Ein Filmvorführer tritt ab

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Gerd Fenner. ▪

NEUENRADE ▪ Gerd Fenner hat einen Beruf, den es bald nicht mehr geben wird: Er ist Filmvorführer – im Neuenrader Kino, dem Gloria Theater. Und nicht nur das: Er ist als gelernter Elektriker das „Mädchen für alles“, kennt jeden Stecker und jede Sicherung und wechselt jede kaputte Glühbirne selbst aus.

200 Zuschauer finden im Gloria Theater Platz. Braune Sitze, türkisfarbene Wände mit gerafften Vorhängen, kleine Kristall-Lampen zwischen den Sitzreihen: Alles vermittelt ein uriges Flair vergangener Zeiten. Nur die Plakate zum Film „Fluch der Karibik“ erinnern den Gast daran, dass er sich noch immer in der heutigen Zeit befindet.

Alexandra Schilling, die Geschäftsführerin, betreibt das Kino schon in der dritten Generation. 1955 eröffnete ihr Großvater das Gloria, der Musikfilm „Gitarren der Liebe“ war der erste, den das Neuenrader Publikum zu sehen bekam. Später übernahmen ihre Eltern das Kino und schließlich Alexandra Schilling selbst. Eigentlich hat die 42-Jährige eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten absolviert. „Aber man rutscht da rein, das hat sich so ergeben“, sagt sie. „Mit vier Jahren habe ich hier meine erste Cola verkauft und war seitdem immer hier.“

Auch während ihrer zweijährigen Ausbildung half sie abends im Kino aus. „Ich habe in meinem Leben schon so viele Filme gesehen, die kann ich gar nicht mehr aufzählen.“ Viele Streifen sehe sie auch zehn-, zwölfmal hintereinander, wenn sie die Theke im Vorführungssaal bediene.

Viel hat sich seit der Eröffnung 1955 getan. „Wir haben die Wandbespannung und die Lampenanlage erneuert, das ist bestimmt auch schon 15 Jahre her“, erklärt Alexandra Schilling. Das älteste Inventar des Vorführungssaales seien die Holzrahmen in den Ein- und Ausgängen; die Türen selbst wurden aus Brandschutzgründen schon ausgetauscht.

Auch die nächsten großen Veränderungen stehen schon bevor: „Wir müssen zwangsläufig irgendwann digitalisieren, ob wir wollen oder nicht“, sagt die Geschäftsführerin. Das wann und wie stehe zwar noch nicht fest, aber sicher sei: „Die 35 Millimeter-Kopien wird es irgendwann nicht mehr geben.“

In Menden, wo Alexandra Schilling gemeinsam mit ihrer Mutter ein weiteres Kino betreibt, hat sie gerade einen der drei Säle digitalisiert und auf 3D umgestellt. Ein teures Unterfangen: Wie hoch die Kosten lägen, hinge vom Kino ab, fünfstellig sei die Summe aber auf jeden Fall.

Das größte Problem für das Gloria Theater ist aber nicht die Ausstattung, erklärt die Betreiberin: „Wir müssen viel nachspielen, weil wir nur einen Saal haben.“ Drei Wochen lang muss sie jeden Film zeigen, mehrere Male am Tag, dazu verpflichte sie die Verleihfirma vertraglich. „Zwei Wochen wären besser“, findet Alexandra Schilling. In digitaler Form werde zwar die einzelne Kopie deutlich günstiger, trotzdem könnte sie auch dann immer nur einen Film gleichzeitig spielen.

Im Moment werden noch regelmäßig große Rollen mit den 35 Millimeter-Kopien ins Gloria geliefert. Mehrmals täglich steigt Gerd Fenner die schmale Holzwendeltreppe zum Vorführraum über dem Kinosaal hinauf, legt die Rollen in den Projektor ein und achtet darauf, dass während der Vorführung alles glatt läuft.

Seit 17 Jahren arbeitet der Elektriker im Gloria Theater. Eigentlich war er wegen einer Reparatur zum Kino gekommen. Weil gerade ein neuer Filmvorführer gesucht wurde, blieb er. Bis Ende des Jahres wird er sich noch um das Gloria kümmern, dann geht der 71-Jährige in den Ruhestand.

Die Kinobegeisterung liegt bei den Fenners in der Familie: Schon sein Vater arbeitete in einem Lichtspieltheater, auch seine beiden Söhne hatten mal einen Job als Filmvorführer. Gerd Fenner ist dabei geblieben, aus Spaß an der Freude, wie er sagt. Spaß hat er vor allem am Filmprojektor: „Ich bin Handwerker“, sagt Fenner. „Mich interessiert die Technik, weniger die Filme.“

Die Filmrolle einlegen, umspulen, den Streifen schneiden und zusammenkleben, wenn er gerissen ist – all das entfällt, wenn das Kino auf digitale Projektion umgestellt hat. „Dann reicht es eigentlich, wenn die Thekenkraft einen Knopf drückt“, sagt Alexandra Schilling. ▪ Von Constanze Raidt

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