Das Ende einer Ära

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Wehmütig: Der kommissarische Leiter der Gertrudenschule Neuenrade, Hans-Jürgen Stracke. ▪

NEUENRADE ▪ Wenn Lehrer Arno Bommersbach Praktikumsplätze für seine Schützlinge sucht, ist er in den Neuenrader Firmen unterwegs. Und dann kennt er „fast jeden“ in den Betrieben: Dieser Meister hat mal die Hauptschule besucht, jener Techniker auch. In der Tat: Viele Neuenrader, die aktuell Leistungsträger in der örtlichen Wirtschaft sind, haben die Gertrudenschule besucht.

Und sie haben hier offenbar eine gute schulische Grundlage erhalten. Denn viele ehemalige Hauptschüler haben sich fortentwickelt, sich weitergebildet oder eben direkt nach der Hauptschule in örtlichen Betrieben Karriere gemacht. Die Pädagogen der Neuenrader Hauptschule blicken mit Stolz zurück. In enger Kooperation mit der Handwerkerschaft, der Industrie und dem Handel haben sie gut für den örtlichen Arbeitsmarkt gesorgt und so mancher jungen Frau und so manchem jungen Mann eine Lehrstelle besorgt. Schulleiter Hans-Jürgen Stracke: „Der Grundstock an Neuenrader Fachkräften hat hier seine schulische Grundbildung erhalten“. Die Idee mit der engen Verzahnung von Wirtschaft und Schule, die heutzutage auch bei anderen Schulformen modern ist, stammt aus der Hauptschulhistorie. Das erfolgreiche Konzept wurde vielfach kopiert, da sind sich Stracke und Bommersbach sicher.

Wie dem auch sei – in Nordrhein-Westfalen ist die Hauptschule eine sterbende Schulform. Und auch in Neuenrade geht die Ära der Gertrudenschule sicher zu Ende. Vier Jahrgänge gibt es noch und wenn die durch sind, dann ist die Schule Geschichte. Nur noch zwei vorherrschende Schulformen wird es landesweit dann geben: Gymnasien und Sekundarschulen. In Neuenrade gibt es als weiterführende Schulen, dann aber noch die Gemeinschaftsschule mit ihrem besonderen Konzept und die Waldorfschule.

Mit der Gertrudenschule geht es nun langsam zu Ende. Doch das bedeute nicht, so Stracke, dass die aktuellen Schülergenerationen darunter leiden würden. Vielmehr kümmere man sich besonders intensiv und die Schüler könnten natürlich ihren Abschluss an der Gertrudenschule machen. Das ist den Eltern wichtig. Zudem schaffen Stracke und sein Kollegium Transparenz, um so eine gute Vertrauensbasis bei den Eltern zu haben. Stracke betonte ausdrücklich: „Die Kinder sind uns wichtig“. Auch gib t es keine materiellen Nachteile für die Schule. Die Stadt kümmere sich genauso wie vorher und auch die Fächer könnten allesamt abgedeckt werden, auch wenn jedes Jahr ein oder zwei Lehrerstellen wegen der automatisch sinkenden Schülerzahlen verschwinden würden. Nur in den letzten beiden Jahren der Hauptschule müsse verstärkt mit der Gemeinschaftsschule kooperiert werden. Und darin sieht Stracke kein Problem.

Auch wenn alles funktioniert bis zum Schluss – es gibt bei den Lehrern eine emotionale Komponente. Auf der einen Seite das stille Sterben der Hauptschule und gleich nebenan Neuanfang und Aufbruch mit der neuen Gemeinschaftsschule. Das sei nicht einfach, trotz der fairen und offenen Zusammenarbeit. Das lassen sowohl Bommersbach als auch Stracke durchblicken. ▪ Peter von der Beck

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