Bürgermeister mit sich dennoch im Reinen

Gertrüdchen-Absage sorgt für viel Unmut in Neuenrade

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Eine volle Innenstadt in Neuenrade wird es in diesem Jahr am Gertrüdchen-Wochenende nicht geben. Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) hat die Veranstaltung abgesagt.

Neuenrade – Bei Sabine Rogoli von der Stadt Neuenrade stand das Telefon am Donnerstag nicht still.

Rogoli organisiert gemeinsam mit Kollegin Debora Carbone das Gertrüdchen, kümmert sich insbesondere um die vielen Schausteller – und die zeigten kein Verständnis für die Volksfest-Absage. So hatte das Duo alle Hände voll zu, um alle Anrufe abzuarbeiten. Und das „bei gedrückter Stimmung“. 

Die Absage hat nicht nur im Rathaus hohe Wellen geschlagen. Die Neuenrader finden in der Mehrzahl die Entscheidung nicht gut, zumindest schade, wenn nicht sogar unverschämt. Doch Bürgermeister Antonius Wiesemann (CDU) ist mit seiner Entscheidung im Reinen. Er habe seit Mittwochnachmittag mit vielen Leuten gesprochen und Zustimmung erfahren. Allerdings hätten ihn auch Nachrichten erreicht, in denen er zum Rücktritt aufgefordert wird. 

Keine andere Wahl?

„Ich habe eine Verantwortung für die Schwachen und Älteren. Die besondere räumlich-örtliche Gertrüdchen-Konstellation hat mir keine Wahl gelassen“, versuchte er auch am Donnerstag noch einmal die Absage zu erklären. Entscheidungen benachbarter Bürgermeister, die Großveranstaltungen nicht absagen wollen, kommentierte Wiesemann nicht. Stattdessen sagte er: „Angesichts der Möglichkeit, dass ich eine Infektionsquelle schaffen könnte, war es eine klare Entscheidung für mich.“ Einen Teil der Veranstaltung durchzuführen, sei ebenfalls keine Option gewesen. 

Gertrüdchen-Organisatorin Sabine Rogoli sagt, auch in anderen Kommunen werde derzeit geprüft, ob derartige Veranstaltungen noch stattfinden könnten. Ihre Einschätzung: „Die Tendenz geht dahin, mehr abzusagen.“ Sie verwies auch noch einmal auf die rechtliche Seite der Absage. Man beziehe sich auf „die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes“, dass im „Rahmen der Gefahrenabwehr für die Allgemeinheit, alle anderen Aspekte“ zurückstehen müssten. Denn sollte es zu einer Infektion kommen, könne bei einem Volksfest wie dem Gertrüdchen keine Infektionskette nachvollzogen werden. 

Absage könnte Signalwirkung haben

Weitere Konsequenzen der Absage sieht Rogoli durchaus. Man sei sich einer möglichen Signalwirkung bewusst. Rechtliche Konsequenzen seien durch die Absage nicht zu befürchten, da die Verträge mit den Schaustellern die höhere Gewalt als Klausel enthielten. 

Für alteingesessene Gertrüdchen-Schausteller wie die Firma Feldmann aus Plettenberg, die seit 25 Jahren in der Hönnestadt dabei ist, könnte die Absage sogar „eine existenzielle Komponente“ haben. „Das Gertrüdchen ist wichtig und die erste Gelegenheit im Jahr, Geld zu verdienen.“ Wenn das Fest nun ausfällt, sehe es düster aus. Alternativen gebe es so kurzfristig nicht. Mal eben nach Leipzig zu einer Kirmes zu fahren, das funktioniere nicht. Feldmann fürchtet nach dieser Entscheidung „mit Signalwirkung“ zudem den Ausfall weiterer Veranstaltungen, wie etwa der Frühjahrskirmes in Werdohl. 

Ahornklause-Wirt ist verärgert

Kein Verständnis für die Entscheidung hat man in der Ahornklause. Wirt Ari sagte: „Wer sich ordentlich die Hände wäscht und die anderen Hygienevorschriften beachtet, dem passiert schon nichts.“ Solange in der Bundesliga noch Spiele vor mehr als 60 000 Menschen ausgetragen werden, könne er die Entscheidung erst recht nicht verstehen. Deshalb habe die Ahornklause auch wie immer geöffnet. 

Verärgert ist auch Jens Hilgert, Mitgeschäftsführer des Hagebaumarkts Arens & Hilgert: „Ich bin traurig. Wir haben viel vorbereitet und organisiert.“ Er hätte eine andere Entscheidung getroffen. Zumal es keine entsprechende Anweisung des Kreisgesundheitsamtes gegeben habe. „Ich sehe die Gesundheit nicht gefährdet“, sagte Hilgert, der nun „die Folgen tragen“ müsse. Hilgert hat reagiert und wird stattdessen von Donnerstag bis Samstag ein Frühlingsfest feiern – mit fast allen Programmpunkten, die er ohnehin vorgesehen hatte. Nur auf den verkaufsoffenen Sonntag muss er verzichten – und auf die BVB-Maskottchen-Biene Emma, die nur am Sonntag gekommen wäre. 

Zustimmung nur aus der Politik

Seitens der Kommunalpolitik bekommt Wiesemann für seine Entscheidung eindeutig Zustimmung vom Bündnisgrünen-Sprecher Ulrich Naumann, der die Absage als „vernünftig“ bezeichnete. Würde etwas passieren, hätte auch er es nicht verantworten wollen. Sein Vorschlag: „Im nächsten Jahr ist das 666. Gertrüdchen, dann können wir ja doppelt feiern.“ Zustimmung gibt es auch von FDP-Chef Michael Hammer: „Ich stehe hinter der Entscheidung des Bürgermeisters. Auch ich wäre das Risiko nicht eingegangen. Die Gesundheit geht immer vor, das Risiko ist zu hoch.“ 

Detlef Stägert, Chef der Freien Wählergemeinschaft Neuenrade, sagte: „Diese Entscheidung wird in die Annalen des Gertrüdchen eingehen.“ Stägert ist sich unsicher, ob die Entscheidung richtig war: „Das ist eine sehr außergewöhnliche Situation.“ Allerdings sieht er eine gewisse Inkonsequenz der Behörden. Theoretisch würden auch Schulen geschlossen werden müssen. Und das Fahren in überfüllten Bussen berge sicher auch Ansteckungsgefahren. 

SPD äußert sich nicht

Die CDU stärkt ihrem Bürgermeister erwartungsgemäß den Rücken: „Aufgrund der gestiegenen Zahlen von Infizierten im Märkischen Kreis, in Verbindung mit der Verunsicherung zahlreicher Aussteller und potenzieller Besucher, war diese Entscheidung richtig“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die CDU könne verstehen, dass der Bürgermeister eine Verbreitung des Virus via Gertrüdchen nicht verantworten wolle. Deshalb habe es für die Gesundheit der Bürger keine andere Entscheidung geben können. 

Nachdem SPD-Chef Thomas Wette das neue Gertrüdchen-Konzept in der Vergangenheit kritisiert hatte, wollte er die Absage am Donnerstag auf Anfrage nicht kommentieren.

Die Freie Wählergemeinschaft Neuenrade (FWG) lässt sich das Feiern am Gertrüdchen-Wochenende trotz der Absage nicht nehmen. So laden die Verantwortlichen Parteimitglieder und Interessierte für Samstag, 14. März, zum traditionellen Umtrunk ins FWG-Knusperhaus, Mühlendorf 6, ein. Los geht es um 18.30 Uhr. Bei kalten und warmen Getränken, Bratwürstchen sowie weiterer Verpflegung soll in gemütlicher Runde geplaudert werden. „Die absolute Sicherheit kann niemand geben. Menschenansammlungen finden schließlich überall weiterhin statt“, erklärt Parteivorsitzender Detlef Stägert, warum die Freien Wähler an ihrem Gertrüdchen-Samstag festhalten.

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