche. Sie hat für eine gut Vernetztung mit allen nötigen Institutionen gesorgt. Neu im Programm ist auch eine intensive Hausaufgabenbetreuung – auch für jene Kinder, die ein entsprechendes Potenzial haben. Unter dem Strich hat die Schulsozialarbeiterin auch ein konkretes Ziel: Den Kindern ein Instrumentarium mitzugeben. Am Ende sollen jene Kinder konfliktfähig sein, mehr soziale Kompetenz haben und ihre Selbstständigkeit soll optimiert sein. Rötter-Jung sieht Resultate und betont: „Es sind die vielen kleinen Erfolge“. Die motivierten und machten Mut, wenn Kinder dann auf ihrem Lebensweg bessere Chancen hätten. Das scheint auch im Sinne von Unternehmer Jürgen Echterhage: „Wenn auf lange Sicht nur ein paar schlimme Fälle verhindert werden, dann ist das ein Erfolg“.

Auch an anderen Schulen muss man mit der veränderten Gesellschaft umgehen. So realisiert der erfahrene Lehrer Arno Bommersbach (Gertrudenschule), dass mittelfristig der Umgang mit den Kinder „enorm schwer“ geworden ist. Er sieht die Ursachen in einer massiven Individualisierung. „Die Persönlichkeit geht über alles“. Der Rest werde dem Individuum untergeordnet.

Peter von der Beck

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