„Gewebte Spitzen, wollene Bänder und weisser Zwirn“

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Ein Potrait des Kaufmanns Philipp Kuchen.

NEUENRADE - Zu den Besonderheiten des Neuenrader Wirtschaftslebens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählt ein ausgeprägter, die Grenzen der Grafschaft Mark und Westfalens weit überschreitender Fernhandel mit Textilien.

Bereits im Jahre 1754 notierte der aus Soest stammende spätere Präsident der Oberrechenkammer in Berlin, Johann Rembert Roden, in einer für die Kriegs- und Domänenkammer zu Kleve bestimmten „Beschreibung der Fabriken südwärts der Ruhr“, dass im Gegensatz zu Bochum, Castrop und Wattenscheid, wo noch immer der Ackerbau der wichtigste Erwerbszweig der Einwohner sei, im ebenfalls agrarisch strukturierten Neuenrade „die auswärtige Handlung“ deutlich zugenommen habe. Tatsächlich finden wir Neu-enrader Textilkaufleute in den folgenden Jahrzehnten in Kalkar, Wesel, Frankfurt, Mainz, Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Straßburg und Basel, wo sie ihre zu-meist aus Holland und dem Herzogtum Berg bezogenen Waren, insbesondere Stoffe aller Art, textile Bänder, Garne, Schnüre und Zwirn in großen Quantitäten wieder veräußerten.

Für das Jahr 1770/71 sind nicht weniger als 34 Firmen mit einem derartigen Ver-kaufssortiment bezeugt; 1779 waren die Fernhändler Johannes Happe, Christoph Happe, Kister und Bitter, Heinrich Kohlhagen, Kühn und Kohlhagen, Adolph Wedag und Philipp Kuchen mit eigenen Ständen auf der Frankfurter Messe vertreten. Letzterer, von dem sich ein eindrucksvolles Portrait erhalten hat, konnte den Messebesuchern ein besonders umfangreiches Angebot an Textilien aller Art präsentieren, darunter „Leinenband, gefärbter und weisser Zwirn, Spinal, Bett- und Schuhtrillig, gewebte Spitzen, wollene Bänder, holländische leinene Bänder, Klostergarn sowie drey- und vierdrähtiges Strickgarn“!

1792 werden rund 20 Kaufleute gezählt, die zumeist außerhalb der westfälischen Grenzen ihre Waren äußerst erfolgreich zum Verkauf anboten, so in Frankfurt, in Lothringen, im Elsass und in der Pfalz. Nach einer Berufstabelle des Jahres 1795 zählte man in Neuenrade nicht weniger als 45 Kauf- und Handelsleute, deren Wirkungsfeld sich auf nahezu ganz Deutschland und seine nächsten Nachbarländer er-streckte! Die Gewinne, die aus solchen Geschäften erzielt wurden, müssen beträchtlich gewesen sein. 1794 wird das Vermögen der Handlungshäuser Theodor Diep-mann sowie der Brüder Roettger und Wilhelm Kohlhagen auf jeweils 50 000 Reichstaler, das der Kaufleute Roettger Aldehoff und Johann Kuche auf jeweils 20 000 Reichtaler beziffert.

Mit der Abtretung des linken Rheinufers an das revolutionäre Frankreich im Jahre 1795 erlitt der Neuenrader Handel erste Rückschläge. 1803 berichtete der Magistrat an den für das Eisengewerbe in der Grafschaft Mark zuständigen preußischen Fabrikenkommissar August Friedrich Alexander Eversmann (1759-1837), „daß sämtliche hiesige, hauptsächlich mit Band handelnde Kaufleute sich über immer mehr zunehmende Einschränkung ihres Erwerbszweiges darum beschweren, weil sie bey den von französischer Seite jenseits (des) Rheins auf ihre Waaren gelegten hohen Im-post (Warensteuer) nicht mehr handeln könnten“! Auch als die Grafschaft Mark und damit Neuenrade dem 1806 gebildeten, unter französischer Regie stehenden Großherzogtum Berg zugeschlagen wurde, trat keine grundsätzliche Verbesserung der Situation ein. Zwar werden noch 1810 als „vorzüglichste Handelshäuser der Commüne“ die Firmen Henrich Kohlhage jun., Gebrüder Kuchen, Schröder ed Comp., Gerhard und Wilhelm Kohlhage, Büsche und Haape sowie Theodor Diepmann und als deren Absatzgebiete die Schweiz, das Elsass und „fremde Messen in der Oberpfalz“ genannt, doch ging der Textilhandel in den Folgejahren immer mehr zurück. Von den traditionsreichen Handelshäusern existierten 1833 nur noch Heinrich Kohlhage jun. und Gerhard Wilhelm Kohlhage.

Der 1802 gegründeten Samt- und Seidenbandfabrik der Gebrüder Kohlhagen, die in einem eigens errichteten „Fabrikenhaus“ in der Dritten Straße untergebracht war und zunächst gewisse Erfolge aufzuweisen hatte, war ebenfalls keine längere Lebens-dauer beschieden. Schon 1817 musste die Manufaktur ihre Tore wieder schließen, weil sie sich gegenüber den billigeren Produkten aus dem bergischen Raum nicht mehr behaupten konnte.

Ungeachtet dieser Entwicklung bleibt festzuhalten, dass das in den Zeiten des florie-renden Textil-Fernhandels angehäufte Kapital den Grundstock für die spätere industriemäßige Metallverarbeitung in Neuenrade bildete. Sowohl die 1841 errichtete Nietenfabrik Gries als auch die 1870/80 erfolgte Gründung der Firma Schürmann & Hilleke beruhten im Wesentlichen auf den Vermögen der alten Kaufmannsfamilien Diepmann und Kohlhagen!

Von Dr. Rolf Dieter Kohl

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