Gertrüdchen: Bunga-Bunga, Buba-Bitter und mehr

NEUENRADE ▪ Was den Kölnern ihre Prunksitzung ist, ist den Neuenradern die öffentliche Sitzung des Gertrudenkomitees. Pünktlich um 9.30 Uhr begrüßte Bürgermeister Klaus-Peter Sasse die Gäste, die wie immer zahlreich in den kleinen Sitzungssaal geströmt waren.

Die Sitzung zählt zur Eröffnungszeremonie des Gertrüdchens. Während im Inneren die Besucher den Worten des Bürgermeisters lauschten, versammelten sich auf dem Schulhof hunderte Neuenrader. Denn für einen echten Gertrüdchen-Fan ist die Verlesung der Marktregeln und der dreifache Peitschenknall Pflicht. „Was wäre ich armes Würstchen ohne meinen Dr. ,plagiatfrei‘ Rolf-Dieter Kohl?“ Wie in den vergangenen Jahren ließ es sich Sasse nicht nehmen, sowohl einen historischen als auch einen politischen Rundumschlag zu verteilen. Und was läge da näher als die Motte. Wahre Legenden ranken sich um die kleine Burg, die einst in Küntrop stand. „Es ist die Geschichte des traurigen Endes einer stolzen Burg und bis heute ein Makel der friedliebenden Stadt Neuenrade. Jetzt können wir endlich alles wieder gut machen“, so beginnt Sasse die Geschichte, die sich einst 1355 in Küntrop abgespielt haben soll. Auf satirisch-humoristische Weise erhalten die Gäste, darunter auch die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag und die Landtagsabgeordneten Wolfgang Exler und Michael Scheffler, einen Einblick in die Stadtgeschichte. „Mein Archivarius erzählte mir die Geschichte. Er fand Unterlagen im geheimen preußischen Staatsarchiv, das so geheim ist, dass niemand weiß, dass es das gibt.“

Eines Tages, als die Burgherren alle verreist waren, sollen die Untertanen eine große Party organisiert haben. Um die Frauen zu bezirzen, habe es eine Menge Wein gegeben. „Heute würde man in Anlehnung an Berlusconi sagen, man hat eine Bunga-Bunga-Party gefeiert.“ So alkoholisiert habe niemand bemerkt, dass Graf Engelbert die Burg eroberte, man dachte es gehöre zur Feier. Nachdem man noch einmal mit dem Gertrüdchen-Getränk Buba-Bitter angestoßen hatte, ging es dann hinauf auf den Balkon, die Zeit drängte, schließlich sollte um Punkt 10 Uhr der dritte Peitschenschlag erklingen, der das Fest traditionell eröffnet. Doch zuvor verlas Stadtsoldat Bernd Uerpmann die Marktregeln: „Auf dem Wall ist für Kurzweil und Kirmes gesorgt. Schnaps und Bier werden in Maßen angeboten. Abends wird zum Tanz in den Schankwirtschaften aufgespielet.“Seit hunderten von Jahren gibt es diese Regeln, die meisten Neuenrader können sie sicherlich bereits auswendig, dennoch wurde es erstaunlich ruhig auf dem Platz. Der Stadtsoldat scheint immer noch das Sagen in der Stadt zu haben, zumindest an diesem einen ganz besonderen Wochenende im Jahr. Und auch der Bürgermeister hat ein königliches Ansehen, wenn er vom Balkon seines „Schlosses“ dem Volk auf dem Platz winkt. Nach dem Verlesen erklingt ein letztes Mal die Glocke, die seit Wochen in allen Nachbarstädten das Volksfest einläutet. Bevor Horst Kruses großer Auftritt nahte. Nun hatte der Peitschenknaller vom Attig die volle Verantwortung. Drei Mal musste es knallen, nur dann ist die Eröffnung perfekt. – Es klappte. Kräftiger Applaus, ein Tusch des Spielmannszuges und ein Ständchen des MGV Liedertafel zeigten: Das Gertrüdchen ist eröffnet. Sekunden später liefen die Fahrgeschäfte, das Bier und der Buba-Bitter flossen in Mengen. ▪ Lydia Machelett

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