Behinderte und Nichtbehinderte lernen gemeinsam

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Förderschullehrer Jörg Leiß unterrichtet an der Gemeinschaftsschule Neuenrade. ▪

NEUENRADE ▪ Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen – auch in Neuenrade wird dieses Ziel der nordrhein-westfälischen Landesregierung umgesetzt. An der Gemeinschaftsschule nehmen sieben Schüler mit Behinderung am Unterricht teil. Wie funktioniert dieser gemeinsame Unterricht, inwieweit können Schüler davon profitieren? Und welche Schwierigkeiten bringt das gemeinsame Lernen mit sich?

Die Entscheidung, ob ein Kind mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung auf eine Förder- oder Regelschule gehen soll, liegt bei den Eltern, erklärt Schulleiterin Astrid Tillmann: „Auch wenn wir als Lehrer den Eindruck haben, ein Kind könnte an einer Förderschule besser betreut werden, können wir die Eltern nur beraten.“

Nach einem guten Jahr zieht Astrid Tillmann eine positive Bilanz der ersten Erfahrungen mit dem inklusiven Unterricht: „Die Mitschüler ohne Behinderung tragen das sehr gut mit, besonders die stärkeren Schüler helfen“, sagt sie. Die Sozialkompetenz werde so sicher bei allen gesteigert, glaubt die Schulleiterin. Für die Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen sei es allerdings gewöhnungsbedürftig, dass sie – im Gegensatz zu ihren Mitschülern mit einer körperlichen Behinderung – keine Noten bekommen. Genau wie an der Förderschule schreiben die Lehrer ihnen ein Zeugnis in Berichtform. „Es geht eher darum, aufzuzeigen, was sie schon erreicht haben“, erklärt Astrid Tillmann.

Jörg Leiß ist einer der beiden Förderschullehrer, die derzeit an der Gemeinschaftsschule unterrichten. Er betreut fünf Jungen und Mädchen aus dem sechsten Schuljahr, alle mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Eigentlich ist er Klassenlehrer einer zehnten Klasse an der Plettenberger Förderschule. An der Gemeinschaftsschule Neuenrade unterrichtet er zwölf Wochenstunden.

Diese doppelte Tätigkeit ist für den Pädagogen nicht immer einfach. „Das Problem ist die Zerrissenheit zwischen zwei Systemen“, sagt Jörg Leiß. „Beide Gruppen kommen ein bisschen zu kurz.“ Ein fester Förderlehrer an der Regelschule, „der sich dann nur innerhalb dieses Schulsystems bewegt“, wäre eine Option, die ihm besser gefallen würde.

Doch auch mit dem begrenzten Kontingent von zwölf Stunden kann Jörg Leiß an der Gemeinschaftsschule einiges erreichen, wie er glaubt. In fast allen Fächern werden die Schüler tatsächlich gemeinsam unterrichtet. „Dadurch, dass sich die Förderschüler zum Beispiel aktiv in den Deutschunterricht einbringen können, bekommen sie eine Menge vom Stoff mit“, sagt Leiß. In anderen Fächern sei ein gemeinsamer Unterricht nicht sinnvoll. So gestaltet der Förderlehrer mit den Jungen und Mädchen mit Förderschwerpunkt Lernen eigene Mathematik-Stunden. „Im wesentlichen behandeln wir dieselben Themen, aber auf einem niedrigeren Niveau“, erklärt Leiß. „Die Förderschüler müssen nicht alles bis zum Ende durchdringen.“ Er versuche, die Themen griffiger zu gestalten. Der Förderlehrer verwendet zum Beispiel kleine Plättchen, um die Bruchrechnung zu verdeutlichen: „So wird das Problem für die Förderschüler anschaulicher, wo die Regelschüler es vielleicht rein intellektuell begreifen können.“

Auch im Fach Englisch erscheint es Jörg Leiß sinnvoll, die Förderschüler allein zu unterrichten. „Es hat keinen Sinn, mit den Kindern weiterzugehen, wenn sie die Grundlagen noch nicht haben“, findet er. Mehr lebenspraktische Inhalte, die nicht nur über Texte, sondern auch über das Hören vermittelt würden – das könnten Methoden sein, den Förderschülern die Fremdsprache näherzubringen. „Manchmal muss man einfach nur Zusammenhänge, die kompliziert wirken, auf die Lebenswirklichkeit der Kinder runterbrechen“, sagt Jörg Leiß. „Davon können dann auch beide Seiten profitieren.“ ▪ Constanze Raidt

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