Kam die neuerliche Absage zu früh?

Gertrüdchen-Aus: Das sagen Neuenrader und Betroffene

Gertrüdchen in Neuenrade: Die großen Fahrgeschäfte sind vor allem bei den jüngeren Besuchern beliebt. Die Schausteller leiden ganz besonders unter der Absage des Volksfestes.
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Die großen Fahrgeschäfte sind vor allem bei den jüngeren Besuchern beliebt. Die Schausteller leiden ganz besonders unter der Absage des Volksfestes.

Nachdem Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) das Neuenrader Traditionsfest Gertrüdchen Anfang März dieses Jahres coronabedingt abgesagt hatte, zeigten nicht alle Neuenrader Verständnis für diese Entscheidung.

Am Montag teilte Wiesemann mit, dass das Volksfest aufgrund der Pandemie auch im kommenden Jahr nicht gefeiert werden kann. Die Redaktion hat einige der Betroffenen um eine Stellungnahme gebeten.

„Die Absage ist völlig nachvollziehbar und absolut richtig. Keiner kann jetzt wissen, wie sich die Situation im März darstellt“, sagt Neuenrades Stadtmarketing-Geschäftsführerin Sandra Horny. „Wenn man die Entscheidung hinausgezögert hätte, wäre es für viele sicher wieder eine herbe Enttäuschung geworden.“ Die Leidtragenden seien natürlich insbesondere die Schausteller, stellt Horny fest: „Für sie geht es um die Existenz.“

Vereinen brechen die Einnahmen weg

Doch auch einige heimische Vereine hätten inzwischen möglicherweise Probleme, da viele Einnahmen coronabedingt weggebrochen seien. „Wir haben unser Gertrüdchen-Konzept mit den Vereinen ja leider auch noch nicht umsetzen können“, unterstreicht Horny. Vereine, die durch die Corona-Krise Probleme hätten, könnten sich jederzeit an das Stadtmarketing oder an Bürgermeister Wiesemann wenden. „Wir haben auf jeden Fall ein offenes Ohr“, verspricht Horny.

Nicht nur in der Gertruden-Passage, auch im Zelt der Pfadfinder ist es insbesondere abends voll.

Der Neuenrader Maik Wiesegart gehört zu den Entspannungsministern, deren Auftritt im Pfadi-Zelt mittlerweile Tradition ist. „Uns war schon vor der ersten Absage Anfang März klar, dass das Fest in diesem Jahr nicht stattfinden kann“, sagt Wiesegart. Die erste Absage hätten die Musiker nicht bewerten wollen: „Das war einfach zu neu und unbekannt, was da auf uns zukam.“

Band hat den Probenbetrieb eingestellt

Nach den vergangenen Pandemie-Monaten sei das natürlich etwas anderes: „Uns war im Laufe dieses Jahres schon früh klar, dass Gertrüdchen auch 2021 nicht stattfindet. Und, dass es sehr lange dauern wird, bis wir überhaupt wieder auf der Bühne stehen werden.“ Die Entspannungsminister hätten sich dementsprechend auch nur zu einer Probe getroffen. „Im Garten, weil unser Probenraum einfach zu klein ist. Außerdem wussten wir auch nicht, wofür wir überhaupt proben sollen.“ Denn wenn die Krise irgendwann überwunden sei, würden sich die Entspannungsminister zunächst noch zurückhalten: „Dann lassen wir erst einmal denen den Vortritt, die davon leben.“

Klaus Filter, Vorsitzender des Neuenrader Einzelhandelsverbandes, bedauert die Absage des Volksfestes und des damit verbundenen verkaufsoffenen Sonntags. „Wenn die Situation im März besser gewesen wäre, hätten die Einzelhändler, die Schausteller und auch die Vereine wieder Boden gut machen können.“ Dennoch könne er die Entscheidung nachvollziehen: „Die Gesundheit der Menschen geht einfach vor.“

Frauenunion sammelt 2021 keinen Trödel

Die CDU-Frauenunion hat nach der Absage im März den gespendeten Gertrüdchen-Trödel eingelagert. „Viel Platz haben wir aber nicht mehr“, sagt die Vorsitzende Kristina Jürgens. Nach der Entscheidung für 2021 habe der Vorstand beschlossen, im kommenden Jahr auch keinen Trödel zu sammeln. „Unser Trödelmarkt ist fest mit dem Gertrüdchen verknüpft“, sagt Jürgens, die mit der Entscheidung des Bürgermeisters schon gerechnet hat: „Wer die Entwicklung und die Nachrichten verfolgt, der konnte sich schon denken, dass es im kommenden Jahr kein Gertrüdchen geben wird.“

Die CDU-Frauenunion wird 2021 keinen Trödel sammeln und auf das nächste Gertrüdchen warten.

Auch für Heinz Friedriszik, den Vorsitzenden des Wirtevereins, war die Absage für das kommende Jahr keine große Überraschung mehr. „Mein Vorschlag, das Fest in abgespeckter Form zu feiern und auf die Öffnung der Gertruden-Passage zu verzichten, war ja im Sommer beim Bürgermeister nicht gut angekommen“, stellt er fest. Die Gesamtsituation sei natürlich auch für die Neuenrader Gastronomen sehr schwierig: „Jede Veranstaltung, die jetzt abgesagt wird, tut uns Wirten richtig weh.“

Schausteller leiden besonders unter der Absage

Das gilt natürlich auch für die Schausteller, die ganz besonders unter den coronabedingten Einschränkungen der vergangenen Monate leiden mussten. „Ich habe aus den Medien erfahren, dass das Gertrüdchen 2021 abgesagt worden ist“, berichtet der Plettenberger Hartmut Langhoff. Die Fahrgeschäfte der alteingesessenen Schausteller-Familie sind fester Bestandteil des Volksfestes: „Wir sind die älteste Firma, die das Gertrüdchen bestückt.“

Vor dem Peitschenknall auf dem Rathausbalkon tagt das Gertruden-Komitee traditionell im Rathaus. Dieses Foto entstand im Jahr 2019 – vor der Corona-Pandemie.

Langhoff kann die Sorge um die Gesundheit der Bevölkerung nachvollziehen, sieht die Absage zu diesem frühen Zeitpunkt aber auch skeptisch: „Wir hätten bis März noch fünf Monate gehabt, das ist eine lange Zeit“, stellt er fest. Der Plettenberger ist überzeugt: „Auch wenn die Gertrüdchen-Entscheidung erst Ende Januar gefallen wäre, wären wir Schausteller flexibel genug gewesen, um das durchzuziehen.“

Wäre abgespeckte Form doch eine Alternative gewesen?

Inzwischen habe er Erfahrungen sammeln können, wie eine Veranstaltung auch unter besonderen Bedingungen funktionieren könne. „Die Leute halten sich an die Regeln, sie sind froh, wenn etwas stattfindet“, ist er überzeugt. Für Langhoff stellt sich auch deshalb die Frage, ob es nicht doch eine Alternative zum traditionellen Volksfest gegeben hätte. „Ein Fest in abgespeckter Form, das man einmalig so durchgezogen hätte.“

Auch aus Sicht von Simone Langhammer, Kuratorin und Vorstandsmitglied des Neuenrader Pfadfinderstamms Steve Biko, ist es „sehr schwierig jetzt Aussagen darüber zu treffen, ob man das Gertrüdchen im März durchführen kann oder nicht“. Sie kommt deshalb zu diesem Schluss: „Die Absage ist folglich eine logische Entscheidung.“

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