Das gewaltige Vorhaben Winterlit: Das sind die Planungen

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Die Winterlit-Brache, ein ehemaliges Betonwerk, soll verschwinden und das Tal soll zugeschüttet werden. Anschließend soll auf dem Gelände unter anderem ein Dirtpark für Radfahrer entstehen.

Neuenrade - Der Investor hat das Areal gekauft, um dort Schutt abladen zu lassen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren wird es auf dem Gelände des ehemaligen Betonwerkes Wiethoff an der Winterlit daher jede Menge Lastwagenverkehr geben.

Ein ganzes Tal wird verfüllt, ein Bach wird höher gelegt und umgeleitet. Es ist ein Projekt, das in der Region seinesgleichen sucht. 

Am Ende, wenn alles verfüllt ist, wird das Gelände hergerichtet, heimische Bäume sollen angepflanzt werden, ein Dirtpark, also naturnahes Gelände zum Mountainbike-Fahren, soll dort entstehen. Die Zahlen sind gewaltig und veranschaulichen die Dimensionen. Ein Gelände von 40 000 Quadratmetern soll angefüllt werden. „Dabei werden in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren 295 000 Kubikmeter Anfüllmaterial eingebracht“, heißt es in den Unterlagen der Verwaltung. Was dort abgekippt werden darf, ist definiert. Das Anfüllmaterial soll mineralischer, herkunftssicherer Boden- und Bauschutt sein. Die obere Decke soll mit Mutterboden bedeckt werden. 

Bach wird freigelegt

Der Bach Winterlit, der unter dem Gelände des Betonwerkes verschwunden ist, wird freigelegt. Und: Er wird an der Oberfläche im wahrsten Sinne des Wortes verlegt. Der Bachlauf wird verändert und soll schließlich am Rande des Geländes entlang fließen. Derzeit fließt er in zu kleinen Rohren unter dem versiegelten Betongelände her, was gelegentlich zu Überschwemmungen führt. 

Gebäude und mehrere Silos müssen abgebaut und entsorgt werden.

Vom alten Betonwerk sind noch einige Gebäude sichtbar, große Geländeareale sind mit Betonplatten versiegelt, alte Gerätschaften, Hallen, Betonobjekte, eine Art Gascontainer gammeln dort vor sich hin. 

Gelände ist beliebt

Das Gelände ist beliebt. Einige Jugendliche haben dort ihr Refugium, es gibt Hundebesitzer, die mit ihren Vierbeinern dort Gassi gehen. Gleichwohl prangt dort ein Schild: Das Betreten des Geländes ist verboten. 

Eigentlich ist das Gelände Neuenrader Außenbereich und bauliche Anlagen, wozu die Auffüllung und der Dirtpark zählen, dürften dort nicht realisiert werden. Deshalb ist ein Bebauungsplan nötig. Auch der Flächennutzungsplan bedarf einer Änderung. Das erfolgt in einem Parallelverfahren, um das Projekt schneller voranzubringen. Eine frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit ist angezeigt. Umgewandelt werden soll die Flächennutzung im Plan von landwirtschaftlicher zu forstwirtschaftlicher Fläche. 

Dirtpark für Mountainbiker

Warum der Flächennutzungsplan geändert werden soll, warum es dieses Vorhaben gibt, begründet die Stadtverwaltung damit, dass es – angesichts des demografischen Wandels – wichtig sei für junge Leute Angebote zu schaffen. Dazu zähle eben so ein Dirtpark für Mountainbiker, der auf einer Industriebrache entstehe. Zumal es im näheren Umfeld dergleichen nicht gebe. Dieses Freizeitangebot für Jüngere leiste sicher einen Beitrag zur Stabilisierung der demografischen Entwicklung, bei gleichzeitiger ökologischer Aufwertung des Areals. 

Das Winterlit-Gelände aus der Luft

Zig Lastwagen über einen Zeitraum von zehn Jahren werden den Schutt dort abladen – da spielt Immissionsschutz natürlich eine Rolle. Laut Stadt befinde sich das Gelände relativ abseitig, die nächste Wohnbebauung sei rund 180 Meter entfernt. Freizeitlärm werde wohl nicht großartig stören, deshalb seien auch Festsetzungen zum Schutz der Bevölkerung nicht nötig – ein Gutachten darüber könne gegebenenfalls angefertigt werden, schreibt die Stadt. Was nun den Schutttransport anbelangt, so erfolge der über Privatwege, es sollte keinen Ärger mit Lärm und Staub geben. „Immissionskonflikte sind wegen der bestehenden Entfernungen nicht zu erwarten.“ 

Schutt kommt aus der Region

Das Areal dient der Entsorgung anfallenden Bodenaushubs und Bauschutts aus Neuenrade, heißt es ausdrücklich in den Unterlagen. Ist aber so nicht richtig. Der Schutt könne auch aus der Region kommen, schloss Bauamtsleiter Marcus Henninger auf Nachfrage auch Sundern mit ein. Das werde in den Unterlagen geändert. 

Vorhanden und online einsehbar sind die Pläne. Auch der Vorentwurf eines Umweltberichtes, angefertigt vom Büro Stelzig aus Soest. Schließlich ist es nicht undramatisch für die vorhandene Tier- und Pflanzenwelt, wenn der Lebensraum zugeschüttet wird. Es gab demnach drei Begehungen durch Büro-Mitarbeiter, sowie „die Messtischblatt-Ebene“, um die Situation wegen „planungsrelevanter Tierarten“ abzufragen. 

Keine relevanten Vogelarten

Potenzial als Bruthabitat im Plangebiet gibt es dort zum Beispiel für den Uhu. Nicht relevant ist die verrohrte Winterlit für bachbewohnende Tiere. Planungsrelvante Vogelarten (Neuntöter oder Bluthänfling) konnten nicht vorgefunden werden. Auch von Eidechsen und Schlangen war nichts zu sehen. Kein Quartierpotenzial in den zugigen und hellen Gebäuden gibt es nach Auffassung der Experten des Büros für Fledermäuse. Aber durchaus vorkommen könnte der Schwarzspecht im angrenzenden Waldbereich. Brutvorkommen des Uhus gibt es im angrenzenden Steinbruch. Dieser liegt aber im Norden und damit außerhalb des Wirkraums. Ganz klar ein schutzwürdiges Biotop ist im Norden der Steinbruch Winterlit mit seinem Gewässer. „Der Steinbruch ist ein wertvolles, strukturreiches Sekundärbiotop (von Menschen gemachtes) von lokaler Bedeutung“, heißt es. 

Auf dem mit Betonplatten versiegelten Gelände lagern noch diverse Hinterlassenschaften.

In der Nähe gibt es schutzwürdige Quellbereiche nordöstlich von Gut Berentrop sowie den Quellbach des Timmersiepens und auch den Eichen-Niederwald. 

Biologische Vielfalt relativ gering

Durch die Betonversiegelung des Geländes bleibt die biologische Vielfalt relativ gering. So sei dort kein grabfähiges Substrat für Eidechsen. Aber: Das Gelände ist eine wichtige Nahrungsquelle für blütensuchende Insekten wie Schwebfliegen oder Wildbienen. Denn auf den Freiflächen wachsen viele Pflanzen, zudem ist die dort ebenfalls vorhandene Bodendeponie mit Stauden bedeckt. 

Innerhalb des Umweltberichtes gibt es noch das Kriterium Biotopvernetzung. Dabei liegt der Änderungsbereich teilweise in der Biotopverbundfläche „Tal- und Steinbruch Winterlit“ – ein Quellbereich mit zwei Rinnsalen und Grauwackesteinbruch und „unbedingt schützenswert“. Ziel dieses Biotopverbundes ist die Schaffung eines bachbegleitenden Feuchtwaldes. Geschaffen werden sollen in dem Verbund Lebensraum für Waldeidechse und Geburtshelferkröte oder gar Dunkers Quellschnecke. Klar ist: Der als gefährdet eingestufte Buchenfarn wächst dort. 

Wasserspeicher wird geschaffen

Durch die Verfüllung und vor allem durch die Entsiegelung der Landschaft soll dort ein ordentlicher Wasserspeicher geschaffen werden, zudem sorgt die Freilegung des Baches für eine Wasserrückhaltefunktion, die zumindest die Hochwassergefährdung in dem Areal reduzieren dürfte. Bislang ist es so, dass die Winterlit als „kleiner Talauebach des Grundgebirges“ eingestuft wird. Laut Hochwasser-Risikokarte könnte die Winterlit bis zu 20 Einwohner gefährden und bei Hochwassersituationen zu kritischen Ständen der Hönne führen. 

Teil des Umweltberichtes ist auch eine Status-Quo-Prognose. Wie würde sich der Planungsbereich entwickeln, wenn nichts passiert? Das Büro Stenzel geht davon aus, dass die Gebäude verfallen und das Gelände verbuscht. 

Artenreiche Blühflächen gehen verloren

Werden die Pläne umgesetzt, so gehen nach Auffassung des Büros Stenzel artenreiche Blühflächen verloren, gleichwohl würden waldbewohnende Tierarten begünstigt. Sicher sei schon jetzt, dass gewisse Vermeidungsmaßnahmen notwendig würden. Diese sollen auf der Ebene des Bebauungsplans zutage kommen. 

Gekauft hat das Gelände NBTK Ulbricht, eine Werdohler Spedition. NBTK Ulbricht und der Iserlohner Entsorger Lobbe haben eine eigene Gesellschaft für das Vorhaben gegründet.

Informationen 

Bis zum 30. August liegen die Pläne noch aus. Während der Auslegung kann jedermann Anregungen schriftlich vorbringen oder im Rathaus zur Niederschrift bekannt geben. Weitere Infos online unter www.neuenrade.de.

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